Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 8 (15.4.1935)
- Date
- 1935-04-15
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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170 Bayerische Israelitische Gememdezeituri}» Nr. 8 Die Pesach-Hagadah als Lehrbüch des jüdischen Wissens Von Ernst S i m o'n, Jerusalem. Jede jüdische Festbetrachtung kann in dieser Zeit von der -— auch häufig ausgesprochenen — Voraussetzung ausgehen, daß heute viel mehr Juden als irüher unsere Feste feiern werden. Diese erfreuliche Tatsache stößt nun bei dem . Pesachlest auf die Schwierigkeit, daß jenes in seiner Mitte stehende Büchlein, die „Hagadah" nicht nur durch -ihren hebräischen — oder gar aramäischen! — Wortlaut dem Unwissenden gewisse -Schwierigkeiten macht sondern daß sie auch in ihrem Inhalt nur dann wirklich erfaßt wird, wenn man die Hinweise Aufnimmt, die von ihr auf weite Gebiete des jüdischen Wissens .ausgehen. Darum mag es erlaubt sein, hier einige Andeutungen von dem Beziehungsreichtum der Hagadah zu geben, die natürlich nicht mit dem Anspruch auf etwas Neues auftreten kön-. nen. Aber auch das „gute Alte" hat ja seinen Wert. - Betrachten wir die Hagadah zunächst als etwas Ganzes und fragen uns dann, aus welchen .Elementen es zusammengefügt ist, so bemerken wir bald, daß sich hier Geschichtserzählung, Gebet und Jüdisches Lernen vermählt häben. Diese drei Elemente wechseln zwar nicht immer in genauer Regelmäßigkeit miteinander ab, treten aber alle immer wieder hervor. Die Erinnerungen an unsere leidensreiche Geschichte, ihre dankbare.,Vergegenwärtigung im Gebet, und die. Brücke zwischen- Vergangenheit und Gegenwart, die das Lernen schlägt, , indem es jüdischen. Brauch aus dem Bibelwort ablenkt oder'darauf stützt: das sind die drei Elemente nicht der-- Hagadah nur, sondern unserer gesamten .ge'istigfen Existenz. Aber noch eine intimere architektonische Eigenschaft des kleinen Büchlens läßt sich aufweisen, und zwar .innerhalb seiner geschichtserzählenden Schicht selbst. Diese beginnt bekanntlich mit dem Bekenntnis: ..Knechte waren wir dem Pharao in Ägypten..." und wird dann, nachdem Gebet und Lernen das Wort genommen haben, wieder aufgenommen mit dem zweiten Bekenntnis: „Im Anfang waren unsere Väter Götzendiener". Es ist ganz deutlich, daß hier von der Aussage der äußeren zu der der inneren Knechtschaft fortgeschritten wird: es ist zugleich bemerkenswert, daß an diesem Tage höchsten Geschichtsbewußtseins keine .antikheroische Verklärung die kleinen nnd dunklen Artfänge des Volkes emporfärbt, sondern die. Wandlung und der Aufstieg vielmehr dem eigentlichen Täter der Geschichte. Gott, verdankt werden. ■ Waltet in solcher Geschichtsbetrachtung ein mächtiger religionspädagogischer Einfluß, so ist die Bedeutung des ..Lernens" innerhalb der Hagadah kaum minder hoch anzuschlagen: Hat sie doch einen Hauch des talmudischen Wissens, seiner Methoden und Inhalte noch bis an des ungelehrtesten Juden Pesach-Tisch herangetragen. Mannigfach waren die Klammern, die verhindern wollten, daß sich eine Schicht der Gelehrten vom einfachen Volke trenne: die stärkste und wirkungsmächtigste von ihnen war und ist die Hagadah. Wer sie noch versteht und seinen Kindern und Gästen noch erklären kann, der ist noch nicht völlig aus jener Welt ausgeschieden, der sie in ihren ältesten Schichten entstammt; aus der Welt des halachischen Midrasch (jener freien Bibelerklärungen mit wesentlich religions-gesetzlicher Absicht aus den früh-christlichen Jahrhunderten), der Mischnab und des Talmuds. Ja. es scheint beinahe, als habe eine pädagogische Hand mit weiser Bewußtheit verschiedene Typen jenes Lernens mit mindestens je einem Beispiele in dem Büchlein heimisch gemacht. So hören wir z. B. die folgenden Überlegungen: „Jachol" (man könnte meinen), Merosch chodesch (daß man des Auszugs aus Ägypten vom ersten Tage des Pesachmonats Nissan an in besonderer Form zu gedenken habe), Talmud Lomar (die Thora lehrt uns deshalb), bajom hahu („an jenem Tage", d. h., wie später erklärt wird, am Abend des Tages; wo Mazzah und Bitterkraut vor uns liegen). Wer den hier, angedeuteten Absatz genau liest und zu erfassen sucht, hält ein methodisch wichtiges Stück rabbinischer Bibelexegese in Händen. Man erkennt zunächst die prinzipielle Voraussetzung (in dieser ausschließlichen Schärfe Eigentum: des in der .Hagadah erwähnten Rabbi Akiba)-, daß jedes einzelne Wort in der Thora seine ganz besondere Bedeutung habe und also deutungsdürftig sei. Nichts ist „gleichsam wie in der Sprache der Menschenkinder gesprochen",, wie Rabbi Jischmael, Akibas großer Gegner, für bestimmte Fälle annahm. Man wird dann aber weiter feststellen, daß der Schriftbeweis nicht logisch bis zu Ende geführt wird, sondern bei der Tatsache halt macht, daß Mazzah und Bitterkraut eben am Abend des 14. Nissan vor uns liegen. Wer dagegen einwendet, dies gerade sei ia .zu beweisen, übersieht eben, daß hier, wie so oit (wenigstens nach des Maimonides Ansicht), Brauch und Gesetz nicht aus dem Thorawort abgeleitet, sondern nachträglich darauf gestützt wird. In ähnlicher Weise bietet jedes der Lernstücke reichlichen Anlaß zu Frägenstellung, Diskussion und weiterführender Vertiefung. Wie großartig ist z. B. die Charakteristik des jugendlichen und offenbar nicht sehr gelehrten Rabhi Elieser Ben Asarja, dernur „wie ein Töjähriger ist", wei! er, statt N'JM warb Krp tei(rkö^rot-^tsi£UttdoA ttatamtRQramtt , ______ ______t5»Ä^fb4^ ilj*'JtifrJt* tflfen ro^erJtfttljrfc Sjmmfi^oitean oliitoiuoljntfun amztfufttntßt! ^^^^W^™^r^Fr»W^^^^^^p^* toeg^1I#tt£ 2ac$i[rks^colfocfftyottijröim mxjt oforTtorteW intoiebettt* un&lOättt lEffen sdttiljr 6cuM3tttfa$£lente undQcöcntim^^ättt.kttn^Mnctij unnteufct b&m turcirättt ^ftcom^ ilft cff«Killfc'tos$fc*tofrlEte^ ja'* Art Jtotctttj 4etnim$efat&fi Br^^ltofft«tiktÜ)t8ttn^Qktr tffe$«euftt taraMa mtibufä&rr twausfutjtfe auaMwötm Ättd eutt*ämtn cttjcUaim jSfet, 2m.H!<*(mnatin JtOftyh Text von Manfred Sturmann Zeichnung von Alfons Rosenberg