Mannheim
Compact Memory

Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1935-03-15 · 3 (15.3.1935) · p. Seite 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1935
Issue
3 (15.3.1935)
Date
1935-03-15
Page
Seite 8 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/9934493-9934523-9934526--366-2743292
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

8 Mitteilungen des Jüdischen Nr. 3 pforte festzustellen) und welche bedeutenden Leute auf demselben ihre letzte Ruhesätte fanden. Sehr sinnvoll ist die Anlegung eines Friedhofsplanes mit Eintragungen über Namen und Daten der Verstorbenen; solche Pläne sind in sehr vieien Gemeinden vorhanden, müssen aber auch nachgetragen und korrigiert werden. Sie sollen sich — möglichst mit Kopien — bei den Gemeindeakten befinden. Nun zum zweiten Teil der jüdischen Denkmalspflege, zut Konservierung der Kunstwerke. Bei dieser Erörterung muß ganz kurz das Kapitel „Jüdische Kunst" gestreift werden. Man kann nämlich durchaus auf dem Standpunkt stehen, daß es jüdische Kunst im eigentlichen Sinne nicht gibt, ja daß selbst die Kunst jüdischer Künstler noch keine jüdische Kunst ist, und daß sie auch nicht dafür anzusprechen ist, wenn der Meister, der in der Kunstgestaltung seiner Umgebung fußte, zufällig Jude war. Aber das, was es für uns bei der zu besprechenden „jüdischen Kunst" zu werten gibt, ist ja nicht Kunst im abstrakten Sinne, sondern ist kleine, bescheidene Regung, ist Volkskunst, die nie am Quell hoher klassischer Kunst — etwa des italienischen Mittelalters — geschlürft hätte. „Die Frage, ob es eine jüdische Volkskunst gäbe, das heißt, ob Juden gewillt und befähigt seien, überall da und dann, wo ihnen an Schönheit, Eindringlichkeit und Individualität des spezifischen Hausrats oder Kultgerätes gelegen ist, diesem Verlangen Ausdruck zu verleihen, diese Frage kann man nur bejahen, Es gibt jüdische Volkskunst, und wo sollte es mehr von ihr geben, als in jenem Lande, in dem seit Jahrhunderten und seit Generat'onen Juden in festen, kleinen Gruppen und Familienverbänden sitzen, wo sie mit dem Lande und wo das Land mit ihnen verwachsen ist?" (Hallo, Jüd. Volkskunst.) Diese Abgrenzung unseres Gebiets führt uns gleich inmitten all der kleinen „Wert"-Objekte, deren Pflege uns obliegt. Wenn wir mit diesen Zeilen — an Hand eines Rundsangs durch eine jüdische Gemeinde — Vieles erwähnen, was längst fort ist, und Einiges vergessen, was noch vorhanden ist, so soll dies nicht eine trockene Aufzählung werden, sondern soll Material zur Bestandsaufnahme und Anleitung zur geistig-künstlerischen Erfassung bilden. Beim Eintritt in das Judenviertel sehen wir schon von ferne das in seinen Formen von der Umgebung abstechende Haus der Synagoge; bevor wir eintreten, betrachten wir den in die Mauer eingelassenen hübsch gemeißelten Chuppohstein, darüber die farbigen Glasfenster, vielleicht noch die in Holz oder Sterin eingravierten hebräischen Inschriften über der Eingangspforte. Ein Blick auf die liebevoll aus Holz geschnitzte oder eisengeschmiedete Mesusoh und wir treten in den Vorraum ein. Geradeaus gehts in die Synagoge, aber hier steht noch im Vorraum allerlei: ein zinnernes Gießfaß mit hebräischer Gravierung, rechts und links von der Synagogentüre schöne, große,, bis an den Boden reichende schmiedeeiserne Opferstöcke (Zedokohbüchsen), in einer Ecke ein Holzständer mit dem groß und deutlich geschriebenen Birkath halewonoh-Gebet. Und nun treten wir in den Hauptraum ein. Die Decke ist mit jüdischen Symbolen und Ornamenten ausgemalt, während die glatt getünchten Wände nur durch einige große gerahmte Tafeln unterbrochen werden: es sind dies handgeschriebene, oft künstlerisch verzierte Stiftungstafeln, Jahrzeitstabellen, Gebete für den Landesfürsten, Gebeteinschaltungsverzeichnisse etc. Dazwischen stecken verstreut Wandblaker (große getriebene Messingschdlder mit Armen als Kerzenträger), in der Ecke der oft als liegender Mögen David geformte Eruw Mazzoth-Behälter. Die typischen Bronce-Synagogenleuchter mit ihrer Kugel und den verzierten geschwungenen Armen (oft unten graviert mit Stiftervermerk und Jahreszahl) hängen in großer Anzahlund verschiedener Größe von der Decke herab; sie sind oft fein ziseliert und mit Ranken. Blättern und Einsteckornamenten geschmückt. In der Mitte des Raumes der meist achteckige, stufig erhöhteAlmemor.baldachinartig überhöht mit holzgeschnitztem oder schmiedeeisernem Gitter. Treten wir auf ihn hinauf, so sehen wir die gestickte Schulchan decke auf dem Pult; seitlich hängen handschriftliche Tafeln (Segenssprüche der Haftarah. Gomel-Benschen, besondere Mischeberach für Wöchnerinnen und Schwerkranke: Formeln für die Neumondyerkündjgung und für besondere Fasttage; Namensverzeichnisse