Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 4 (15.4.1935)
- Date
- 1935-04-15
- Page
- Seite 11 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 11 Wenn man den 800. Geburtstag des Rambam feiert, so bedeutet das eine Verpflichtung. Es genügt nicht, sich über seine Werke zu orientieren, seine Bedeutung für dieses oder jenes Wissensgebiet zu beleuchten. Es ist überhaupt fraglich, ob derartige Feiern noch irgend etwas gemeinsam haben mit dem Geist, den die Werke des Rabbi Mosche ben Maimon ausstrahlen. Der Verdacht liegt nahe, daß die Notwendigkeit solcher Feiern eine Loslösung, ein Vergessen übertönen soll. Will man sich aber mit dem verbinden, was der Gestalt des- Rambam ihre einzigartige Größe verliehen hat, muß man das suchen, was bis Maimonides und in den 800 Jahren seit Maimonides die Zeiten überdauerte; dann sind auch 800 Jahre eine geringe Spanne. Denn man findet es nur in der Ewigkeit der g'ttlichen Lehre. Bemerkungen über die Pädagogik des Maimonides Von Studiendirektor St oll, Würzburg. In der Geisteswelt des Maimonides vereinigt sich der breite Bildungsstrom des überlieferten biblisch-talmudischen Kulturkreises mit der philosophisch-wissenschaftlichen Anschauung des abendländischen Kulturkreises seiner Zeit. Dabei ist zu beachten, daß die Blüte der Wissenschaft auf der iberischen Halbinsel selbst wieder genährt wurde von den zwei Grundlagen jüdischen und griechischen Bildungsgutes. In Griechenland hat der abendländische Geist nicht nur seinen zeitlichen Anfang, sondern auch seinen wesenhaften Ursprung genommen. Griechenland hat durch die Tat und den Begriff des Selbstbewußtseins die Grundlage für die Geschichte der abendr ländischen Kultur geschaffen. In dem philosophisch geschulten Geiste des Maimonides verschmelzen also die beiden Kraftquellen biblisch-talmudischer und griechischer Weltanschauung zu wissenschaftlicher Geschlossenheit, philosophisch-systematischer Klarheit und einer Ganzheit des Weltbildes, in welchem schon infolge der Totalität des Geltungsanspruches der Bildungsbegriff miteingeschlossen sein muß. In der Tat ist die pädagogische Haltung und Geistesrichtung des Maimonidischen Weltbildes präjudiziert durch die beiden Ströme, welche seine Weltanschauung speisen: den biblischtalmudischen und den platonisch-aristotelischen Kulturkreis. Im Weltbilde des Maimonides treten aus dem platonischaristotelischen Bildungsprinzip gerade diejenigen Tendenzen hervor, welche den Bildungsbegriff charakterisieren. Schöpfer des griechischen Bildungsbegriffes ist Plato. Seine Weltanschauung fußt auf der Ideenlehre. Die Idee ist bei ihm nicht nur der Allgemeinbegriff, der die Gleichartigkeit einer Folge von Einzeldingen in einem gemeinsamen Sinngebilde zusammenfaßt, sie ist vielmehr der Inbegriff alles Wertvollen, alles Wahren, Schönen und Guten. Auch bei Plato sind die Ideen körperlos verkörpert in einem jenseitigen Ideenreich, dessen übergreifende Einheit durch die Idee des Guten vollbracht wird. Das einheitgebende Prinzip der Ideenwelt setzt Plato mit der Gottheit gleich. Schon diese Transzendenz der platonischen Philosophie macht es verständlich, wie die jüdische Weltanschauung eines Maimonides, deren Ursprung die Bezogenheit auf G'tt ist, in der philosophischen Anschauung seiner Zeit tragende Stützen für die jüdische Weltanschauung finden kann. Noch in einem zweiten Sinne ist Plato als Vorläufer des Aristoteles der Schöpfer des Bildungsbegriffs, wie wir ihn bei Maimonides finden. Nach Plato ruht jede echte Gemeinschaft auf Ähnlichkeit der Glieder in ihrer typischen Grundhaltung und Wertschätzung, wie sie im objektiven Gemeinschaftsgeist sich verkörpert. Gemeinschaftsbildung ist Angleichung des Einzelgliedes ah die objektive Gemeinschaftsform. Indem Plato diesen Bildungsanspruch der Gemeinschaft für das Griechentum zuerst erkannt hat, ist er damit nicht mir der bedeutsame Vorläufer des Herder'schen -und Krieck'schen Erziehungsbegriffs geworden, es konnte die Ableitung des Bilduhgsbegriffs aus den objektiven Werten der Gemeirischaftsform auch für Maimonides Vorbild für Schaffung eines tragfähigen Bildungsbegriff es für jüdische Anschauung abgeben. Auch hier ist "Bildungsnorm vorgezeichnet durch das def Ger meinschaft auferlegte Gesetz. Allerdings unterscheidet sieh der .: Bildungsbegriff des Maimonides von dem griechischen Bildungsbegriff dadurch, daß für