Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 13 (1.7.1935)
- Date
- 1935-07-01
- Page
- Seite 286 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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286 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13; Es hegt auf der Hand, daß wir wie^ bisher, mit 7% und künftig-bei Senkung der Zuschläge zur Einkommensteuer auf ,8% mit einem noch geringeren Sätze nicht auskommen können. - Wohl haben wir versucht,} durch die Forderung freiwilliger Beiträge — die sogenannte Steuerergänzung in Höhe von 5% — -und durch das Kirchgeld unsere Finanzlage zu verbessern, leider mit völlig ungenügendem Erfolg. Es darf wohl die Mahnung" ausgesprochen werden, daß unsere Steuerzahler mehr als bisher ihre Schuldigkeit durch freiwillige Leistungen an die Gemeinde tuen, in einer Zeit, in der wir zur Aufrechterhaltung unserer Einrichtungen ganz auf uns selbst angewiesen sind. In unmittelbarem Zusammenhang mit dieser Frage steht Die Schulfrage. Die Verhältnisse sind bekannt. Die Volksschullehrer erheben in einer Eingabe vom 30. Mai 1935 eindringlich die Forderung nach einem neuen Schulgebäude. Die Schule zählt heute 289 Schüler, in den allgemeinen Volksschulen sind 125 jüdische Schüler eingeschrieben. Wir haben es an Bemühungen nicht fehlen lassem. eine Lösung der Sohulfrage zu finden; wir haben etwa 50 Gebäude besichtigt. Es wurden Verhandlungen wegen Aufnahme und- Untertoringung einer Anleihe zu einem Schulhausbau geführt. Zu erwägen ist, bei der Investierung größerer Summen in einem Neubau auch der Umstand, daß die Zahl der Schulkinder im Laufe der Jahre ständig sinken wird. Es wurde darum an die Miete geeigneter Räume gedacht. Wir haben jetzt auch dem Gemeindearchitekten Planskizzen in Auftrag gegeben, unter vollständiger Ausnutzung der in unserem Besitz befindlichen Baufläche an der Herzog-Rudolf-Straße Schulräume zu erstellen. Die Pläne liegen bereits vor. Der gegenwärtige Zustand kann nicht länger bestehen bleiben, und da mit einer Erhöhung 'der Steuererträgnisse durch Erhöhung des Einheitssatzes gerechnet werden kann, so sind auch die. finanziellen Grundlagen für die Lösung der Schulfrage gegeben. Der Finanzausschuß wird in seiner ersten Sitzung in der allernächsten Zeit mit diesem Problem befaßt werden und zwar mit dem Ziele, daß die gegenwärtigen Zustände in unserer Volksschule -unter allen Umständen behoben werden müssen. Die geringen SteuererträgiBSse haben dazu geführt, daß unser Wohlfahrtswesen finanziell ttmcht fundiert äst. Die freiwilligen Leistungen unserer .GemeindemitgBeder aber sind auch hier — von einzelnen sehr rühmlichen Fällen abgesehen — völlig ungenügend. Wir sind hier um so mehr auf freiwillige Leistungen angewiesen, als nach der amtlichen Auffassung die Kirchen ihre Steuermittel lediglich für Kultus und Unterricht aufzuwenden haben, nicht aber für karitative Leistungen, die auf freiwilligen Leistungen aufzubauen sind. Dazu kommen die besonderen Bedürfnisse der Reichsvertretung der deutschen Juden. Sie belasten den Etat der Landesverbände und Gemeinden in hohem Maße. Ich muß aber als Mitglied des Haushaltausschüsses der Reichsvertretung bestätigen, daß diese Köpfbeiträge und Sammelergebnisse aus den Ländern und Gemeinden einen nicht zu entbehrenden Bestandteil des Haushalts der Reichsvertretumg bMden. Zu den bedeutsamsten Aufgaben der Gemeinde zähle ich die Fürsorge für Unsere Jugend. Wenn wir früher Aufwendungen hierfür vielleicht für nützlich gehalten haben, so sind sie heute als unbedingt notwendig zu erachten: was hier nur irgendwie geleistet werden kann, muß geleistet werden. Denn wenn wir auch zu wenig Jugend haben, so muß doch die Jugend, die unter uns existiert, in allen ihren Formen gepflegt werden. Sie hat die großen Kämpfe der Zukunft zu führen und sie muß körperlich und geistig gestählt werden, und auch die natürliche Lebensfreude muß ihr erhalten bleiben. Hiermit yerwandt sind