Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 4 (15.4.1935)
- Date
- 1935-04-15
- Page
- Seite 10 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Uittetlungen üea JüMMjen Jetjrenwema für ßapera Schriftleitung: Max Adler, München 1935 München, 15. April Nr. 4 Rabbi Mosche ben Maimon Von Seminarrabbiner Samson R. Weiß, Würzburg. Die Tatsache, daß die Judenheit der ganzen Welt in diesen Tagen den 800. Geburtstag eines Mannes feiert, der zu seinen Lebzeiten und nach seinem Tode wie kaum ein zweiter bekämpft wurde von Gegnern, deren Autorität der seinen nicht nachstand, läßt ahnen, wie einmalig und außerordentlich Rabbi Mosche ben Maimon, der Ramtoam, auf das geistige Schicksal des jüdischen Volkes eingewirkt hat. Man hat in letzter Zeit viel über Rambam geschrieben. Jede Geistesrichtung im Judentum versucht, ihn für einen der Ihrigen zu deklarieren. Er war der „Wissenschaftler", er war der „Aufklärer", der Mann der Synthese zwischen Uberlieferung und Philosophie, der geniale Systematiker des Religionsgesetzes, vielleicht sogar der Schöpfer seines Systems, der glühende, flammende Eiferer für Ehre und Freiheit seines unterdrückten Volkes. So wird es leicht, das Bild dieses Großen einseitig zu verzerren, die Linie seines Denkens zu verwischen, aber unendlich schwer, seine unverfälschte Gestalt nachzuzeichnen und die Fülle seines Wesens greifbar aufzuweisen, ohne sich an seiner Ganzheit zu vergehen. Die Ganzheit seines Wesens: die letzte Ursache seiner unvergänglichen Wirkung auf ein Volk, das nirgends so kritisch und argwöhnisch ist, wie gerade in Dingen des Geistes und des Glaubens, wo es nichts annimmt, was nicht seine heiligste Sehnsucht nach lauterster. Gradheit und reinster Wahrhaftigkeit befriedigt. Die Unbestechlichkeit seines Verstandes, die unendliche Güte seiner in Verfolgung und Not gereiften Seele machten ihn zum „Raw Hamaureh", zum Lehrer und Wegweiser seines Geschlechtes. Sein umfassendes Wissen, das in jener Epoche durchaus keine Einzelerscheinung war, ist nur Vorbedingung, unerläßlich zwar, aber nicht ausschlaggebend. Schon sein. erstes Werk, die Erklärung der Mischnah, zeigt ihn als den tiefen Kenner der menschlichen Seele, deren Geheimnisse und deren Möglichkeiten er in strengster Logik in Verbindung setzt mit ihren gottgewollten Pflichten. Ein Jüngling noch, hat er bereits in der Einleitung zur ersten Ordnung der Michnah, in der berühmten „Hakdomoh", den Menschen, der Erkenntnis und Tat gleicherweise nach all seinen Möglichkeiten feilt und zu läutern sucht, als Ziel der Schöpfung erkannt. Das gesamte Weltgeschehen sieht er ausgerichtet auf diesen Menschen, die Ordnung des Kosmos und seinen Bestand abhängig vom Dasein derer, die ihr Dasein zu dieser Ganzheit erheben, die basiert ist auf der Befolgung und der, verständesmäßigen Durchdringung des G'tteswortes, der Halachah. So erklärt Rambam in seiner „Hakdomoh" das Talmudwort: Nichts hat G'tt in seiner Welt, außer den vier Ellen der Halachah. Noch eindeutiger und eindringlicher formuliert er seine Gedanken über-den Menschen und-seine Aufgalben-an einer .anderen Stelle seines Mischnabkommentars, in den „Schmaunob Perokim", dem Vorwort zu den „Pirke Owaus". Hier stellt Maimonides, in Verbindung mit seiner Lehre von der Seele, das Ideal der jüdisohen Persönlichkeit auf,, des Menschen, der alle seine Körper- und Geisteskräfte einem Ziele dienstbar macht: der G"tteserkenntnis. Die Grundlagen des Glaubens und seine Auffassung über Moschiach entwickelt er in demselben Werke bei der Erklärung des zehnten Abschnittes des Traktates Sähhedriri." So zeigt sich schön in seinem ersten Schaffen der Blick für die Hauptprobleme seiner Zeit. In der Epoche der schärfsten geistigen Auseinandersetzung mit der Umwelt und ihren Erkenntnissen müß|;e das Bild des jüdischen Menschen und der Inhalt seiner Hoffnungen, ebenso wie die Lehre von seinen Pflichten, in den großen Zusammenhang mit der Gesamtheit der Erscheinungen gebrächt werden. Mit