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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-06-15 · 12 (15.6.1935) · p. Seite 264

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
12 (15.6.1935)
Date
1935-06-15
Page
Seite 264 (sequence 4)
Language
German
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264 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 dich liebe, sagt mir jeder Tag". Oder in dem Gedicht „Der junge David" wenden erst jetzt die Worte des Königs zu einem persönlichen Bekenntnis: „Ich liebe .dich, mein Israel!" Und in diesem Zusammenhange wirkt der Zyklus „Schöpfung" nicht mehr wie eine allgemein lyrische Gestaltung des biblischen Themas — wie etwa Haydns „Schöpfung" eine musikalische ist —, sondern lals ausgesprochen jüdische Poesie. Warum sollte das jüdische Element die •deutsche"Sprache auch nicht durchbrechen wie dias deutsche (die englische in einigen neueren Dichtern Amerikas? Und warum sollte es umgekehrt nicht s<o sehr von der Muttersprache und dem Heimiaterlebnds aufgesogen werden wie bei Dichtern, die mit ihrer Wahlheimat sogar erst eine neue Sprache annehmen mußten: Joseph Conrad und Chamisso? Sturmiann selbst trägt dazu bei, daß wir sein Dichten, eine willkommene Bereicherung jüdischen Schrifttums aus deutscher Substanz, unter 'dieser neuen Optik erleben: dem' aus der Abhaltung eines Oneg Schabbat für die jüdiische Jugend entstandenen neuen Bande schickt er ein „Bekenntnis" voraus, in dem er Abschied von den „Wundern der Erde" nimmt — die Wunder der Landschaft und der Natur, deren er sich bisher erfreute, verstummen vor dem Sturm, in dem sich ihm die Wunder der Herkunft, die Wanderschaft der Ahnen offenbaren. Sein Erlebnis der Wunder des Blutes wird zur Hymne, zum jubelnden Flüchten zu Gott. Man glaubt, in seinen Versen einen gehämmerten Untertoii hebräischer Sätze und das Melos synagogaler Poesie zu vernehmen: es dürfte das Deutsch der Buber-Rosenzweig-Bibel das Medium gewesen sein, das in Sturmanns neuer jüdischer Lyrik fruchtbar wurde — ein gedstesgeschichtlich fesselndes Phänomen! Eine große Schar jüdischer Lyriker der Neuzeit waren von der Gruppenbewegung des deutschen Expressionismus getragen worden: Franz Werfel. Else Lasker-Schüler, Alfred Lichtenstein, Max Herrmann-Neisse, Albert Ehrenstein, Alfred Wolfenstein und viele andere. Welt- und Kunstanschauung des Expressionismus waren das Flußbett, in denn jüdischer Geist lyrisch zu strömen vermochte. Einzelne * waren führend, andere an Originalität weniger schöpferisch, aber die Wesenszüge expressionistischen Dichtertums wiaren ihnen gemeinsam. Sturmann gehört zu den jüdischen Lyrikern, die nach ihnen vorrückten und steht wie jene, die vor dem Expressionismus aufgetreten waren oder von ihm nicht ergriffen wurden, allein. Deutscher Tradition stärker verhaftet als das expressionistische Geschlecht werden diese Vereinzelten durch die Fragestellung nach neuem jüdischen Dichtertum, die sich aus der verwandelten Zeit ergibt, als dem einzigen einigenden Band zusammengehalten. War im Expressionismus die Kampfansage gegen eine verlallende Welt vorherrschend, so spricht aus den Neuerem aus der Vielheit ihrer Erscheinungen, der Wille nach einem Neuaufbau, der als Sehnsucht in den Zynismen und! Grotesken der Großstadtlyrik mitschwang — im Unterton. Sturmanns „Wunder der Erde" waren für die Wendung von der Stadt zum Land bezeichnend. Und ein Gedicht wie „Die Siedler" beweist, daß die jüdische Renaissance, die darin zum Ausdruck gebracht wird, die jüdische Spielart deutscher Strebungen der Zeit ist: heroische Lyrik. L.W. 2. Annette Merholm: Gedichte und Spiele (Orell Füssli Verlag Zürich und Leipzig) Diese Gedichte und Spiele sind Künder echter, reiner, zärtlicher, innig-tiefer Empfindungen. Und diese Gefühlswelt ist durchwegs edel und melodisch zur Gestaltung gebracht. Insbesondere in den Spielen läßt die Dichterin die Tragik des Menschenlebens in elegischen Harmonien vor uns aufrauschen und verklingen. Auch in den Gedichten gibt es viele Verse, die im Gedächtnis haften bleiben, wie z. B. in einem der wenigen zuversichtlicherer Stimmung „Tröstung": MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister Manchen VII Sieh eine Blume an. sie leuchtet blaß, Sie gibt ihr Leben einer kürzen Zeit, Wie ist sie schön und immerzu bereit Sich zu verschwenden, und sie erntet, daß Das Welken aus dem Blühen sie befällt. 