Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 12 (15.6.1935)
- Date
- 1935-06-15
- Page
- Seite 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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262 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 ihre Herkunft und vor allem ihre für das Judentum lebenswichtige Funktion eingesehen. Auch das überlieferte Judentum will und kann den Menschen und Gläubigen Franz Rosenzweig nicht für sich reklamieren; weder in seiner Offenbarungslehre, die durchaus nicht der „Verbalinspirations"-Theorie der heutigen Orthodoxie entsprach, noch in seiner Auffassung des Gesetzes war er orthodox. Die vorliegende Briefsammlung gibt darüber unzweideutige Auskunft. Für diesen scharf denkenden und gleichzeitig gemütsinnigen, tief fühlenden Geist ist die parteimäßige Formel ganz und gar unangemessen. Man erschrickt manchmal vor der Unerschrockenheit und Kompromißlosigkeit der Polemik, des Urteils über Menschen und menschliche Einrichtungen. In der nicht für die Öffentlichkeit bestimmten ungeschminkten, ja manchmal ungehobelten und beißenden Kritik liegt der Wert vieler Äußerungen. Die Briefe Franz Rosenzweigs sind ein großes Erbe an das deutsche Judentum, in ihrer sprachlichen vibrierenden Lebendigkeit und in ihrem strömenden Wissen vom Judentum unübertrefflich. Wir veröffentlichen im Folgenden einige Stücke aus den Briefen von der mazedonischen Front, an der Franz Rosenzweig längere Zeit während des Weltkrieges stand. II. Proben aus Rosenzweigs Briefen von der mazedonischen Front Liebe Eltern, Osterferien!... Der Leutnant hat mich'... sogar einen Tag früher nach Uesküb geschickt als nötig war. „Gehen Sie nur schon morgen; es ist sehr hübsch in Uesküb." ... Salomon Gabirol heißt „Ibn Gabirol" und eis ist nicht gegen die „allgemeimie Bildung", den Namen zu kennen. Dichter und Philosoph; im Machsor des Kolnidre-Abends ist ein langes Lehrgedicht von ihm abgedruckt. — loh dachte, ich würde unterwegs ein paar kleine politische Aufsätzchen machen, die ich Hans für sein Sammelbuch versprach; ich bin aber zu vergnügt dazu und so werde ich warten, 'bis ich wiedeT 'in. meiner „Ruhestellung" bin. — ... „Sajusmizi Rasboninizi" (Schurken! Verräter!) ist 'das Lieblingslied der Bulgaren, gedichtet nach dem zweiten Balkanikrieg, -also natürlich auf den lieben Bundesgenossen vom ersten bezüglich. Die Melodie hat wirklichen Schmiß. Heut traf ich einen Soldaten, der Vieh weidete und eine Flöte von Spazierstockformat hatte, er spielte darauf eine Melodie von dem richtig voiksrnäßigen (ganz anders als diese hier), so .daß ich geschworen hätte, die Flöte, stünde überhaupt auf einer antiken oder mittelalterlichen Tonart (er griff gar keine Halbtöne), aber es stellte sich heraus, 'daß es einfaches Dur war! (6. 4. 1917.) ... Auch Sefardim habe ich viele gesehen und dem Gemeindevorsteher einen Besuch gemacht, Kaufmann, sehr würdig, aber noch viel gerissener als würdig aussehend. Frau unjüdisch aussehend, Töchter rassig, die ältere, Oro (Goldchen!) war in Saloniki auf der deutschen Schule, die jüngere, Fortune (Glükkeü!), vierzehnjährig, kann noch kein Deutsch, Französisch können sie alle, unter sich sprechen sie spanisch, das die Männer mit hebräischen, die Frauen mit bulgarischen Buchstaben schreiben; das versteht man mit Italienisch ziemlich leicht, wohl weil es altspanisch ist. Jüdisches Wissen null, jüdisches Leben dagegen selbstverständlich, verkehren nur untereinander, fühlen sich, mit Recht, als Elite. (6. 4. 1917.) Liebe Bitern, wieder beim Zug, bei den Protzen;.... Also es waren wunderschöne Tage, die ich ungern aus meinem Leben streichen würde. Uesküb ist eine sehr merkwürdige Stadt. Ein völliges Neben1- und Auseinandersein der drei Nationalitäten (Türken, Mazedonier, Juden; die Zigeuner zählen stadtpolitisch nicht mit;... Man kann sich auch schwer eine Gemeinsanikeit vorstellen; im dem Conseil Municipal dominierten mit absoluter Majorität früher die Türken^ dann unter Serbischer Herrschaft die Mazedonier; jetzt ist nur bulgarische Mdlitärverwialturiig; natürlich macht man nur Straßenreinigung und dergleichen gemeinsam. Der äußere Charakter der Stadt ist türkisch: sie schmiegt sich hinreißend schön ins Gelände, mittendurch fließt der frühlingshaft frische. Wardar, daran ein breiter Festungsberg; viele Kuppeln und Minaratte. Kuppel und Minaret, das Rundeste und das Spitzeste zusammen, ist das eigentlich Unvergeßliche des Blicks über die Stadt. 