Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 11 (1.6.1935)
- Date
- 1935-06-01
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr/ii Bayerische rsraeHtische Gemeindezeitun^ 247 Figuren des 'Bärenhäuters, des Wurzelmännleins und des Golems'-aus-Arnims „Isabella von Ägypten" auf und die Umsetzung des nietzschehaften „Willen zur Macht" in den Wirikungsbestrehungen von Wagners (Kunst die Europa seiner Musik unterwarf. In dem Wagner-Aufsatz seines letzten -Buches -,>Leiden und Größe 'der Meister" ist es endgültig ausgesprochen, worin die europäische Bedeutung Wagners liegt: daß das .Deutsch-Heimische, das, so große Werte es auch hervorgebracht habe, über die Grenzen kaum zu wirken vermochte, in Wagners Steigerung weltläufig geworden sei. Häufig kehrt in Thomas Manns Aufsätzen 'das Nietzsche-Wort über die „Meistersinger" wieder: „Gegensatz zur Zivilisation, das Deutsche gegen das Französische." Er erlebt Wagner doppelt, unmittelbar und durch das Medium Nietzsche, dessen Ausstrahlungen ihn wie so viele Künstler des fin du siecle und der decaidence erreicht haben. Ihm verdankt Thomas Mann seine tiefen Einsichten in das Barbarische und das Irrationale, ihn verarbeitet er folgerichtig in seinen Essays, in denen er die Nachfolge des „guten Europäers" antritt. In seinem neuen Goethebildnis „Goethe als Representant des bürgerlichen Zeitalters", „'Goethes Laufbahn als Schriftsteller", „Goethe und Tolstoj" vibrieren die Farben Künstlertum und Bürgertum, Freiheit (nicht im Sinne eines optimistischen Liberalismus) und Humanität, wobei der eine Begriff oft die Komplementärfarbe des anderen ist, Akkord seiner Tonfolge — dies Wort muß man gebrauchen, denn auch die Themen seines Denkens wiederholen sich in Thomas Manns Essaybüchern wie Leitmotive. 'Das rauscht in der Zuisammenschau prächtig zusammen. Man sehe nun den „Toni Kröger", den halben Helden zwischen Künstlertum und Bürgertum und den Thomas Buddenbrook zusammen, der schauspielerisch repräsentiert und auf Haltung bedacht ist, und denke an den Essay über Joseph Conrad, den Polen, der Engländer wurde und vom slawischen Schweifen zu heroischer Haltung sich durchrang. Aber noch in einer anderen Reihe steht dieser Joseph Conrad-Essay: er. gesellt sich in der Komposition von Thomas Manns Gesamtwerk neben seinen Chamisso-Aufsatz und die anderen Arbeiten über die Grenzmenschen zwischen den völkischen Bezirken und den seelischen Bereichen. Und so sieht sich Thomas Mann als Schriftsteller in jener Folge von Männern, die in deutscher Sprache europäisch schrieben: Goethe, Heine und Nietzsche. Ist es noch nötig, ein Wort über Thomas Manns Stellung zum Judentum zu sagen? Uber seine Aufsätze über Heine, der gleich ihm zwischen deutschen Irrationalismus und französischem Rationalismus vermittelte, über Liebermann, der für ihn das Erlebnis des Berlinertums ist, über Freud, dessen Mischung von Psychologie und Mythologie ihm so viel sagt? Soll man die jüdischen Gestalten seines Werkes aufzählen, jenen trotz negativem Vorzeichen grandiosen Naphtha im „Zauberberg" oder den netten Doktor Sammet aus der „Königlichen Hoheit"? Sollen wir oins seines Wortes über Hermann Cohen als einen „Vertreter dieser, sittlichen Rasse" rühmen und einige unsympathische Gestalten der Judenheit, die in Thomas Manns Menschengalerie vorkommen, zu erwähnen nicht vergessen? Wir dürfen im Falle Thomas Mann mit diesem dem genius loci huldigenden Brauch einmal brechen. Es ist eine symbolische Begegnung mit diesem großen Geist, dem unsere Verehrung gilt, wenn wir Juden in der Auseinandersetzung dieses Mannes mit dem deutschen Geist eigene innere Kämpfe miterleben und wenn er uns aus dem Exil mit dem „Joseph"- Roman beschenkt, dessen deutscher Ahnenschaft wir vorher gedachten. . i:!! ,«!«JSi »NACHMASS« in unserem Sinne: edla Stoffe und beste, nach Maßtarif 1 entlohnte Schneiderarbeit. Unsere Maß-Anzug-Preise: 145.- 165.- 185.- BAMBERGER* HERTZ die zuverlässigen Kleiderfachleute Kunstfragen 1. Kunstkritik im jüdischen Kulturkreis Von Artur Holde Kunstkritik: eine Frage, die zu allen Zeiten ihres Bestehens von Künstlern und Kritikern leidenschaftlich erörtert worden ist. Immer wieder wurden Vorzüge und Schattenseiten einer öffentlichem Beurteilung künstlerischer Leistungen gegeneinander abgewogen. Die Diskussionen führten meistens zu dem für die Praxis entscheidenden Ergebnis: Kritik ist eine wohl mit mannigfachen Mängeln behaftete, jedoch durch Wesen und Form der heutigen Kunstaus ü b >ung bedingte, unentbehrliche Einrichtung des kulturellen Lebens. Der Wandel der Kunstpflege in Deutschland, der dem Juden eigene, aus dem Zusammenhange mit dem allgemeinen Kunstgescheben gelöste Bezirke zugewiesen hat, legt die nochmalige Überprüfung des alten Problems nahe. Vor 1933 hatte die auf einer viel schmaleren Basis ruhende jüdische Presse nicht entfernt in dem Maße wie jetzt Veranlassung, das Wirken jüdischer Künstler eingehender Beurteilung zu unterziehen. War kein spezifisch jüdisches Interesse vorhanden, das sich etwa durch den Stoff oder durch äußere Anlässe, wie Gedenktage, ergab, dann hatte© die jüdischen Zeitungen meistens wenig Ursache, ihre kritische Sparte den Künstlern zu öffnen, deren Leistung an sich schon dem Urteil der Tagespresse und der Fachzeitschriften unterlag. Durch die jetzt erfolgte Abgrenzung ist der jüdische Künstler in Deutschland jedoch fast ausschließlich auf den Widerhall in den jüdischen Blättern angewiesen. Man darf feststellen, daß die Schriftleitungen die Pflicht, geistiges Rückgrat der jüdischen Kunstpflege zu werden, voll anerkannt haben und dieser Pflicht gemäß handeln. Die Aufgabe wurde ihnen durch die Fülle der Veranstaltungen, besonders auf musikalischem Gebiet, vor allem auch durch die jetzt mehr im Vordergrund stehenden sozialen Momente nicht leicht gemacht. Aus der veränderten beruflichen Situation der in Deutschland lebenden Künstler ergaben sich Gesichtspunkte, die früher kein Gewicht gehabt hätten. Der um die Wiederbefestigung seiner wirtschaftlichen Existenz ringende Künstler erwartete von dem Kritiker nicht selten anstatt eines Urteils eine der Wertmaßstäbe bare, rück- Samt, Seide Seit ,1845 geschmackvoll haltbar und preiswert bei HAIMANN am Schillerdenkmal