0 weine nicht, o liebe diese Welt. Sinnende, versonnene, träumerische, sehnsüchtige Empfindungen sind es, die vorwiegen und fast durch alle Gedichte gleichwie durch die Spiele zieht ein Verlangen nach Ruhe, Dämmerung und Frieden. Süße Wehmut ist über die Natur und die menschliche Seele ausgegossen. „Auflösen in des Weltenatems Hauch" ist die lyrische Botschaft, die alles durchklingt. Und gerne würde man auch manchmal leidenschaftlicheren Tönen und konkreter Menschenwelt begegnen. Aber es sind Dichtungen gelungen, in welchen das Leben der Seele in Schönheit verströmt. 3. George A. Goldschlag: Gedichte (Vortrupp Verlag, Berlin.) Allzufrüh ist der Schöpfer dieser Gedichte dem Leben entrissen worden. Welche Perlen der Lyrik hätte man von ihm noch erwarten dürfen! Zuerst fällt die Vielseitigkeit auf, die Aufgeschlossenheit für die verschiedensten Welten. Da findet man bald edelschöne Spruchweisheit, bald Kriegsged'ichta, bald Liebeslieder. Dann wieder lacht und weint der Dichter verschämt in der Narrenkappe als Eulenspiegel über die Untiefen des Lebens. Besonders hervorzuheben sind seine religiösen Gedichte, welchen wahre Ehrfurcht zu Grunde liegt und der Zauber jüdischer Gläubigkeit, wie „Die Schöpfung", „Gebet", „Auge Gottes", „Moses Berufung" usw. Neben Innigem von Ich zum Du stehen Verse von kosmischer Tiefe, wie „Formel der Welt". Aber neben den. religiösen Gedichten dürfte Goldschlags bedeutendste Leistung in seinen Städtebildern und Balladen bestehen. Er schildert die Großstadt, das brandende Leben, die Technik, den Sport, die aktive Welt, die Macht der Dinge und findet oft hinreißende Verse, Rhythmen und Bilder, die sich völlig mit dem Wesen des Stoffes decken. Keine Ironie, kein Pathos. Zwingend sprechen die Dinge selbst. Aber ein Märchenschleier ist darüber gebreitet und verschwiegenkeusch bricht hier und dort die Sehnsucht durch nach Traum und Rausch und innerer Fülle im Kampf gegen Nüchternheit Betrieb und ewige Tyrannei des Zwecks, so wenn er in „Resignation" (Gedichte vom Hamburg) sagt: „Wir kennen jedes Ding nach Maß und Dauer. Nur nach dem Nächsten liegen wir auf Lauer Und haben keine Scham und keinen Schauer." Goldschlag hatte eine sehr eigene Art zu singen und zu sagen. Formvollendet spiegeln seine Verse des Menschen Sehnen und den Drang der Welt. Er verdient, immer wieder gelesen zu werden. Denn er befreit vom Staub des Tages; nicht weichlich, nicht bombastisch, immer wahr. ML K. 4. Hilde Marx: „Dreiklang" — Worte vor Gott — Von Liebe — Vom Tag. Philo Verlag und Buchhandlung G. m. b. H., Berlin. Im Philo-Verlag, Berlin W 15, Pariser Straße 44. erschien soeben unter dem Titel „Dreiklang" eine Gedichtsammlung von Hilde Marx. Die junge Dichterin, die als Gymnasiastin den ..Jean-Paul-Preis" ihrer Heimatstadt Bayreuth erhalten hatte, findet in dieser Sammlung eine in ihrer Einfachheit schöne Reimsprache für tiefe, auf den positiven Sinn des Lebens gerichtete Gedanken, die um Gott, um Liebe, um den Tag kreisen. In dem Band ist auoh der „Chor der jüdischen Frauen in Deutschland" enthalten, ein Sprechchor, der kürzlich den ersten Preis für Literatur bei dem Wettbewerb der Künstlerhilfe der Berliner Jüdischen Gemeinde erhielt. Die Gedichtsammlung „Dreiklang" ist in besonders ansprechender, geschmackvoller Ausstattung erschienen. 72 Seiten stark, Preis RM. 1.80. Ein schönes Geschenk, das Einblick gewährt in das Schaffen der heutigen jungen jüdischen Generation in Deutschland. Tafelgerät und Schmuck Vornehme Geschenke Silberschmied M.T.Wetzlar München, Maximilianstraße 2

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