diesem Mischnahkommentar beginnt die standig wachsende Popularität des Rambam. Hatte man sich vorher mit rein religionsgesetzlichen Fragen an ihn gewandt, so würde er jetzt rasch der Berater in allen geistigen und materiellen Nöten. Wie groß der Einfluß seiner Sendschreiben war, zeigt das Beispiel des Teman-Briefes, der die Juden Temans in ihrem Glaubenskampf rettete und ihnen den Mut gab, die Peinigungen ihrer Verfolger auf sich zu nehmen. Nachmanides bezeugt, daß die Juden Temans im Kaddisch- Gebet den Namen des Rambam einschalteten, eine Ehrung, die nur den babylonischen Exilarchen am Tage ihrer Thronbesteigung zuteil wurde. Rabbi Moscheh ben Maimon wußte um die Not und um die Bedürfnisse seines Volkes. Alle seine Werke entspringen dem Wunsche, den Glauben und die Erfüllung der g'ttlichen Gebote bei seinen Brüdern zu festigen. Haben die Verfolgungen das intensive Studium des Talmud erschwert, do daß es nur noch wenigen möglich war, die vielen Fragen der religiösen Tat aus den Quellen zu entscheiden, findet Rambam es für notwendig, in einer geordneten Ubersicht alle Entscheidungen zu sammeln, nach Sachgruppen geordnet, anfangend mit den grundlegenden Begriffen des Judentums und seiner Weltanschauung und endend mit der erhofften Zukunft, mit der Heimkehr ins heilige Land und dem Königtum des Moschiach. Zehn Jahre arbeitet er an diesem gigantischen Werke, das die Grundlage für alle späteren Dezisoren wurde, dessen Methodevorbildlich und dessen Sprache klar und eindeutig war. Der Anklang, den die „Mischneh Thorah" oder, wie man dieses Werk gewöhnlich nennt, die „Jad Hachasakah" fand, war ungeheuer groß. Rasch wurde es unentbehrlich, selbst die Gegner des Rambam mußten seine überragende Größe anerkennen. Schon zu seinen Lebzeiten' wurde es reich kommentiert, vor allem aber wurde es zu einem Handbuch für jeden, der sich mit Talmud und Halachah beschäftigte. Aber auch mit diesem Werke sah Maimonides seine Aufgabe noch nicht erfüllt. Immer noch fehlte die direkte Auseinandersetzung mit der Philosophie und ihren Erkenntnissen, die im Widerspruche mit den überlieferten Lehren des Judentums stehen. Der „Maureh Newuchim", das letzte große Werk des Rambam, in dem er die Fülle seines Wissens und die ganze Erfahrung seines Denkens in den Dienst dieser Aufgabe stellt, ist, im Gegensatz zu den früheren Schriften, nicht volkstümlich; es will nicht werben, sondern nur klären. „Nicht für die Masse, nicht für die Anfänger im Denken, auch nicht für den, der sich ausschließlich mit der Weisheit der Thora befaßt, schreibe ich. Sondern für den, der, gesund an Geist und Charakter, sich mit der Philosophie beschäftigt hat, wahre Weisheit kennt und glaubt an die Thoraworte; und trotzdem sind in sein Herz Zweifel gekommen, so daß er blieb in Irren und Verwirrung." (Einleitung zum „Maureh Newuchim".) Wer nicht gewohnt ist, Gedanken der Weisheit zu denken, der soll, so schreibt er, sein Werk beiseite legen. Er wird nur Unklarheit und keinen Sinn in ihm finden. Keines der Werke des Maimonides wurde so bekämpft, wie der „Maureh". Und doch tritt nirgends so klar die Größe und Geschlossenheit seiner Anschauung zu Tage, die erschütternde Ganzheit und Tiefe seines Glaubens an das überlieferte G'tteswort, das, vom Urheber des Guten und der Wahrheit Seinem Volke gekündet, erhaben ist über den Wandel der spekulativen Weltbilder und -anschauungen. Nicht Kritik fordert es von uns, sondern Verstehen, Eindringen in seinen Sinn, soweit dies dem Menschen gegeben. Hier schließt sich der Kreis mit seinem Erstlingswerk, wo er Bescheidenheit fordert vom denkenden Menschen und Erkenntnis seiner Grenzen. „Und der Mensch kann trotz all* seiner Weisheit, seinem Forschen und seinem Mühen nichts tun, als seine Angelegenheiten in die Hand des Schöpfers zu legen, ihn zu bitten- und anzuflehen, er möge ihn erleuchten, ihm Verstand verleihen, und ihm die in der Schrift verborgenen Geheimnisse enthüllen." (Vorwort zum Mischnahkommentar.)