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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-04-15 · 8 (15.4.1935) · p. Seite 172

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
8 (15.4.1935)
Date
1935-04-15
Page
Seite 172 (sequence 4)
Language
German
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172 Bayerische Israelitische Gemeiridezeitung Nr.-8 Aus dem „Hohen Lied" (Übersetzung von Sturmann) Zeichnung von Alfons Rosenberg ihr in loserer oder festerer Synthese zu verbinden, sondern als Deuterin und Dolmetscherin des jüdischen Gottesbekenntnisses. Maimuni war nicht der erste, der den altjüdischen Begriff des Jichud Haschern philosophisch faßte. Aber allerdings: keiner hat mit diesem Begriff derart Ernst gemacht, keiner hat diesen reigiös-philosophischen Begriff mit solcher Energie verfochten wie er — gegen die nichtreligiösen Philosophen wie gegen die unphilosophischen Glaubensgenossen. Und in diesem Kampfe liegt die Einheit seines Lebenswerks. * * * . . . Der „Führer der Unschlüssigen" führt ihn in doppelter Richtung. Zunächst begründet er das Recht des philosophischen Einheitsglaubens, aufsteigend von der Deutung körperlicher Aussagen der Bibel über Gott (Gottes Ebenbild, sein Thron), deren bildlichen Sinn auch der philosophisch Ungebildete kennen muß, bis zu der Lehre von der völligen Unvergleichlichkeit Gottes, demgemäß von der Unmöglichkeit, über, das Wesen Gottes (im Gegensatz zu seinen Wirkungen, die wir erforschen können und sollen), etwas Positives auszusagen. Im Talmud wird ein Vorbeter getadelt, der im Achtzehngebet die rühmenden Attribute Gottes häufte. Darin sieht Maimuni das Eingeständnis, daß wir Gottes Wesen nicht erschöpfen können, und den Beweis dafür, daß der strenge Einheitsglaube auch im Judentum Heimatsrecht besitzt. Oder vielmehr: nur in ihrer jüdischen Fassung gelangt diese Lehre zu reiner Ausprägung. Der Abstand zwischen der herkömmlich Jüdischen und der aristotelischen Lehre von Gott schärft den Blick für einen wunden Punkt der letzteren. Aristoteles hat in der Frage der Weltschöpfung geschwankt und schließlich verneinend geantwortet; nach seiner Lehre, wie die arabischen Philosophen sie verstanden, geht die Welt aus Gott hervor, wie das Licht aus der Sonne, also dauernd und mit Notwendigkeit, nicht durch einmaligen freien Willensakt. Ein solcher Standpunkt widerstreitet nach Maimuni vielleicht nicht unbedingt dem Buchstaben der Bibel; aber mit dem religiösen Glauben an einen unser Schicksal lenkenden Gott ist er unvereinbar. Und doch betrachten sich die arabischen Schüler des Aristoteles nicht als Gegner, sondern als die berufenen Deuter der Religion. Allein bei eindringender Betrachtung erweist sich Aristoteles' Entscheidung auch wissenschaftlich als höchst anfechtbar. Nur unter der Voraussetzung eines freien Wirkens Gottes ist insbesondere die Teleologie der Organismen, wie sie zumal die nacharistotelische Naturwissenschaft aufdeckte, und das wechselseitige Aufeinander-Angewiesensein der Wesen voll verständlich (More II 19; III 13). Daher erweist der Fortschritt der Wissenschaft den religiösen Begriff des frei handelnden Gottes gegenüber der griechischen, von keiner religiösen Tradition beeinflußten Vorstellung auch als wissenschaftlich überlegen. * * * Im More wies die Religion der Wissenschaft den Weg zur Klärung. Im Mischne Thora führt die Wissenschaft zu klarer Erkenntnis der religiösen Pflichten und zur Vertiefung des religiösen Lebens. Kein Werk Maimunis zeigt in seinem Aufbau so deutlich den Schüler des Aristoteles wie sein Gesetzbuch. Denn Aristoteles' Spekulation ruht auf der empirischen Forschung. Er konstruiert nicht das Bild des Staates frei, nach Analogie des menschlichen Organismus, wie Platon: er sammelt 158 Verfassungsgeschichten, um aus ihnen das Wesen und Werden der Staaten abzulesen. Er sammelt nicht um des Sammeins willen: Empi-- risches logisch zu durchdringen, ist nach ihm wichtigste Aufgabe der Wissenschaft. Ihm folgt Maimuni in der Behandlung des jüdischen Gesetzes. Er ist der erste, der die Fülle der Gesetze in ein klares System gebracht hat, ohne alle Abschweifungen, wie selbst die Mischna sie enthält, unter ständiger Beziehung auf den Gesamtsinn religiösen Handelns. Aber war es „Mischkultur", wenn er mit griechischen Methoden den jüdischen Stoff durchleuchtete? Sicherlich nicht; denn seine Nachfolger, durchweg keine Freunde (zum Teil sogar Gegner) der Spekulation, haben auf seiner Grundlage weitergebaut. Sie haben damit anerkannt, daß nur bei systematischer Ordnung die Forderungen übersichtlich werden, die das Judentum an uns stellt. Aber nicht minder, deutlich zeigt die Gestaltung des Stoffes den Einfluß der Wissenschaft: und hierin sind ihm seine Nachfolger nur zum kleinen Teil beigetreten. Wohl gibt. sich das Werk als Darstellung der jüdischen Tradition. Wie im „Führer" die Philosophie, so hat daher hier die Uberlieferung auf weite Strecken hinaus allein das Wort, soweit nämlich, als es nur die Regelung des religiösen Lebens gilt. Und wenn' die Achtung vor menschlicher Geistesarbeit sich im „Führer" .bekundet, so die tiefe Ehrfurcht vor Offenbarung und Tradition im Mischne Thora. „Es ist recht, wenn der Mensch nachdenkt über die Gebote der heiligen Lehre und ihren Zweck nach Kräften zu erkennen sucht. Findet er aber für ein Gebot keinen Grund, so achte er es deshalb nicht gering. Wie streng sind doch die Gebote der Thora über Veruntreuung heiligen Gutes! Und wenn Holz und Stein heilig wurden und ihre gemeine Verwendung strafbar ist, nur weil der Name des Weltherrn über ihnen genannt wurde — wie viel gewisser, daß ein Gesetz, das Gott uns gegeben, vom Menschen nicht übertreten werden darf, weil er den Grund nicht erkenntJ" Aber ungeachtet dieser tief in Maimunis Wesen wurzelnden Pietät zeigt sich auch hier, an den Berührungspunkten der religiösen Pflichtenlehre mit dem wissenschaftlichen Weltbild, Maimunis eigene Hand, in Ergänzungen, Weglassungen, Umbiegungen und in vereinzeltem Widerspruch gegen Auslegungen, die mit der Wissenschaft unvereinbar sind. Gottesdienst beruht nach; Maimuni auf Gotteserkenntriis. Aber Gott können wir nur erkennen aus seinem Wirken. Daher führt der Weg zu Gott durch die Erkenntnis der Schöpfung. Nun ist freilich nicht jeder, der vollen wissenschaftlichen Erkenntnis fähig. Aber die Kenntnis ihrer Grundlagen ist allerdings unerläßliche Voraussetzung für den Dienst des „einen Gottes". Daher schickt Maimunis einen Abriß des Wissenschaft-

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