Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 3 (15.3.1935)
- Date
- 1935-03-15
- Page
- Seite 7 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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IltUttetfungen öea JöWWen Jetjrenierema für (tapern Schriftleitung: Max Adler, München 1935 München, 15. März Nr. 3 Jüdische Denkmalspflege Herr Dr. Heinrich' Feuchtwanger, der sich um die Inventarisierung und Erfassung jüdischer Altertümer in Bayern große Verdienste erworben hat und der selbst eine sehr reichhaltige und beachtenswerte Sammlung jüdischer Kult- und Kunstgegenstände besitzt, hat uns auf unseren Wunsch seine Auffassung über jüdische Denkmalspflege dargelegt. Bei der außerordentlichen Wichtigkeit, die dieser Frage, gerade in jetziger Zeit, zukommt, bitten wir unsere Kollegen, diesen Darlegungen ihre besondere Aufmerksamkeit zu schenken und sich zur. Mitarbeit zur Verfügung zu stellen. Eine solche Tätigkeit erfordert von dem Einzelnen keine allzu großen Opfer, bringt aber der Allgemeinheit schätzenswerten Gewinn. Die Ausführungen des Verfassers haben für den Lehrer auch darum besondere Bedeutung, weil er aus diesem reichhaltigen Sachgebiete wertvolle Anregungen für die schulische Arbeit erhält. D. Schriftleitung Geht man heute mit kunstforschenden jüdischen Augen durch unsere alten Gemeinden, so bietet sich fast überall das gleiche Bild: Stillgelegte Synagogen, zerfallende Friedhöfe, aussterbende Gemeinden, isolierte und jüdisch verkümmernde Familien ohne Jugendnachwuchs; die spärlichen Reste der alt-ehrwürdigen Herrlichkeit werden noch als wehmütige Reminiszenzen gezeigt: Formen ohne Inhalt! Solange noch ein Lehrer in der Gemeinde ist, hält er noch aufrecht, was zu retten ist, lehrt, die Jugend, organisiert den Gottesdienst usw. Wenn aber auch er die Stelle aufgibt, dann folgt ein langsames Dahinsiechen bis zum gänzlichen Aussterben. So haben wir hier in Bayern während der letzten drei Jahrzehnte manch ehrwürdige Gemeinde begraben müssen, eine Entwicklung, deren Tempo sich in den beiden letzten Jahren noch erheblich beschleunigt hat und deren Fortsetzung sich heute noch gar nicht absehen läßt. Aus diesem Grunde ist es aber auch, heute besonders wichtig, all das an ideellen Werten zu retten, was sonst anonym und endgültig verschwinden würde. Wenn heute allenthalben der Ruf nach heimischer Denkmalspflege erschallt, wenn überall Familienstammkunde getrieben, wenn an sehr vielen Orten Heimatmuseen, Archive etc. ge-: gründet werden, so entspringt dies einerseits dem erwachten historischen Sinn und dem Adelsstolz, andererseits aber auch dem Gefühl, daß Vieles am Rande des endgültigen Verfalls steht, wenn es nicht dauernd konserviert bleibt. Und welche Bezirke jüdischer Tradition wären heute nicht am meisten gefährdet, wenn man nicht in erster Linie an unsere — leider auf dem Aussterbeetat befindlichen — kleinen Landgemeinden dächte? Hier geht einfach Leben, Wissen, Kultur, Tradition und Kunst zugrunde; hier muß aber auch gerettet werden, was noch erhaltungsfähig und erhaltungswürdig ist. Bereits seit einigen Jahren hat sich der Verband bayerischer israelitischer Gemeinden diesen Standpunkt zu eigen gemacht, indem er Forschungsarbeiten machen Meß, die' brauchbare Grundlagen für ethnologische Studien bilden. Darüber hinaus hat er Restaurierungsarbeiten, inventarisationen, Forschungen etc. inauguriert und subventioniert. Auch heute noch steht der Verband all diesen Bestrebungen sympathisierend gegenüber und sucht sie nach jeder Richtung hin zu fördern, soweit dies im heutigen bescheidenen Rahmen möglich ist. Wenn der Verband hiebei hauptsächlich auch auf die Mitwirkung der Lehrerschaft baut, so tut er es im Vertrauen auf das nimmermüde jüdische Pioniertum, in dessen Dienst sich die bayerische Lehrerschaft immer gestellt hat. Und wenn heute wieder einmal der Ruf an die Lehrer geht, d a mitzuwirken, wo Not an Mann ist. so weiß man auch bestimmt, daß keiner fehlen wird. Wenn