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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1935-04-15 · 4 (15.4.1935) · p. Seite 12

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1935
Issue
4 (15.4.1935)
Date
1935-04-15
Page
Seite 12 (sequence 3)
Language
German
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12 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Nr. 4 verlangt als Voraussetzung für die Anstellung in einer bayerischen Gemeinde die Ablegung eines Jahres Schulpraxis an einer jüdischen Volksschule. Der Verband hat damit nur einem Antrage der Lehrerschaft Rechnung getragen. Niemand wird die Notwendigkeit dieses praktischen Jahres in Abrede stellen — der Staat läßt keinen Lehrer zum Staatsexamen zu, der nicht mindestens ein Jahr beobachtender und unterrichtender Tätigkeit an einer Volksschule nachweisen kann. Diese Einführung in die Praxis ist beim Lehrer eine unerläßliche Vorbedingung für erfolgversprechende Tätigkeit im Berufe. Der Lehrer ist nach Abschluß seiner Seminarstudien ebensowenig fertig wie der Jurist oder der Mediziner, wenn sie ihre theoretischen Studien beendet haben. Es ist eine Binsenwahrheit, daß gerade im schulischen Leben die Erfahrung eine besondere Bedeutung hat. Trotzdem holt man in den jüdischen Gemeinden außerhalb Bayerns die jungen Lehrer frisch vom Seminar weg, um zu einer 'billigen Lehrkraft zu kommen. Gewiß war in den letzten Jahren ein großer Bedarf an Lehrern. Aber viele jüdische Gemeinden sind durch Wegzug, Tod und wirtschaftlichen Niedergang so verarmt, daß sie ihre Lehrerstelle nicht mehr halten können. Seit Jahren suchen Lehrer in solchen absterbenden Gemeinden nach neuen Stellen. Aber die neugegründeten Stellen sind ihnen verschlossen, weil.sie zu „alt" sind, oder weil ihre Familie mit zwei Kindern eine zu große finanzelle Belastung für die neue Gemeinde bedeutet. Man ist mit 30 Jahren schon zu alt und zwei Kinder sind schon zu teuer! Erst in den letzten Tagen schrieb ein im Dienste besonders bewährter Kollege, dessen Gemeinde von der Auflösung sehr bedroht ist: „Gehört man mit 47 Jahren zum alten Eisen und muß man sitzen bleiben, weil nur junge, billige Kräfte gesucht werden? Da macht die Arbeit keine Freude mehr." Hierzu kann und darf man nicht schweigen. Wo bleibt da das soziale Gewissen? Es ist unsozial, einen Junglehrer einem arbeitsfähigen, arbeitswilligen und gutqualifizierten „älteren" Lehrer vorzuziehen, es widerspricht allen jüdischen Prinzipien, dem Unverheirateten den Vorrang vor dem Verheirateten zu geben. Nicht Jugend und nicht der Familienstand, sondern die Eignung muß entscheidend sein! Den jüdischen Verbänden obliegt aber die Pflicht, solchen Gemeinden höhere Zuschüsse zu gewähren, die bereit sind, Beamte von auflösungsreifen Stellen zu übernehmen. Jüdische Jubiläen Die ganze Welt hielt in diesen Tagen würdige Gedenkfeiern anläßlich des 800jährigen Geburtstages des Maimonides, jenes jüdischen Geistesriesen, ab, dessen ganze Liebe seinem jüdischen Volke gehörte, dessen Schriften glänzende Denkmäler der jüdischen Literatur sind, dessen philosophischen Werke aber auch auf die großen Geister außerhalb des Judentums in besonderem Maße eingewirkt haben. Ein anderes Jubiläum, das in den kommenden Wochen mit Recht jüdische Menschen in der ganzen Welt zu Festesstimmung anregt, ist der 10. Gründungstag der Universität Jerusalem. Vor jeder Toravorlesung sprechen wir es aus, daß von Zion die Lehre ausgehen wird. In Palästina beginnt sich ein kulturelles Leben aufzubauen, das wegweisend für jüdisches Leben der ganzen Welt sein kann. Das Symbol dafür ist die Universität Jerusalem, Mit unseren Glückwünschen zum 10. Gründungstag verbinden wir den Wunsch, daß dieses gigantische Werk jüdischen Geistes der geistige Mittelpunkt wahren Judentums in der ganzen Welt werden möge. Wiedergeburt des deutschen Judentums Der Hilfsverein deutschsprechender Juden in Buenos Aires gibt ein Mitteilungsblatt in deutscher Sprache heraus. In Nr. 12 dieser Zeitschrift, vom 1. Februar 1935, bringt Frau Ilse Sadler, früher in München, einen sehr bemerkenswerten Aufsatz unter dem Titel „Von der Wiedergeburt des deutschen Judentums". In dieser Arbeit kommt die Verfasserin auch auf die Schulfrage zu sprechen, indem sie folgendes ausführt: „Wurde es früher beinahe als ein Zeichen rückschrittlicher Gesinnung aufgefaßt, sein Kind in eine jüdische Schule zu schicken, so findet es heute fast jede Familie selbstverständlich, ihre Kinder der nahezu unvermeidlichen Isolierung in den staatlichen Volksschulen zu entziehen, um sie in jüdischer Umgebung zu ganzen, in ihrem Judentum gefestigten Menschen heranwachse! zu lassen." Vereinsmitteilungen 1. 