Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 8 (15.4.1935)
- Date
- 1935-04-15
- Page
- Seite 174 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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174 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung: SCHUHHAUS M. FLEISCHMANN MDNCHEN, THEATINERSTRASSE 17 Speziali tat: BALL Y-SCHUHE In der Tat mag man in Maimunis Schriften gelegentlich eine Überschätzung des Rationalen finden. Insbesondere im 3. Buch des More gilt ihm die Erkenntnis höher als selbst die Sittlichkeit. Verständlich ist diese Schätzung, wenn man bedenkt, daß jenes Zusammenwirken von Religion und Wissenschaft, das. Maimuni sucht, nur mit äußerster Anspannung des. Denkens erreichbar ist. Kein Zweifel: auf dieser Schätzung des Denkens, das zur religiösen Liebe führt, beruht die Einheit des Systems Maimunis. Aber nicht die Einheit seiner Persönlichkeit. Denn neben die Schriften tritt ergänzend — das Leben. Für Aristoteles ist die „Theoria", die philosophische Betrachtung, „das liebste und schönste". Das „theoretische Leben" hat er gepriesen und in reifen Jahren auch gelebt. In sein „Museion" gebannt, dient er der Forschung und führt seine Schüler in die Mysterien der strengen Wissenschaft ein. Anders Maimuni. Dem ersten Träger seines Namens gleich, steigt er herab zu seinen Brüdern, sie zu erleuchten, zu erziehen, die Einzelnen und die Gemeinden zu beraten. Und wenn auch er gelegentlich, die Forschung als Höchstes pries, so geht gerade hier'die „innere Form", die er seinem Judentum verdankte, nicht; völlig ein. in die griechische Formel. Der Mensch ist größer als das System: Darin aber, daß! er, der Aristokrat, der erwar und blieb, sich; seinem "Volk verbunden wußte und hingebenden Dienst an ihm geleistet hat, liegt die Wirkung zum wesentlichen Teil begründet, die er im Judentum geübt hat. Es mag uns mit Stolz erfüllen,' daß Maimunis Kritik an Aristoteles' Schöpfungslehre auf den größten Dogmatiker der katholischen Kirche gewirkt hat, seine Lehre von der Unerforschlichkeit Gottes auf Meister Eckhart, der gerade heute als echter Vertreter deutscher Frömmigkeit gilt. WichtigerMst aber, daß er .im Judentum aller Richtungen fortwirkte, daß Gesetzeslehrer wie Jacob ben Ascher, Philosophen wie Gersonides, Mystiker wie Cordovero, in selbständiger Weiterarbeit natürlich, an sein Werk anknüpften. Und wenn naturgemäß sein Einfluß auf das allgemeine Denken abnehmen mußte, seit der Erschütterung des aristotelischen Weltbildes, an das er glaubte, so ist seine Weiterentwicklung im Judentum deswegen noch heute so stark, weil hier auch seine Persönlichkeit weiterlebt. Immer wieder hat es jüdische Menschen erhoben und in Kampf und Enttäuschung getröstet — das Bild des Mannes, der. von gleicher Liebe zu Wahrheit und Judentum erfüllt, unermüdet und unerschrocken gegen Unglauben und Wirrglauben gestritten und den Weg zu einem Judentum, das vor Geschichte und Wissenschaft bestehen kann, den Brüdern gewiesen hat. Die Sonderaufgabe der Universität Jerusalem für die wesf-ösfliehe Forschung und Bildung Z u m z e h n j ä h r i g e n. B e s t e h e n der Universität. Die Universität in Jerusalem ist die noch nicht ausgebaute Universität eines Volkes, das in eine neue .Situation eingetreten ist. In dieser neuen Lage können Forderungen, Ziele und Möglichkeiten heute noch nicht eindeutig umrissen werden. Der Lebensraum, den man Orient zu nennen gewohnt ist, ist in einer Wandlung begriffen, die ihn in einen noch nicht absehbaren Gegensatz zu dem — trotz aller politischen Gegensätze — dennoch irgendwie gleichmäßigen und einheitlichen Abendland setzt. Sicher ist: diese Universität