der Aufzurufenden, der Vorstände usw.). vielleicht eine holzgeschnitz'te '• Jad und ein kleines Thoraschild. Dahinter die Sitzbank, meist eine Truhe, in der die Vorbetertafeln und eine Reihe von alten Wimpeln ruhen, diese letzteren finden sich vielhundertfach in. allen alten Gemeinden, bemalt und gestickt, in der gleichen Formel, aber oft phantasievoll ausgeschmückt mit Sternbildern, Thora- und Trauhimmel-Darstellungen — eine Fundgrube für folkloristische Studien. Die ältesten (.man kennt keine vor dem Jahre 1650) schlicht und einfach, im 18. Jahrhundert reich gestickt und erst von der Wende zum 19. Jahrhundert an bemalt. Auf dem Wege von. diesem geometrischen Mittelpunkt zum geistlichen, bleiben wir noch bei der hübsch geschnitzten und bäuerlich-naiv bemalten zweisitzigen Mohelbank stehen und öffnen deren Schublade, die alle Beschneidungsgeräte birgt: zweiseitig geschliffene Messer mit steinernem Halsedelsteingriff, Scheren, gravierte und oft verzierte Klemmen, Flacons für Desiniektionspuder, Sandschälchen, gestickte Sitzkissenbezüge oder Deckchen, Wulstringe und schließlich die ineinander steckbaren Doppelbecher. Dann steht noch vor der Lade der große, oft reich verzierte Bronce-Chanukahleuchter mit seinen prächtig ziselierten und gravierten Armen, daneben die Jahrzeitslichtbehälter, von oben hängt die silberne Nertomid-Ampel herab und wir stehen vor dem reich gestickten Parocheth, dem Vorhang der Lade. Löwen — in prächtigster erhabener Gold- und Silberstickerei — halten die Gesetzestafeln, eine Widmung oder Sentenz erzählt Alter und Verwendungszweck, die obere Quergarnitur ist oft mit den Symbolen des Tempels bestickt; wir ziehen den Vorhang zurück und sehen uns zunächst die Lade von außen an. Meist ist es ein bemalter Barockschrank, flankiert von einigen gedrehten Säulen, überhöht durch einen holzgeschnitzten Aufbau mit den buntgemalten. Gesetzestafeln, Löwen etc. Wir drehen das alte kunstvolle Schloß herum, betrachten die bemalten Innenwände des Schreines und sehen die Thorarollen vor uns. Alle sind sie in farbenprächtige und liebevoll gestickte Mäntelchen eingehüllt und einige im Gebrauch befindliche haben ihren silbernen Schmuck an: fein getriebene, mit Symbolen verzierte, ovale oder viereckige Schilder, die an Kettchen herabhängen und auswechselbare Mittelstücke für die einzelnen Feste haben, reich verzierte Kronen, Rimmonim mit vergoldeten Glöckchen und schließlich die Jad, feingliedrig aus Silber, gelegentlich auch mit Korallenzwischenstück. Fast alle diese Stücke tragen ihre eingravierten Stiftungsvermerke und sind 150 b-'s 200 Jahre alt, meist von christlichen Goldschmiedemeistern nach Angaben verfertigt. Im Herabsteigen von dem Aron hakodesch öffnen wir noch schnell das von zwei Standleuchtern flankierte und mit demi silbergerahmten Schiwisi- . Blatt abschließende Vorbeterpult, sehen dort ein altes Minhagbüchle'm, den hölzernen Halter für die Hawdolohkerze, den Becher für Kiddusch und Hawdoloh und das Gewürzbüchschen, ein Türmchen oder ein Döschen. Wir wollen die Synagoge veilassen, aber unser -Führer geleitet uns in die anstoßende Gemeindestube; früher Lernzimmer — die Talmudfolianten erinnern noch daran — ist hier jetzt Archiv und Beratungsraum. Die großen Schränke an der Wand sind voll von Synagogalgegenständen; der erste und größte birgt das wertvolle Inventar an herrlich gestickten vielfarbigen Thoravorhängen (hängend und nicht zusammengefaltet liegend!), jeder für seinen bestimmten Feiertagszweck, sowie Schulchan- und Chuppohdekken. Im zweiten Schrank ist der Silberschatz aufbewahrt, ein großer Humpen, Stiftung und Eigentum der Chewrah kadischah, mehrere kleine Becher für Chewrah-Mahlzeit, ein silberner Zedokohteller für Sammlungen, eine kunstvoll geformte Esrogdose, der für Simchath Thora reservierte Thoraschmuck. die Becher für Trauungen und das zinnerne oder silberne Waschgerät für Kohanim zum Duchenen. Im dritten Schrank sind oben Akten untergebracht; im unteren Teil liegen einige schön geschnitzte und verzierte Schaufroth, der Chalizahschuh, das breitbestickte Tallis für die Chuppoh, einige Megilloth (davon eine mit Zeichnungsumrahmung, die anderen in holzgeschnitzten oder silbergetriebenen Hülsen), der Rabbinatsstempel, die Gemeindepetschaft, Porträts früherer Rabbiner, die Peitschen zum Malkuthschlagen, das Inventar der Chewrah kadischah, Nagelreinigungsbesteck, Wasserkannen etc., der alte ehemalige Schulklopfer (meist in Schofarform) und das Omerkästchen, ein kleines Schränkchen mit verstellbarer Rolle, auf der durch einen Schlitz die Omerzählung angezeigt wird. In der Ecke des Raumes stehen noch ein paar alte Simchas Thorahfahnen. ein kleiner trag-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.