15jähriges Verbandsjubiläum. Am 20. und 21. April sind es 15 Jahre, daß die Gründungsversammlung des Verbandes Bayerisoher Israelitischer Gemeinden stattfand. Wir jüdischen Lehrer haben besonderen Grund, in Dankbarkeit und Stolz dieses Tages zu gedenken. Dieser Tag bedeutete in vielen jüdischen Lehrerhäusern eine Schicksalswende. Wohl sind nicht alle Blütenträume, die man sich erhofft hatte, gereift — wie eingreifend sich aber die Existenz des Verbandes auf das jüdische Leben in Bayern auswirkte, das wissen vor allem jene jüdischen Lehrer, die vor der Verbandsgründung in Kleingemeinden wirkten. Der Verband hat sich bemüht, das Ziel zu verwirklichen, das in jener Gründungsversammlung von Herrn Otberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, dem unermüdlichen Präsidenten des Verbandes, gesteckt und das von unserem unvergeßlichen Dingfelder s. A. in so eindringlichen Worten gefordert worden ist: Freiheit der Gemeinden zur Pflege ihrer religiösen Interessen, Verpflichtung des Verbandes als Vertreter der Gemeinden, als Förderer religiöser und. kultureller Aufgaben, als Erhalter des inneren Friedens. Der Verband hat diesem Ziele unentwegt gedient und der Wunsch, den Herr Dr. Neumeyer in jener denkwürdigen Sitzung am 21. April 1920 aussprach, „Und wenn spätere Geschlechter dereinst über den Wert dessen urteilen, was wir heute geschaffen, dann mögen sie sägen: Es war ein guter Tag, der den Verband der Bayerischen Israelitischen Gemeinden ins Leben gerufen hat," hat sich heute schon erfüllt. Wir verbinden mit unserem Glückwunsche an die Verbandsleitung die Hoffnung, daß der Verband weiterhin, wie bisher, in der Lage sein möge, seine Tätigkeit zum Segen der jüdischen Gemeinden und der jüdischen Beamten in Bayern zu entfalten. Hoffnung und Vertrauen der bayerischen Judenheit sind heute — wie an den Gründungstagen — auf den Verband gerichtet. 2. Personalia: Schulamtsbewerber Ludwig Fleischmann (München) übernimmt am 15. April die Religionslehrerstelle Demmelsdorf-Scheßlitz. Schulamtsbewerber Julius Stolberg (München) wurde an die Volksschule der Adas in Berlin berufen. 3. Zugänge zum Vereine: Studienrätin a. D. Dr. Rosa Silberschmitt (München), Frieda Steinhof (Kitzingen), Justin Bernheimer (Scheinfeld). 4. Oberlehrer Samuel (Homburg, Saar) wurde bei der jüngsten Gemeindewahl zum 1. Vorstand der Kultusgemeinde gewählt. Wir freuen uns dieser Ehrung und beglückwünschen unser liebes Vereinsmitglied herzlichst. M. R o s e n f e 1 d. M. A d i e r. Buchbesprechung D. theol. h. c. Magd. v. Tillrag. Psyche und Erziehung der weiblichen Jugend. Ein Versuch, siebente veränderte und erweiterte Auflage, Langensalza, Verlag Hermann Beyer & Söhne (Beyer & Mann) 1933, Preis RM. 1.50. v. Tilling hat sich bei der Neubearbeitung ihrer Schrift — sie war vor 12 Jahren zum ersten Male erschienen — von der Absicht bestimmen lassen, ihre Ausführungen in der Neuauflage mit den Darlegungen ihres 1932 erschienenen Buches „Grundlagen pädagogischen Denkens" in Einklang zu bringen. Es entspricht auch jüdischer Haltung, wenn sie der relig ö s e n Unterweisung so große Bedeutung zumißt. Ganz besonders möchte ich auf das Schlußkapitel hinweisen, in welchem sie die psychologische Bedeutung der häuslichen Betätigung für das Mädchen im Entwicklungsalter in Licht stellt und sich gegen die intensive einseitige geistige und intellektuelle Ausbildung der Mädchen wendet, v. Tilling weist auf die Frauen hin, die immer eine gewisse Unsicherheit, ,ein Schwanken im Zentrum ihres Lebens' trotz vieler Gelehrsamkeit in sich tragen und bringt diese Erscheinung mit einer Unfähigkeit, in selbständiger Verantwortlichkeit den Haushalt zu führen, in Zusammenhang. Jene Instanzen innerhalb unserer jüdischen Gemeinschaft, die sich mit Berufsumschichtang befassen, lassen sich ja von ganz ähnlichen Erwägungen leiten, wie sie hier von v. Tilling formuliert werden. Dr. Ernst Steckelmacher Für den Inhalt der „Mitteilungen" verantwortlich: Max Adler, München

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