Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 7 (1.4.1935)
- Date
- 1935-04-01
- Page
- Seite 150 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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150 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 Münchener Hof- und Staatsbibliothek eine lateinische' Pergamenthandschrift aus dem ehemaligen Kloster Kaishein bei Donauwörth, die die erste lateinische Übersetzung des More Nebuchim, des philosophischen Hauptwerkes von Maimonides darstellt Durch diefe Ubersetzung ist der Scholastik im Mittelalter das Gedankengut des jüdischen Philosophen vermittelt worden; so lernte die christliche Welt seit den ersten Jahrzehnten des 13. Jahrhunderts den „Führer der Irrenden" kennen. In diesen Blättern (Gemeinde-Zeitung vom 1. Februar 1932) ist vor drei Jahren in einem leitenden Aufsatz „Albertus Magnus und Moses Maimonid es" der Einfluß des großen jüdischen Denkers auf die abendländische mittelalterliche Philosophie ausführlich behandelt worden David Kaufmann hat 1898 über den „Führer" Maimunis in der Weltliteratur alles Wissenswerte zusammengetragen und dabei eingehend die von Perles gefundene lateinische Ubersetzung beschrieben (die grundlegende Abhandlung irt wieder abgedruckt in David Kaufmanns Gesammelten Schriften, Frankfurt a. M. 1910, Bd. II, S. 152—189). Die zweite wichtige Arbeit, die hier wieder ins Gedächtnis gerufen werden soll, stammt von Rabbiner Dr. Israel Firikelscherer und erörtert „Mose Maimunis Stellung zum Aberglauben und zur Mystik". Im Zeitalter des vielbändigen „Handwörterbuches des Aberglaubens" denken wir heute über den „Aberglauben" als Ausdruck der Volksseele viel positiver als vor 30 Jahren. Wir werten den „Aberglauben" nicht , mehr ro entschieden ablehnend als den Zerstörer von Glauben und wahrer Religiosität und halten viel mehr die. welche den Aberglauben nur als Auswuchs barbarischer mittelalterlicher Zeiten sehen, selbst für Opfer einer allzu rationalistischen Irrlehre. Studiert man heute die Arbeit von Fin'kelscherer, der sich damit ein zentrales Thema gewählt hat, so wird man den besonderen Wert der zuverlässigen Stoffzusammentragung nicht verkennen, während man sich in der Materialauswertung dem Verfasser vielleicht nicht mehr ganz anschießt. Maimonlides läßt als großer Erzieher des jüdischen Volkes nur Vernunft, Erfahrung und Überlieferung als Quellen seiner Erkenntnis gelten, alles andere ist für ihn verabscheuenswerter Aberglaube und Götzendienst. Der richtige, der jüdische Glaube ist für Rambam gleichbedeutend mit höchster wissenschaftlicher Evidenz, Aberglaube aber ist ihm ärgerliche Torheit und Unwissenheit. Die Art, wie Maimuni den Aberglauben theoretisch und praktisch bekämpft, ist aufs höchste charakteristisch für sein Gesamtsystem. Beide Arbeliten, die von Rabbiner Perles und Rabbiner Finkelscherer, haben mehr als antiquarisches Interesse, sie führen unmittelbar in die maimonidischen Probleme, die wir heute freilich anders zu lösen versuchen. Neben dem modernen Schrifttum über Rambam können gerade diese beiden sich sehr bescheiden gebenden gründlichen Abhandlungen heute noch wohl bestehen, es fällt an ihnen eine wohltuende philologische Dichtigkeit ohne sprachlich-formellen Schmuck und ohne bohrende Deutungsversuche auf. Wir können an den gelehrten Traktaten dieser vielgescholtenen Epoche des ausgehenden 19. Jahrhunderts sehr viel lernen; eine glücklichere Zeit konnte sich der reinen, tendenzlosen Forschung als Selbstzweck hingeben, während wtir heute selbst in der Epoche Maimunis und in seinen Bemühungen und Lehren erregter als früher vor allem uns selbst suchen, was bei Rambam nicht ohne Schwierigkeiten ist. F. Bayreuther Erinnerungsfeier Am Sonntag, den 24. März nachmittags, wurde das 175jährige Bestehen der