in Jerusalem ist nicht nur geographisch, sondern auch geistig ein Teil dieses Orients und daher vor nur dem Orient eigentümliche Aufgaben gestellt, die die Existenzbedingungen dieser Hoch-, schule über den engen Rahmen eines nationalen Instituts hinaustreiben. Wäre die Hochschule von Jerusalem 1 nichts weiter als eine hebräische, jüdische Hoch-Schule irgendwo in der Welt, dann wäre ihre Bedeutung die irgendeiner Universität irgendeines Volkes, das sich auf seine Sonderexistenz, auf seine Sonderverpflichtung im Aufbau der Welt wieder besinnt Ihr Aufgabenkreis würde sich darin erschöpfen, geistiges und praktisches Rüstzeug zu schaffen zum Aufbau des Volkes, jenes Rüstzeug, das an anderen Universitäten für Angehörige dieses Volkes nicht zu holen ist, eben weil es Universitäten anderer Völker sind, deren geisteswissenschaftlichen Fakultäten in erster Linie dem Geist und der Wegrichtung ihres Volkes angepaßt sind und nur — im besten Fall — in peripherer Weise der Geschichte, der Tradition und dem eigenartigen Geist des Judentums Erwähnung tun, ohne an der Weiterentwicklung dieser fundamentalen Dreieinigkeit in konstruktiver Weise teilzuhaben. Es hat also die hebräische Universität eine Sonderaufgabe auch als nationales Instrument, die sie eindeutig von allen M. §ELBERTHA1J «& CO. KAUFINGERSTRASSE 10 Das Haus für hübsche Geschenke in Uhren Schmuck Silberwaren andern Hochschulen der Welt scheidet, eine Sonderaufgabe, die mit den besonderen Aufgaben der jüdischen Gesellschaft in Palästina im engsten Zusammenhang steht. Damit aber ist ihre Bedeutung — in Zukunft zumindest — nicht erschöpft, wenn sie nicht in kurzsichtiger Selbstgenügsamkeit sich abschließen wird von den Dingen, die im Orient, außerhalb Palästinas, vor sich gehen. Wenn die Jerusalemer Universität die Zweigesichtigkeit ihrer Aufgabe, als nationales Aufbauinstrument einerseits und anderseits als ein den Geist des gesamten Vorderen Orients neu befruchtendes Reservoir spezifisch orientalischer Geisteswerte, erkennt, dann ist die Gefahr einer Abkapselung vom wirklichen, wachsenden und jeden Tag sich neugestaltenden Leben des Ostens gebannt. Ich möchte die Aufgabe der jüdischen Universität mit der eines Filters vergleichen, der „den Mehlstaub herausläßt und das Kernmehl zurückbehält", das heißt, der die wissenschaftlichen Methoden und Ergebnisse des Westens aufnimmt und sie nach einem Filtrierungsprozeß, bei dem alle nur dem Westen spezifischen und nur in Verbindung mit westlicher Geistesart wertzeugenden Elemente herausgelassen werden, an den Osten abgibt. Dies scheint mir die wesentliche Aufgabe einer jüdischen hohen Schule am Schnittpunkt okzidentaler und orientaler Geisteshaltung: Wird diese Aufgabe richtig erfühlt und richtig erfüllt, dann ist der Kampf gegen den Levantinismus, gegen jene parasitäre Assimilatioiiserscheinung, die dem europäisch besiedelten Orient eigen ist, aussichtsreich. Voraussetzung dazu ist die Erkenntnis des Kiplingschen Wortes „east is east and west is west and never the twain shell meet". Das heißt, daß die letzten Endes wertlose Vermischung oder Angleichung — natürlich immer nur äußerer Art, da eine andere aus organischen Gründen nicht möglich ist — fremder Mentalitäten, welche beinahe immer durch die geistlose Hochachtung vor der besser entwickelten Ökonomik und Technik des Assimilationsabjektes ausgelöst wird, durch unsere Universität in jenem Sinn beendet werden muß, daß; also ein Austausch allgemein gültiger Forschungsergebnisse' zwischen Ost und" West an Stelle jener stets, unbefriedigenden Aufpfropfung fremder Methoden und Forschungsergebnisse auf den Körper des Orients tritt. Neben