den griechischen Menschen das Leben im Staate die höchste Sinngebung seines Daseins bildet, weil die vollinhaltliche Jenseitsbeziehung fehlt; bei Maimsnides findet das Leben in G'tt die letzte Ursachebeziehung. Grundlage aller Pädagogik ist die Seelenlehre. Schon bei Plato und Aristoteles sind es Fragen der richtigen Seelenführung und Seelensorge, welche sie im innersten Herzen bewegen bezüglich der Entwicklung ihrer Erziehungslehre. Auch hier zeigt sich die nahe Verwandtschaft jüdischer und griechischer Anschauung: die Menschenseele ist der wertvollste Bestandteil in dem geistleiblichen Gesamtwesen Mensoh. sie ist göttlichen Ursprungs und den Ideen innerlich verwandt. Die platonisch-aristotelische Lehre, daß die Seele vor ihrer Verbindung mit dem Leibe die göttlichen Ideen geschaut hat. ist auch der talmudischen Anschauung eines Maimonides nicht fremd. Bei Plato finden wir eine Dreigliederung der Seele. Sie ist ausgestattet a) mit begehrlich-sinnlichen, b) mit muthaft-strebenden, c) mit vernünftig-geistigen Seelenkräften. Die vernünftig-geistige Seelenkraft ist die Grundlage der sittlichen Geistespersönlichkeit, mithin der wertvollste Bestandteil des Menschen. Der Mensch befindet sich nur dann in der rechten Harmonie und erfüllt nur dann seine gö.ttliche Bestimmung, wenn die Vernunft über die Ehrliebe und die Sinnlichkeit herrscht. Denn „während die Vernunft die Kraft des Maßes ist, ist die Sinnlichkeit die Kraft der Maßlosigkeit, die von dem Wagenlenker Vernunft mit der Peitsche gebändigt werden muß" (Plato). Die Seelenlehre des Maimonides als Grundlage einer Erziehungslehre ist in den „Acht Abschnitten zu dem Pirke Aboth" dargestellt. Auch ihm ist die Seele ein von Natur aus mit vielseitigem Vermögen ausgestattetes Wesen.. Er gliedert die Seelenkräfte in 5 Kategorien: 1. Die animalische Seele, die wir nach den von Maimonides im 3. Perek angeführten Bemerkungen über die Ernährungsphysiologie dieser animalischen Seele als diejenige Äußerung des Seelenlebens ansprechen dürfen, die wir uns heute als die physiologischen Lebenserscheinungen vorstellen, die der Mensch mit dem Tiere gemein hat. 2. Das Empfidungsvermögen, das auch Maimonides nach den Kategorien der fünf Sinne unterteilt. 3. Das Vorstellungsvermögen, das jedoch Maimonides, im Gegensatz zu unserer heutigen Begriffsauffassung, lediglich aufgefaßt wissen will als die. Tätigkeit der uniwillkürlichen, sinnlichen, passiven Phantasie, wie sie etwa im Traumleben auftritt. 4. Die Begehrungsöder Strebekräfte der Seele, die wir wohl mit der zweiten Gruppe der Platonischen Seelenkräfte in Parallele stellen dürfen. 5. Die Geisteskräfte, die Maimonides in Verstandes- und Vernunftkräfte unterteilt. Für die moralische Haltung des Menschen kommen nach Maimonides in erster Linie die Empfindungs- und Strebekräfte der menschlichen Seele in Betracht, während er der animalischen keinerlei moralische Bedeutung zuerkennt. Der Wille wird getragen von der Empfindungs- und Begehrungswelt; der Intellekt ist auch nach Maimonides das höchste und oberste Seelenvermögen, das zwar nach seiner Ansicht vom Willen unabhängig ist und die Welt der theoretischen Erkenntnis aufbaut. Insoweit es sich um theoretische Erkenntnisse handelt, mißt Maimonides dieser Seelenkraft moralische Bedeutung nicht bei. Die eigentliche moralische Haltung des Menschen entwickelt sich nach Maimonides aus dem Begehrungsvermögen, dem gegenüber der Empfindungskraft der Seele sekundäre Bedeutung, der gegenüber aber der Vernunftkraft als Regulator des Begehrens und Wollens die Hauptbedeutung zukommt. — Die. Parallelen zu Piatos Seeleniehre sind unverkennbar. Schluß folgt. Ein cnstes Wort Wer die Rubrik „Stellenangebote" in jüdischen Zeitungen aufmerksam verfolgt, der stößt sehr häufig auf Wendungen wie „Wir suchen einen Junglehrer", „unverheiratete Bewerber wollen sich melden" usw. Dazwischen ist wohl auch noch ein Inserat zu finden, in dem einem Pensionisten für „leichte Dienstleistung" eine „schöne Dienstwöhnung" angeboten wird. Aussichten auf Anstellung haben also im allgemeinen fast nur noch Junglehrer — wobei der Begriff Junglehrer noch sehr enge gefaßt wird und Seminarabsolvent bedeutet — oder abgebaute Lehrer. Es ist soweit gekommen, daß fast alle Seminarabsolventen ihre Stelle haben, bevor noch das Examen zu Ende ist Der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden