Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 8 (15.4.1935)
- Date
- 1935-04-15
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 171 des gewaltigen und strengen Raban Gamaliel als Lückenbüßer zum Vorsitzenden des Gerichtshofes berufen, die äußeren Zeichen des Alters, das weiße Haar, im Schlafe geschenkt erhält: ohne sie hätte er im Volke der Altersehrung sein hohes Amt nicht üben können. Aber er muß gestehen, daß ihm eine wichtige Ableitung aus der Bibel unzugänglich blieb, bis sie ein Größerer, Rabbi Tarphon, fand. All das, was ~wir geschichtlich von Rabbi Elieser Ben Asarja wissen, nämlich, daß er bald den Vorsitz nicht mehr allein verwalten konnte, sondern mit dem zurückgerufenen Raban Gamaliel teilen mußte« schimmert durch die Unselbständigkeit dieser seiner einzigen Äußerung in unserer Hagadah. Die Beweisführung selbst, die Rabbi Tarphon bringt, stellt auch diesen Xehrer wiederum in die intensive Deutungstechnik der Schule Rabbi Akibas hinein — geht doch alles um den Sinn des Wörtchens ,,kol" —, zeigt aber zugleich in dem Widerspruch, den seine Auffassung dieses Wortes bei den „Weisen" findet, einen weiteren Charakterzug solchen Lernens: den Charakter der Diskussion. Dieser Diskussionscharakter setzt sich sogar in die Zahlenspiele hinein fort, in denen die ägyptischen Plagen multipliziert werden. Also: In Ägypten ist von Gottes Finger die Rede, am Meer aber von Gottes Hand; Finger,,:" Hand 1:5, 10 ägyptische Plagen 40 am Schilfmeer; oder, wenn jede einzelne der 10 Plagen, nach ' Ausweis eines weiteren Verses, aus 4 Unterplagen bestarid, steht das Verhältnis 40:200, nach Deutung Rabbi Akibas, der 5 Unterplagen annimmt, sogar 50:250. Gerade diese Erklärung ist im Grunde eine ernste, weil sie nämlich eine historische ist. Und sie macht die zahlreichen Verknüpfungen sichtbar, die die Pesach-Hagadah mit der Zeit ihrer Entstehung sichtbar verbindet. Um nur die deutlichste zu nennen: Wenn beider Erlösung" aus Ägypten mit immer neuen Wiederholungen hervorgehoben wird. Gott habe uns erlöst „nicht durch einen Engel, nicht durch einen Boten... sondern Er in seiner Herrlichkeit und Selbstheit allein", so taucht eben jenes zweite nachchristliche Jahrhundert des Rabbi Akiba und seiner Genossen vor uns auf, in dem der erste ernste Abwehrkampf gegen die Idee eines göttlichen Mittlers geführt werden mußte. Und doch handelt es sich für uns nicht um'vergangene Geschichten, sondern, bei allem Ballast von Tradition und Lernen, um lebendige Gegenwart. Ist doch, nach jenem mit Recht unzählige Male berufenen Kernwort der Hagadah, „ein jeder verpflichtet, sich so zu betrachten, als sei er selbst aus Ägypten gezogen". Wie wir am 9. des Monats: Ab uns nicht des gefallenen Jerusalems und seines Tempels trauernd erinnern, sondern den eben eintretenden Fall in .Trauerkleidern und mit Trauerbräuchen beweinen, so freuenwir uns Jto fönöetnugut feffen ♦.. 3n fönderougen fefj'n tote da$ erjteraal tm Hlöcrfjen fytntn, ift JlUfeä Staunen und der Anfang de$ Begreifend ärarum tote (Brosen fo öfel Irrege^'n. Daräitö Jfcoflft ente ÜDeÜV die gonj öon dorn beginnen fönnte frfrön 3ü fein.« Dorff m die 4tiöe ifircä Keifenö ift fcfjon die $rage nndfr der unftigtn gepellt. t/^/^/^y^y^j^/^y^/^/^^s^s^ am Pesachfeste* der uns in seiner Gegenwärtigkeit immer wieder geschehenden Erlösung. Erst sein Ende bringt mit dem Rufe der Zukunft: „Im nächsten Jahre in Jerusalem" zugleich mit jener Hoffnung den Schatten der unerlösten Gegenwart wieder über uns, der auch im Bekenntnis des ersten Anfangs: „Dieses Jahr hier, nächstes Jahr im Lande Israel; dieses Jahr Knechte, nächstes Jahr Söhne der Freiheit" noch auf uns lag. Dazwischen aber, in der eigentlichen Herzmitte des Festes, geschieht die volle Vergegenwärtigung der Erlösung. Sie geschieht im dritten der Elemente: im Gebet. Dehn während vorher nur gleichsam logisch abgeleitet ward, daß wir nicht erlöst worden wären ohne die Erlösung der Väter, heißt es nun, auf der Höhe des Segensspruches: „Gelobt sei..., der erlöst hat uns und unsere Väter." Erst uns — und dann unsere Väter; wenn nicht uns, so auch unsere Väter nicht. Dafür aber, daß dieses Lebensbewußtsein Israels nicht nur einmaliger Höhepunkt des Jahres sei, sondern immerdar bei uns bleibe in jeder Not und Anfechtung der Zeit, dafür bürgt unser tägliches Gebet: „— Unser Gott, und Gott unserer Väter, Abraham Jizchak und Jaakob." So geht, in Geschichte, Lernen und Gebet, die Hagadah ein in den täglich neu durchmessenen ewigen Kreislauf des jüdischen Jahres. Die Einheit in Maimunis Persönlichkeif Von Professor Isaak He ine mann. Maimuni ist Gesetzeslehrer und Philosoph. Wo finden wir den echten Maimuni: da, wo er in Unterordnung unter die Tradition seines Volkes den schmalen Weg jüdischen Pflichtenlebens zeichnet, oder da, wo er mit kühnem Gedankenfluge, in Auseinandersetzung mit den Weisen aller Völker, die großen Linien einer philosophischen Lebensauffassung, entwirft? Offensichtlich beruht diese Antinomie, die sich bei der nächsten Betrachtung Maimunis aufzutun scheint, auf einer anderen. Maimuni ist Bürger zweier Welten: als Gesetzesiehrer wurzelt er im Judentum, als Philosoph ist er Schüler der Hellenen. Wie hat er es vermocht, die Antriebe so grundverschiedener Kulturen zu einer Lebensanschauung zu verbinden? * * . * Das Judentum kennzeichnet sich selbst als Lehre von der göttlichen Einheit,1 „Bekenner Deiner Einheit" nennen wir uns oft im Gebet, zumal vor dem Sprechen des Bekenntnisverses Schema J i s ra e 1. Aber mit dem Bekenntnis, daß Gott nur Einer ist, also "keine Götter neben sich hat, ist das Wesen und die Eigenart des Judentums nicht erschöpft. Wir glauben auch, 1 Zum folgenden vgl. meinen Aufsatz im Aprilheft (Maimuni- Heft) der „Monatsschrift für Geschsichte und Wissenschaft des Judentums". zum Unterschied etwa vom homerischen Griechentum, an die Unkörperlichkeit, ja, an die unendliche Erhabenheit Gottes. Diese Merkmale gehen in den Begriff der „Einheit" nicht ein. wenn man ihn im gewöhnlichen Sinne versteht. Nun aber hatte die griechische Philosophie einen viel schärferen Begriff der Einheit ausgeprägt. Sie versteht darunter Einheitlichkeit, also Unteilbarkeit. Und nichts Körperliches kann einheitlich sein: denn alles Ausgedehnte ist teilbar. Selbst die Ideen, die geistigen Formen des Körpers, sind Vielheiten. Aber alle Vielheit, so lehren die Hellenen, fließt aus einer letzten Einheit. Dieses „Eine, Gute" ist also allem Irdischen überlegen. Körper können wir erkennen durch unsere Sinne, Ideen durch unsern Geist: Gott, die höchste Einheit, können wir nur ahnen — aus seinen Wirkungen, die uns täglich umfangen. Diesen Begriff des Einen Gattes, wie zumal der Neuplatonismus ihn ausgebildet hatte, übertragen arabische Denker auf den Gott der Bibel. Und jüdische Philosophen sind ihnen willig gefolgt. Denn durch diese Fassung erhielt der herkömmliche Begriff einen volleren Klang: erst jetzt schloß er Gottes Erhabenheit über alles Irdische ein im Sinne des Prophetenwortes: „Wem wollt ihr mich vergleichen, daß ich ihm gliche?" Nicht als Fremdkörper scheint also die griechische Philosophie neben die jüdische Religion zu treten, um sich mit