Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 12 (15.6.1935)
- Date
- 1935-06-15
- Page
- Seite 261 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2728025-2728037--10117-2743431- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ifotjccifctjc 3fcDclitifd)c 6cmcmÖC5citung Hatffridjtenfclattfoc^ unööc0l3tr60nÖ^^nycnfd^ccJ(tae(tttfc^et(Scmcmöen Erscheint am 1.0.15. jeden Monats.—Verlag: B«Heller, München, Plinganserstr. 64, Tel. 73664 u. 73665. Postscheck München 3987, Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: RM. 4.80 für das Jahr. Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach anfliegendem Tarif. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XI. Jahrgang München, 15. Juni 1935 Nummer 12 Inhalt. Aus Franz Rosenzweigs Briefen — Neueste jüdische Lyrik — Aus der Gemeinde München — Reichsbund jüd. Frontsoldaten — Aus Bayerischen Gemeinden — Jüdischer Turn- und Sportverein — Bücherschau — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden: Bekanntmachung über, die Erhebung von Kultussteuern; Bekanntmachung zum Vollzuge des Gesetzes über die Kirchensteuer — Bekanntmachungen der Israel. Kultusgemeinde München: Bekanntmachung über die Einzahlung der Mieten für Betstühle in der Hauptsynagoge für das Mietjahr 1935/36 — Personalia. Aus F ranz Rosenzweigs Briefen Franz Rosenzweig, Briefe. Umter Mitwirkung van Ernst Simon ausgewählt und herausgegeben von Edith Rosenzweig. 743 Seiten Groß-Oktav. Berlin (Schocken-Verlag) 1935. Preis in Leinen RM. 12.50. I. Franz Rosenzweig als jüdische Gestalt Franz Rosenzweig (1886—1929) ist eine der merkwürdigsten jüdischen Figuren der letzten Epoche, und seine maßgebende und autoritative Einwirkung auf das deutsche Judentum, die sich schon zu seinen Lebzeiten immer stärker geltend machte, hat sich nach seinem frühen Tode noch weiter vertieft. Mit einem Schlag bekannt wurde Rosenzweig in jungen Jahren durch sein an den Lehrer Hermann Cohen aus dem Felde gerichtetes offenes Schreiben „Zeit ist's", das die Begründung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums zur Folge hatte. Seine wenige Jahre später erschienene Programmschrift „Bildung und kein Ende" gab den Anstoß zur Begründung des Jüdischen Lehrhauses in Frankfurt, das Rosenzweig bis zu seiner Erkrankung selber leitete und zu einem Vorbild für ähnliche Bildungsanstalten in vielen anderen Städten schuf. Ebenfalls noch im Felde entstanden ist Rosenzweigs philosophisches Hauptwerk: „Stern der Erlösung", ein vollständiges System der Philosophie von großer, noch nicht voll wirksam gewordener Tragweite. Das weitere Wirken Rosenzweigs steht unter dem Schatten einer schweren Erkrankung, die ihn im Jahre 1922, also als 36jährigen, ergriff und von ihm acht Jahre lang in heldenhafter Weise ertragen wurde. Der Herrschaft über seine Glieder, ja selbst der Sprache beraubt, wurde er, der in diesen Jahren die Hymnen Jehuda Halevis übersetzte und in bedeutenden, gedrungenen Anmerkungen dazu eine ganze Theologie gab, ferner gemeinsam mit Martin Buber die Verdeutschung der Schrift unternahm, schon zu Lebzeiten eine fast legendäre Persönlichkeit. Auch in dieser Zeit seiner Verbannung in die Krankenstube blieb Rosenzweig den Geschehnissen draußen intensiv zugewandt. Davon zeugen die aktuellen Aufsätze und die zahlreichen Briefe aus dieser Zeit. In den Briefen Franz Rosenzweigs erschließt sich der ganze Reichtum und Ernst seiner ungewöhnlichen Persönlichkeit. In ihnen wird seine Wirksamkeit im jüdischen und im deutschen Geistesleben der Zeit erst ihrem ganzen Umfang nach erkennbar, wird sein Gewicht als Sprecher der wrestjüdischen Umkehr erst voll verständlich. Die im Wissen unerbittlichen, von Leid und Unrast der Zeit tief erregten, angriffslustigen, ja ironischen, und dann doch wieder abgeklärten, überlegen weisen Briefe lassen erkennen, wie — über das Werk hinaus — in Rosenzweigs persönlichem Leben und Schicksal eine Zeit und ihre Frage wahrhaft Antwort gefunden hat. Das Buch enthält in chronologischer Anordnung etwa den zehnten Teil aller Briefe, die Franz Rosenzweig geschrieben hat. Sie sind so ausgewählt, daß sie, als Ergänzung und Kommentar des gedruckten Werkes, gleichsam eine innere Biographie ergeben. Die Auswahl beginnt mit den Briefen des achtzehnjährigen Abiturienten und endet mit einem Brief, der wenige Stunden vor dem Tod begonnen, Fragment hat bleiben müssen. Aus dem chronologischen Zusammenhang herausgelöst und als Anhang gedruckt wurde der Feldpostbriefwechsel zwischen Franz Rosenzweig und Eugen Rosenstock über Judentum und Christentum. Das Beispielmäßige bei Rosenzweig ist seine weite Entferntheit von den Parteien. Er hat sich immer als „Nicht-Zionist" bezeichnet; er kommt aus „assimilierten", „liberalen" Kreisen. Aber keiner Richtung hat er so wie dem Liberalismus — souverän und wissend — das Gewissen geschärft; er hat die Ausgehohltheit dieser Position wie keiner erkannt, aber gleichzeitig