Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 10 (15.5.1935)
- Date
- 1935-05-15
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 Bayerische Israelitische Genleindezeitung Nr. 10 Noch krasser erscheint das Mißverhältnis, wenn wir die Großstädte (über 100000 Einwohner) den übrigen Wohnorten gegenüberstellen. Beinahe die Hälfte (49,48%) der bayerischen .luden wohnt in Großstädten, dagegen „nur" beinahe 20% (19,93%) der Bevölkerung überhaupt. 1925 wohnten 47% der bayerischen Juden in den Großstädten des Jahres 1933. Bevölkerung darunter Juden % München 735 388 9005 1,2 Nürnberg 410 438 7502 1,8 Augsburg 176 575 1030 0,6 Ludwigshafen 107 344 1070 1,0 Würzburg 101003 2145 2.1 Der Durchschnitt von 0,55% Prozent wird in sämtlichen Großstädten übertreffen. Kann es uns zur Beruhigung gereichen, daß die Zusammenballung der Juden in den Großstädten im deutschen Reich im ganzen noch bedeutend größer ist, daß hier erst das Problem in seiner ganzen Schärfe sichtbar wird? 71% der Juden wohnten in Großstädten, in Berlin 160 000, das ist -ein Drittel! Auch in Berlin hat zwar die Zahl der Juden abgenommen (1925 172 700), aber der Prozentsatz hat etwas zugenommen und die erwähnte Höhe erreicht. Obwohl am Schwinden der jüdischen Bevölkerung alle Größenklassen teilnehmen, von den Großstädten herab bis zu den kleinsten, so gibt es doch in Bayern außer den oben genannten eigentlichen Großgemeinden noch einige Mittel- und Kleinstädte, in denen sich prozentual, z. T. auch absolut, eine erhebliche jüdische Bevölkerung erhalten hat. Legen wir unsere Tabelle in Nr. 23/1934, S. 499, zugrunde, so finden wir, daß in folgenden Städten der Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung über 2% beträgt. Juden Anteil a. d. Gesamtbevölkerung in % Würzburg 3145 2,1 Fürth 1990 2,6 Landau (Pfalz) 596 3,5 Kitzingen , 360 3,2 Kissingen * 344 4,0 Ichenhausen (Schwaben) 309 12.4 Drei von diesen Städten liegen in Unterfranken. Dieser Regierungsbezirk bildet im deutschen Reich beinahe ein Unikum, denn unter den deutschen Ländern bzw. Landesteilen sind das Land Hessen, die Grenzmark Posen-Westpreußen und Unterfranken die einzigen, in denen .noch mehr als die Hälfte der Juden in Gemeinden unter 10 000 Einwohner lebt, in Unterfranken 5000 von 8500. Trotz dieser Tatsachen berührt es wehmütig, sehen zu müssen, wie in Süddeutschland „altehrwürdige Gemeinden, die Jahrhundertlang Kulturträger des deutschen Judentums waren und in ihren Mauern berühmte Lehrstätten beherbergten, zur Bedeutungslosigkeit verurteilt werden" (F. A. Teilhaber in der Jüd. Rundschau v. 8.1.35). IL Es ist schon öfters die Beobachtung gemacht worden, daß gewisse allgemeine Erscheinungen demologischer (= die Bevölkerung betreffender) Art zuerst bei den Juden auftreten, ja man hat die Entwicklung der Bevölkerung bei den Juden, ge- ' wissermaßen als Barometer der allgemeinen Bevölkerungsentwicklung bezeichnet. So ist auch jener Prozeß, den man als „Rationalisierung" der Fortpflanzung zu bezeichnen pflegt, zuerst bei den Juden in den Bevölkerungsziffern hervorgetreten. Vielleicht liegt dies daran, daß die Juden, wie oben ausgeführt, eine ausgesprochene Stadtbevölkerung sind, und an ähnlichen Dingen. Jedenfalls ist der „Auflösungsprozeß", der die Bevölkerangspolitiker erschreckt und zu Mahnungen und Warnungen prophetischer Art hinreißt, bei den deutschen Juden vollendete Tatsache, während er bei der übrigen Bevölkerung das Problemhafte, Widerrufliche noch nicht abgestreift hat. Dies ergibt sich für Bayern aus einem Vergleich der Geburtenhäufigkeit und der Sterblichkeit bei den Juden und der Bevölkerung im ganzen. Es treffen 1933 in Bayern auf 1000 der Wohnbevölkerung Geborene Gestorbene Geburten-(+) bzw. Sterbe-(—)Überschuß Israeliten 5,4 18,0 »- 12,6 Bevölkrg. i. ganzen 17,0 12,2 + 4,8 Sogar die amtliche Veröffentlichung, die sich sonst traditionell des Auftragens starker Farben enthält, kann nicht umhin, zu bemerken: „Am ungünstigsten erscheint die