in diesen Zeilen ein kleiner Umriß des Gebietes der jüdischen Denkmalspflege gegeben werden soll, so müssen zwei Dinge getrennt behandelt werden, die unter den Begriff „Denkmal" fallen; es sind dies: Kultur und Kunst, oder — mit anderen Worten — Pietätswerte und Kunstwerke. In den meisten kleinen Gemeinden vermodert leider die ..Pietät" am Synagogendachboden; es sind dies die alten Protokollbücher, Akten über Gemeinde-, Rabbinats- und Schulangelegenheiten, über Friedhöfe, Chewrah kadischah und Mikwah, über Lehrer, Schechita, Mazzohbäckerei, Eruw, Armen- und Fürsorgewesen, Zensuslisten, Matrikeln, Kataster Schuld- und Kaufbriefe Eingaben, Streitsachen, Beschwerden, Gerichtsentscheidungen, Schutzbriefe, Testamente, Legate, Trau- und Scheidungsbriefe etc. Alle diese Akten müssen — gesichtet und geordnet — in einem verschließbaren Schrank untergebracht werden: und wenn man diese etwas undankbare Arbeit macht, so wird man meistens doch noch durch kleine Freuden entschädigt: Mitten unter diesem Berg von Papier finden sich einige Kostbarkeiten, die wert sind, gesondert unter Verschluß aufbewahrt zu werden, weil sie konzentrierten Wert für Geschichte und Familienforschung besitzen: Memorbücher (mit oft rührenden Einträgen über Verfolgungen, Märtyrer, Austreibungen etc.). Fiedhofsbücher (mit Angaben über z.T. längst versunkene Grabsteine), Synagogenordnungen (Tekanoth), Mohelbücher und Judenschutzb riefe. All diese unscheinbaren kleinen handschriftlichen Büchlein besitzen Dauerwert und sollen mit gleicher Pietät, wie sie geschrieben sind, .auch gehütet werden. — Was darüberhinaus noch an Büchern, Aufzeichnungen, Druckwerken etc. vorhanden ist, sollte aus vielerlei Gründen gesichtet und geordnet werden, obgleich die größere öffentlichkeit daran, nicht so sehr interessiert ist; immerhin ist es durchaus möglich, interessante Frühausgaben von Druckwerken (.womöglich auch mit handschriftlichen Ergänzungen, Eintragungen, Autogrammen, ^nperkommentaren u. dgl.) zu finden. Aus den sogen. „Scherru. .h", aus altem privaten Speicherkram, aus den unbenutzten alten Betpulten sind oft ein komplettes Schass. Mischnajoth oder Machsor zusammenzustellen. Und wenn dann solche Werke wieder d a verwendet werden, wo daraus gelernt wird (Seminare, Lehranstalten. Jeschiwoth, Gemeindebibliotheken), so ist doch wieder das entstanden, was wir Alle wollen: neuesLeben aus alten Ruinen! Ein anderes Kapitel der Pietät betrifft den Friedhof, die ehrwürdige Ruhestätte der Ahnen. Viele dieser Friedhöfe bieten dem oberflächlichen Beschauer ein trostloses Bild: halb- und ganz verwitterte Steine, manche umgelegt, schief teilweise abgesunken, von Unkraut überwuchert usw. Weite Flächen — und gerade die ältesten Teile — erscheinen unbelegt, d? die Grabsteine versunken sind und die Natur die Planierungsarbeiten übernommen hat. Diese Friedhöfe — es sei hier natürlich noch erwähnt, daß selbstverständlich die äußere Mauer intakt und das Leichenhaus in würdigem Zustand gehalten sein muß -.— lasse man so, wie sie sind: denn sie sind eigenartig schön in ihrer Unsystematik, in ihrer beschaulichen Ruhe, in ihrer stummen Sprache und in ihrer bescheidenen Größe. Verwittern ist das Zeichen des Erdvergehens und entspricht der bescheidenen Art unserer dort liegenden Väter. ..die auf Straßen zogen. arm. still und fromm". Was hier an Arbeiten zu tun ist, läßt sich in kurzen Worten sagen. Man muß rjrimär feststellen, wo und ob in der Umgegend Judenfriedhöfe (aufgelassene oder noch belegungsfähige) existieren, und welche Friedhöfe von welchen Gemeinden (aufgelösten oder noch existierenden) belegt wurden, da nicht alle Gemeinden ihren eigenen ,.guten Ort" h?tten. umgekehrt wieder an einigen Plätzen mehrere Friedhöfe existieren. Sodann ist — möglichst an Hand von alten Chewrah- oder Friedhofsbüchern — festzustellen, wie alt der Friedhof ist (welches der früheste, noch entzifferbare Grabstein "'st: vielleicht auch durch Inschrift auf der Friedhofs-