die 'Bestrebungen, die das Turn- und Sportwesen betreffen. Wir sind glücklich und dankbar, daß das Turn- und Sportwesen in unserer Gemeinde so vortrefflich gehandhabt wird, daß unser Verein zu den bestgeleiteten im Reich gezählt werden Jcann. Wir sind aber auch besonders dankbar,'daß der Verein entgegen allen Angriffen unter Zurückstellung der weltanschaulichen Gegensätze der einzelnen Gruppen das Bild einmütiger, geschlossener jüdischer. Kraft gibt und sich so den in unserer Gemeinde und im ganzen Lande maßgebenden Anschauungen anschließt, daß bei aller Wahrung grundsätzlicher Überzeugung und Einstellung doch alle Kräfte zusammenstehen müssen in der Arbeit für unsere große jüdische Gemeinschaft. Eine gleich wertvolle Vereinigung, welche die Gemeinide in der Erfüllung ihrer Obliegenheiten entlastet, ist Der Kulturbund. Unter seiner vortrefflichen Führung befriedigt er nicht nur das berechtigte Bedürfnis unserer Mitglieder nach Unterhaltung und stützt die aus ihrer Bahn geworfenen Künstler, er wirkt vor allem der seelischen Zermürbung entgegen und vermittelt uns die besten Erzeugnisse von Bildung und Geäst, die wir uns nicht nehmen lassen werden. Denn auf den geistigen und religiösen Bestand ist unsere .Gemeinschaft durch die Jahrhunderte begründet. In diesem Zusammenhange gedenken wir auch mit-besonderer Anteilnahme des 10jährigen Bestandes der Universität Jerusalem. Sie steht an der Stelle, an der Titus im Jahre 70 die Belageruinig der Stadt geleitet hat. Neben ihrer Bedeutung als zentrale Lehrstätte des Judentums ist sie namentlich für uns deutsche Juden von besonderer Bedeutung geworden, weil sie einer großen Anzahl von Dozenten, denen die Forschungsmöglichkeit in Deutschland genommen ist, Unterkunft und Arbeit gewährt. Unsere wärmsten Sympathien begleiten die Ent- , Wicklung dieses für die gesamte Judenheit repräsentativen Unternehmens. Meine Damen und Herren! Dieses Jahr ist das Jahr der Maimonides-Feier und nehmen Sie es nicht ungütig, wenn ich zum Schlüsse auoh noch einen kleinen Beitrag zu dieser Feier gebe: Maimoniides war der große Lehrer. Er hat das gesamte Wissen seiner Zeit zusammengefaßt, er war unser größter Religionsphilosoph und ein berühmter Arzt, er war aber auch, was uns hier besonders berührt, der oberste jüdische Verwaltungsbeamte, der Nagid, in Ägypten vom Jahre 1172 an. Und In diesem Zusammenhang schreibt er an seinen Freund und Schüler Josef Tbn Aknin: „Du weißt, daß diese Ehrenstelle und die Herrschaft über die Juden in der jetzigen Zeit meiner Ansicht nach kein Glück und kein vollkommenes Gut ist, nach welchem man trachten soll, vielmehr, weiß Gott, ein nicht geringes Übel. Sie bürdet seinem Inhaber die äußerste Mühe und Plage auf und derjenige, der diese Herrschergewalt ausübt, hat viel Kummer und Leid zu tragen." Nun, meine Damen und Herren, wir sehen, daß der große Maimonides mit denselben Beschwerden zu kämpfen hatte, wie sie auch uns beschieden sind, unö daß diese Beschwernisse also wohl nicht so sehr in der Zeit .als im jüdischen Amte liegen. Wir wollen sie aber — getreu unserem großen Vorbild — gerne auf uns nehmen und so möchte ich schließen mit der herzlichen Bitte um freundschaftliche, vertrauensvolle Zusammenarbeit zum Wohl unserer geliebten Münchener Gemeinde. Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde Ichenh ler juaiscnen Aktenmäßig erzählt von Hauptlehrer Jakob Blum (Nürnberg). ausen Die* Freiherrn vom Stain zu Rechtenstein, seit 1574 Lehensherren von Schloß und Markt Ichenhausen in der .Markgrafschaft Burgau (Schwaben, damals zu Vorderösterreich gehörig), waren den Juden allzeit freundlich und gewogen und mancher verzweifelte Schutzjude, dem die Günzburger Bürgerschaft oder die Thannhausen'sche Ortsherrschaft den Schutz aufgesagt und wie einen räudigen Hund davongejagt hatte, fand mit ihrer gnädigen Bewilligung zu Ichenhausen eine neue Heimat. Freilich handelten sie nicht aus feiner Menschenfreundlich-