Bevölkerungsentfaltung bei den Israeliten: äußerster Geburtenbeschränkung steht eine große Sterblichkeit gegenüber, so daß sich ein gewaltiger Sterbfallüberschuß ergiebt." Der Unterschied der Geburtenhäufigkeit findet in Obigem seine Begründung. Auffallender ist die größere Sterblichkeit bei den Juden, da doch nicht anzunehmen ist, daß die Juden unter ungünstigeren hygienischen Verhältnissen leben oder hinsichtlich Morbidität oder gesündheitsbefördernder bzw. -gefährdender Lebensweise hinter der christlichen Bevölkerung zurückstehen. Der wirkliche Grund ist ebenfalls in der amtlichen Publikation angedeutet, indem auf das „Übergewicht der höheren Altersklassen" (mit ihrer naturgemäß höheren Todeserwartung), bei den Juden hingewiesen ist. In der Tat stehen wir hier vor einer der größten Anomalien der Statistik. Bekanntlich gleicht der „normale" Altersaufbau einer Bevölkerung, wenn wir ihn graphisch darstellen, einer unten besondders breiten, nach oben zugespitzten Pyramide. Dies kommt von der sarken Verjüngung bei einer solchen Bevölkerunig her und von einer demgegenüber wenig ins Gewicht fallenden Anzahl von Langlebigen. Fehlt dagegen der Nachwuchs, so schrumpft die Basis der Pyramide zusammen, die mittleren Altersklassen treten verhältnismäßig stark hervor und selbst die Spitze der Pyramide verbreitert sich: aus der Pyramide ist ein „zwiebel"ähnliches Gebilde geworden. Schon 1925 hatte die jüdische Bevölkerung einen solchen Altersaufbau. Man betnachte doch die Tafel auf S. 72 des Silbergleitschen- Monumentalwerkes „Die Bevöl'kerungs- und Berufsverhältnisse der Juden im deutschen Reich. I. Preusen" (1930). Seitdem ist der „Zwiebeltypus" im Altersaufbau der jüdischen Bevölkerung jedenfalls noch charakteristischer geworden, so daß es nicht ganz unberechtigt ist, von einer „Vergreisung" der Judenschaft in Deutschland zu sprechen. Da Greise die fatale Eigenschaft einer besonders hohen Sterbewahrscheinlichkeit haben, so ergibt sich jene relativ hohe Sterbliehkeitsziffer, die wir für die bayerischen Juden festgestellt haben. Aus beiden Faktoren, der geringen Geburtenziffer und der hohen Sterbeziffer entspringt der eigentümliche, oben dargestellte Unterschied zwischen der jüdischen Bevölkerung und der Bevölkerung im ganzen: hier ein — wenn auch gegen frühere Zeiten stark verminderter — Geburtenüberschuß, dort ein erschreckender ■Sterbeüberschuß. Und doch dürfen wir uns nicht der „Untergangspsychose" ergeben, müssen wir den Blick offen halten für manche lichte Momente. Es ist freilich kein Trost, wenn wir z.B. erfahren, daß in den bayerischen Großstädten die Fruchtbarkeitsziffer (auf 1000 Frauen im Alter von-16—45 Jahren treffen ... Geborene) in den Jahren 1924—26 im Durchschnitt bei der Gesamtbevöl'kerung nicht größer war als bei den Juden (53,6% gegen 54,6%). Es zeigt sich vielmehr hier nur die oben hervorgehobene Tatsache, daß gewisse zum Pessimismus herausfordernde Erscheinungen nicht als solche, sondern nur hinsichtlich ihres früheren Auftretens den Juden eigentümlich sind. Dagegen dürfen wir, ohne in oberflächliches Moralisieren zu verfallen, vom Standpunkte der gerade für die Juden wichtigen Idee der Erhaltung der Familie als Strukturelementes, die geringe Anzahl unehelicher Geburten bei den Juden uns als „Voraus" zugute rechnen. Dieses Voraus läßt die Wage der ehelichen Fruchtbarkeitsziffer in den größeren; Städten, wo Juden und Christen in annähernd gleichem Maße dem Rationalismus der Fortpflanzung verfallen sind (siehe die beiden Ziffern ein paar Zeilen vorher), ziemlich stark zugunsten der Juden ausschlagen. Es entfallen nämlich (bei annähernder Gleichheit der Verheiratetenquote) im Durchschnitt der Jahre 1924/26 auf 1000 verheiratete Frauen im Alter von 16—45 Jahren lebend Geborene: in den Großstädten bei den Juden 128; 1, bei der Bevölkerung überhaupt 87,9; in den 4 größeren- Mittelstädten (Regensburg, Bamberg, Fürth. Würzburg) bei den Juden 151,5i bei der Bevölkerung überhaupt 142,0.