Synagoge in Bayreuth in einfacher würdiger Weise durch eine Synagogenfeier begangen. Mit der Gemeinde füllten Vertreter der benachbarten und befreundeten Gemeinden das mit Blattpflanzen geschmückte Gotteshaus. Als Vertreter des Verbandes Bayer. Israelit. Gemeinden war sein Präsident Herr Rat Dr. Neumeyer selbst erschienen Der Vorstand der Gemeinde, Herr Justizrat Klein, begrüßte Gäste und Gemeinde, erinnerte an die erhebenden ernsten und freudigen Feiern, welche die Synagoge gesehen hat, an die Stifter der Gemeinde und an seine beiden verdienstvollen Vorgänger im Amte, Benno Seligsberg und Luitpold Kurzmann. Die Festpredigt hielt Herr Rabbiner Dr. Salomon im Anschluß an Psalm 143; 5. Er zeichnete die Gründungszeit der Synagoge, die Geschichte der Gemeinde als Ausschnitt und Spiegel der Geschichte des deutschen Judentums. In Würdigung der Gründer Moses und David Seckel, welche die Synagoge errichtet und der Gemeinde - geschenkt hatten, ermahnte er zur Opferwilligkeit und Opferbereitschaft, zur Treue gegen Judentum .und jüdische Gemeinschaft und schloß mit einem Gebet für Heimat und Gemeinde. Der Predigt folgte die Seelenfeierfür die Gründer der Synagoge, Rabbiner und Vorsteher. Herr Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer überbrachte die Glückwünsche des Verbandes in folgender Ansprache: Sehr geehrte Festversammlung! Maimonides, der große Denker und Lehrer, dessen 800jähriges Geburtsfest in dieser Zeit die jüdischen Gemeinden in aller Welt begehen, hat in seiner Mischne thora hilchot Schechenim' TVI/l) in eindrucksvoller Weise die Bildung einer Gemeinde vor Augen geführt: Er hat da die Pflicht für alle Inwohner einer Stadt festgesetzt, eine Stadtmauer aufzurichten und eine Synagoge zu erbauen, die nötigen Thorärollen und anderen heiligen Schriften anzuschaffen, daß jeder, der lesen will, sie auch lesen kann. Als die Väter der Gemeinde Bayreuth im Jahre 1759 in der Stadt zugelassen wurden, da war eine Zeit großer Bedrängnis und schwerer Kriege in allen Ländern, es herrschten hier ein edler Fürst und seine geistvolle Gemahlin, die Schwester des großen Preußenkönigs. Und schon ein Jahr nach ihrer Aufnahme errichtete die kleine Gemeinde dieses würdige Gotteshaus. Sie führte nicht eine Stadtmauer um ihre Niederlassung, aber sie umgab ihre Wohnungen mit tüchtiger Art. In unermüdlichem Fleiße bauten ihre Vorfahren die Gemeinde aiuf und geistige Bestrebungen aller Art wurden hier gepflegt. Sie schickten ihre Söhne und Töchter ins Land hinaus, die hervorragende Leistungen auf den verschiedensten Gebieten vollbrachten. Ich knüpfe an die Ausführungen Ihres verehrten Herrn Vorsitzenden an. In meinem kleinen Wirkungskreise sind mir solche Männer begegnet, mit denen mich freundschaftliche Beziehungen verknüpften. Ich darf nur an die Namen Wlmersdoerfer, Harburger, Engelmahn erinnern, die jedem Juristen unseres Landes als führende Männer auf dem Gebiete der Rechtswissenschaft und Rechtspflege bekannt sind. —^ In Wellenberg und Wellental fließen die Gemeinschaften dahin auf dem Meere des Weltgeschehens. 150 Jahre strebte unser jüdisches Gemeinwesen auf deutschem Boden zu immer größerer Entfaltung. Es war noch auf der Wellenhöhe, als eben vor 15 Jahren die bayerischen Gemeinden zu einem Verband sich zusammenschlössen, um die schwachen Gemeinden zu stützen, ihre Diener vor der Not des Lebens zu bewahren und das altererbte geistige und religiöse Gut zu pflegen. Als Vertreter des Verbandes Bayerischer Israelitischer Gemeinden bin ich mit,herzlichem Dank Ihrer Einladung heute gefolgt, um Ihnen die wärmsten Glückwünsche zu bringen und Ihnen zu sagen, daß wir Ihnen zur Seite stehen wollen, soweit nur unsere Kräfte reichen. Heute Montag, i . IV. 1935 um 20 Uhr im Museumsaal, Vortrag von Dr. Schoeps: Deutsch-jüdische Besinnung