Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 10 (15.5.1935)
- Date
- 1935-05-15
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Ph. Schwarz, dessen Artikel in 1931 Nr. 7 der B.Isr.Gdztg. „Nachwuchsverhältnisse der jüdischen Familien in Bayern" wir diese Ziffern entnehmen, führt diese auffallende Verschiedenheit darauf zurück, daß „ein großer Teil der Gebärkraft der nicht-jüdischen Bevölkerung durch uneheliche Geburten absorbiert wird". Ich möchte hinzufügen: auch des G e.b ä r - willens. Der „Schrei nach dem Kinde" äußert sich eben, je nach der sozialen Zusammensetzung der betreffenden Bevölkerungsschicht, bald legitim, bald mehr oder weniger illegitim. Aber auch die niedrige Geburtenziffer, die ja die Fruchtbarkeitsziffer in sich begreift, verliert, wenn maw sie näher ansieht, rein als demologische Größe betrachtet, etwas von ihrem düsteren Aussehen.- Sie ist nämlich zum Teil deshalb so niedrig, weil, die in rein jüdischen Ehen und in jüdischen Mischehen Geborenen, die dem Judentum inicht zugeführt, sondern getauft oder „konfessionslos" erzogen werden, bei der Zählung der jüdischen Geburten ausfallen, obwohl sie 'den jüdischen Eltern bzw. dem jüdischen Elternteil 'demologisch zuzurechnen wären. Wie groß die Ziffer ist, läßt sich nicht angeben oder ermitteln, aber sie wird dn den letzten Jahren vor 1933 keine zu vernachlässigende Größe gewesen sein. Neben der niedrigen Geburtenziffer kommen als die Bevölkerungszahl beeinträchtigende Faktoren noch die Austritte aus dem Judentum und der Wanderverlust in Betracht. Die Austritte sind ebenfalls keine einfache Größe, denn nicht nur die Übertritte (Taufen) gehören hierher, sondern <auch der häufige Vorgang, daß ein Jude aus irgendwelchem Grunde aus dem Judentum austritt, ohne sich innerlich vom Judentum loszusagen, ja ohne es abstreifen zu können:. (Man wird dies als möglich anerkennen müssen, lauch wenn man kein Anhänger der Rassentheorie ist.) Die Konfessionslosen (in der Statistik jetzt als „Gemeinschaftslose" bezeichnet) haben im deutschen Reich 1925—1933 um 1 296096, also um über 1% Million zugenommen, sie betrugen 1933 beinahe 2% Millionen und sind nach den beiden christlichen Hauptkonfessionen die zahlreichste Kategorie in der nach der Religionszugehörigkeit gegliederten Bevölkerungsstatistik. Wie viele ehemalige Juden mögen dazu gehören? Wir wissen es nicht. Wohl aber dürfen wir annehmen, daß diese Quelle der Abnahme der jüdischem Bevölkerungszahl den Juden künftig wenig Sorge mehr bereiten wird. Während bis vor nicht langer Zeit das deutsche Reich und auch Bayern Einwanderungsziel für Juden war, überwiegt jetzt die Auswanderung. Auch die amtliche Reichsstatistik schreibt: „Der Rückgang der Juden von 1925 bis 1933 ergibt sich im wesentlichen .aus dem Sterbfallüberschuß, den Austritten und der Abwanderung von Juden, die im Anschluß an die Neuordnung der politischen Verhältnisse stattgefunden hat." Aber weder für die Einwanderung, noch für die Auswanderung, noch für die Binnenwanderung (von einem deutschen Land ins andere) der Juden liegen für das Reich oder für Bayern Zahlen vor. Welche Aufgabe tritt hier an die statistische Abteilung der Reichsvertretung der deutschen Juden heran! Nur für einzelne Großstädte sind Ziffern in die Öffentlichkeit gedrungen. Augsburg, das nach der Volkszählung vom 11. Juni 1933 1030 Juden zählte (s. o.), hat 1933 und 1934 94 Personen durch Auswanderung verloren (Auswanderung über die Reichsgrenze ist gemeint), das sind beinahe 10% (C.-V.- Ztg. 1935 Nr. 10). Auch Frankfurt a. M. registriert für statistische Zwecke nicht nur die natürliche Bevölkerungsbewegung (Geburten. Sterbefälle), sondern auch die Austritte und die Zu- und Abwanderung (vgl. B.Isr.Gdeztg. 