'Das Christemviertel ist relativ europäisch, das Türkerwiertel heißt ßazarstraße (lauter offene Werkstätten und Läden), teils leere 'krumme und sonnige Gassen, die nicht von Häusern!, sondern von Mauern begrenzt werden, hinter den Mauern Gärten und Häuser. Das Judenviertel besteht ebenfalls aus Wohnhäusern, meist ohne Läden; mit Holzverandem; etwa vier Gassenzüge im ganzen.— Am ifünften Abend, Freitag, war ich bei den Sefardim in der großen Synagoge, einem sehr schönen, ganz weiß getünchten viereckigen Raum mit Kupp elkasetten und zugehörigen Säulen. Der Machsor ziemlich wie bei uns; die Melodien alle anders, auch die alten, aber originell und lebendig, das „l'oha dodi" war sehr schön, eine Knabenstimme mit Tenorvolum oder vielmehr Tenortimbre führte; die Kehrtwendung bei der Schlußstrophe machen sie nicht, dagegen die drei Schritte rückwärts beim Kadisch____ Beim Sch'ma, d. h. nur hei dem ersten Satz, pressen sie zwei Finger fest auf die geschlossenen Augen und küssen dann laut die Finger. Von den Freitagabendspalm'en sagten sie nur den Gewitter- und den Sabbatpsalm. Die Bänke zum Teil so, Idaß man direkt dem Almemor den Rücken zudreht. Die Thorarollen eingewickelt, aber nicht 'in Kinderwiokel, wenigstens sind sie ganz indifferent ornamentiert. Der Trop völlig von unserm verschieden, viel farbloser;... Disziplinlosigkeit und Gemütlichkeit gut entwickelt. (10. 4. 1917.) Liebe Eltern, so war ich bis Freitag, den 6. abends; die Spaniolen gehen meist europäisch gekleidet, einige aber mehr türkisch; breiter Talar -mit schwarzem, pelzbesetztem Mantel. — Zum Seder waren drei- bis vierhundert Soldaten da, auch Österreicher, Russen und Rumänen je ca. fünfundzwanzig. Die Bulgaren hatten natürlich einen eigenen im Hause des Turnvereins MaMcabi; sie haben 'kleine, ganz dicke, feste Mazzes, zwei Finger dick. — Von Offizieren war nur ein Artillerieleutnant .'1 . da, sonst Arzt, 'Lazarettinspektor, Apotheker; wenig Infanterie, viel Artillerie etc. Es war große Unordnung und viel Geschimpf, dabei war alles sehr reichlich da, aber keine Organisation. Den Seder gab Lazarus, mit teilweiser Benutzung der schrecklichen Dichtung der Seligmann'schen Haggada . . . Um zwölf waren wir im Quartier .... Um sieben früh ging ich zu den Sefardim; es dauerte von sieben bis neun, ich erzählte schon das Bemerkenswerte; darnach sah ioh noch eine Brismile, die sehr pittoresk verlief, es wurde sehr eintönig und viel dazu gesungen. Nachher gab es ein Zuckerwerk für die Kinder draußen. Um zehn war in der gleichen Synagoge der Militärgottesdienst. — Ich vergaß noch: es gab bei den Sefardim eine kurze und sehr frisch unsalbaderig gesprochene Predigt des Chacham aus Sofia, der die Schule in Uesküb leitete, eines kleinen, aber schön bevollbärteten ca. vierzigjährigen Manns. Das Spanisch klingt prachtvoll energisch, schon durch die vielen ,,ös"-Endungen der Plurale; verstanden halbe ich fast nichts. — Also um zehn; wieder ca. dreihundert Soldaten, ich machte etwas Schammesgeschäfte. indem ich die Täfelohen an die Auszurufenden ausgab und dabei einen der drei christlichen Offiziere, die, offenbar von der Ortslcommandantur, aber ohne sich dem Rabbiner vorgestellt zu haben, da waren, fragte, ob „Herr Leutnant ein Cohen sind". Als Chasän fungierte ein wirklicher aus Lichtenberg bei Berlin, ein ca. dreißigjähriger Landsturmmann, mit einem wirklich schönen Mozarttenor...... Die Lewandowskisohen /Melodien wurden kräftig ohne Bücher mitgesungen. Vorher Hallel, nachher Mussaf. Aufgerufen