1934 Nr. 6). Aber es scheint, daß die Statistik normale Zeiten zur Voraussetzung hat. Tiefgreifende Umwälzungen können erlebt, müssen ertragen, sollen zum besten gelenkt werden. Aber wie fände der Mensch, der von einem Elementarereignjs bedroht 219 wird, die Zeit, wie brächte er die Geistesgegenwart, die Besonnenheit, ja, den inneren Antrieb auf, die Sprünge zu zählen, die durch den Sturm in der schützenden Mauer entstanden sind? Es ist eine bekannte Tatsache, daß „heroische Zeiten" keine ebenbürtige Geschichtsschreibung aufweisen. So verlangt auch die Zahl eine gewisse Distanz von den Dingen selbst. Die Zahl ist ein Symbol dessen, was unmittelbar vorher war. Wir aber müssen uns fragen, was jetzt zu tun ist. Zu dieser Arbeit sind folgende amtliche Veröffentlichungen benützt worden: Ztschr. d. Bayer. Statist. Landesamtes 1934 Nr. 3/4 S. 203: Bayerns Bev. nach dem Rel.-Bekenntnis 1933; S. 1*: Gemeindeverzeichnis. — Wirtsch. u Statistik 1935 Nr. S. 147: Die luden im deutschen Reich 1816—1933. — Dass. 1934 Nr. 19 S. 657: Die Religionsgliederung der Bev. d. deutschen Reichs nach d. Volksz. von 1933. — Sonderbeil, zu W. u. St. 1934 Nr. 21: Die Religionsgliederung im deutschen Reich, in den Ländern usw. von 1933. Aus der Gemeinde München Zum 70. Geburtstage Justizrat Leo Oppenheimers Zu den Mizwos, für welche es nach der Lehre unserer Weisen keine Grenze nach oben gibt, gehört die Wohltätigkeit. Dieses Wort hat jederzeit seine Geltung behalten. Während andere religiöse Gebote nach der Zerstörung des Tempels erloschen oder unausführbar geworden sind, wieder andere von Kreisen, welche von moderner Aufklärung beeinflußt sind, als nicht mehr zeitgemäß abgelehnt werden, schlägt das jüdische Herz auch heute noch warm wie früher. Man gibt, der Eine reichlicher, der Andere spärlicher, der Eine wendet diesem, der Andere jenem Wohltätigkeitsverein sein besonderes Wohlwollen zu. Nur eine Wandlung hat die Wohltätigkeit in den letzten Jahrzehnten erfahren: sie ist entpersönlicht worden. Der Spender hat die Fühlung mit dem Empfänger verloren. Die Verteilung der Gaben an die Bedürftigen ist Ämtern und Vereinen übertragen worden. Gerade das aber ist eine Wandlung, die unser Freund Justizrat Leo Oppenheimer. dessen 70. Geburtstag wir am 25. Mai feiern, aus tiefster Seele durch persönlichen Einsatz auszugleichen sich bemüht. So gerne er Spenden entgegennimmt, welche ihm zur Verwendung nach seinem Ermessen übergeben werden, für sich und seinen engeren Freundeskreis verzichtet er nicht darauf, mit den Armen und Leidenden in persönliche Fühlung zu treten und die Annahme der Gabe durch freundlichen Zuspruch zu erleichtern. Wie oft hat er Schwerkranken Linderung gebracht, wenn er mit liebevollen Worten und freundlichen Blicken das Krankenzimmer betrat. Welche Beruhigung empfindet die um das Sterbelager eines Angehörigen versammelte Familie, wenn Oppenheimer dem Verscheidenden mit in Frömmigkeit erbebender Stimme das letzte Sch'ma vorsagt. Empfindet nicht mancher arme Geisteskranke, den er in Liebe, ohne Unbequemlichkeit zu scheuen, aufsucht, eine Erleichterung seines schweren Schicksals? Sehen nicht die elternlosen Kinder, die er als Vormund betreut, in ihm den Vater? So findet Oppenheimers Bedürfnis wohlzutun, keine Grenze. Was der heute Siebzigjährige sonst noch innerhalb der Kultusgemeinde und des Verbandes Bayer. Israelitischer Gemeinden geleistet hat, mag gegenüber seinen Leistungen in Chewroh, Krankenfürsorge und Berufsvormundschaft zurücktreten. Wenn ihn das Alter, dessen Schwelle er nunmehr überschreitet, zwingen mag, mit seinen Kräften hauszuhalten, so wünscht ihm doch die ganze Gemeinde, besonders aber der Kreis seiner Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Münchner Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbundes i. B. Mittwoch, 5. Juni Museum: Kammermusikabend Münchener Trio