Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 3 (15.3.1935)
- Date
- 1935-03-15
- Page
- Seite 9 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/9934493-9934523-9934526--367-2743293- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 3 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 9 barer Aron hakqdeS'eh für die häusliche Andacht im Trauerhause und die . vier hübsch gedrechselten und buntbemalten Chuppohstangeri. Nun steigen wir noch in den ersten Stock des Synagogengebäudes, werfen durch das kunstvoll geschmiedete oder geschnitzte Gitter der Frauengalerie einen Blick in die Synagoge hinunter und sind — ein paar Treppen höher — auf dem Dachboden. Hier — inmitten von viel Schmutz, Staub, Schutt; Ziegelsteinen, Spinngeweben etc. — muß man schon viel Liebe •aufbringe11' um nicht gleich zu flüchten; aus dem modrigen Haufen der ,,Schemoth"' (Reste zerfetzter Gebetbücher und Thorä'rollen) können wir nichts interessantes herausholen, aber in einer Kiste finden wir das ganze alte Mazzohbackgerät, eiserne Rädchen, Kämme, Walker. In einer anderen Ecke liegen Reste älterer Kultgeräte, die dem Modernisierungsvandalismus des. vorigen Jahrhunderts zum Opfer gefallen sind Wir verlassen nun die Synagoge und folgen der Einladung des Kultusvorstehers, der gleich neben der Synagoge wohnt. Sein Haus — ein typisches Judenhaus — hat eine schöne eichengeschnitzte Türe mit hebräischer Inischrift am Querbalken. Er führt uns in seine gastliche Stube und wir sind dort sofort heimisch; denn von der Decke hängt die vertraute Schabboslampe aus Messing und an der Ostwand der Misrach, naive Malerei, manchmal auch aus Holz geschnitzt oder aus glasiertem Steingut. Zwischen den silbernen Schabbosleuchtern der Hausfrau steht auf der Kommode der zinnerne oder silberne •Chahukkahleuchter, oft primitiv, manchmal aber auch kunstvoll als Prunksofa oder Lebensbaum ausgestaltet. An den Wänden hängen die Bilder der Ahnen (Photographien, Daguerreotypien, Ölgemälde), berühmter Rabbiner und Lehrer, kabbalistische Zeichnungen und Amulette, biblische Bilder, Ansichten vom heiligen Land, .Scheerenschnitte, Haussegen, Jahrzeitstafeln. Während wir dies alles betrachten, öffnet uns der Hausherr seine verschlossenen Schätze: ein silbernes Schaddai-Amulett, ein goldener Entzündring für Sabbath, eine silberne feingliedrige Siwlonothkette, die in der Familie seit Generationen vererbt ist, ein hübsch gesticktes Berchesdeckerl, die kostbare Siwlonoth-Tefilloh mit dem silbernen Buchdeckel und den Filigranschließen, den porzellanenen Hawdolohteller, die schöne Bsomimbüchse (deren gibt es alle Phantasieformen: Türmchen, Blumen, Blüten, Tiere, Kugeln, Früchte, Häuschen, Eier, Dosen usw.), die Esrogdose oder -Schale, den breiten goldenen Brautring mit Maseltof- Inschrift, Kameengürtel für Kinder zum Umhängen beim Briss, eine Schekelmünze, illuminierte Megilloh in scköner Silberhülse, eine Obstschale für den 15. Schwat, ein hübsch gravierter zinnerner Sohlachmonesteller, alter hebräischer Siegelring, eine große gestrichene Platte für Pidjon haben, Schnupftabakdose mit auf Jörn Kippur bezüglicher Inschrift, ein altes Bleitrenderl, eine silberne Taliisschließe, die Silberkapseln für die Tefillin, der perlbestickte Beutel hiezu und die Jörn Kippur-Gürtelschließe. Dann führt uns der Gastgeber in den Nebenraum, wo — es ist gerade kurz vor Pesach — der komplette Sedertisch gedeckt ist. Ein prächtiges Bild! — Der große Tisch ist mit einem farbig gestickten alten Tischtuch, das die Wahrzeichen des Seders trägt, bedeckt. An jedem Platz steht ein hebräisch beschrifteter silberner öder gläsernerBecher, daneben die Haggadah, eine alte prachtvoll illuminierte Handschrift oder ein Amsterdamer Druck mit schönen Holzschnitten. Obenauf der Platz des Hausherrn mit dem schön gestickten Sederkissen; in der Mitte des Tisches der große Pokal für den Propheten Elia, daneben die reich gravierte zinnerne Sederschüssel mit den Darstellungen der Sternbilder und des Chadgadjoh oder der etagenförmige Sederaufsatz. Auf dem Teller die gestickten Mazzotaschen und rundherum die Behälter für die Sederzubehörteile: der kleine Schubkarren für Charoses. die Porzellanschale für Salzwasser, das silberne ovale Schiffchen für den Knochen, die Moraurschale und der Eibehälter. An einem kleinen Nebentisch liegt — neben der Schale für Majim acharonim — auf dem Waschgerät das bestickte Sederhandtuch, daneben das Eßgeschirr, in dem das hebräische Wort „Pesach" eingebrannt ist, die Brocktasse für den Mazzohkaffee und die buntgläserne Weinflasche. Alle sonstigen Kostbarkeiten des Hauses sind auf dem Tisch aufgestellt und wir betrachten das schöne und stimmungsvolle Bild dieser herrlichen Festestafel. Dann bedanken wir uns beim Hausherrn und statten noch schnell der Frau in der Küche einen Besuch ab; sie zeigt uns den alten gestrichenen kupfernen Schalettopf, die hebräischen Gewichte und die Holzmodeln für den Hämari und das übrige Purimgebäck. Inzwischen haben sich noch einige Nachbarn, zu Besuch eingefunden; der eine hat uns eine hübsch gemalte. Tafel, die er immer im Monat Adar in seiner Stube aufzuhängen pflegt, mitgebracht, der Schochet zeigt sein einwandfreies Messer, der Metzger seine Koscherfleischpetschaft, ein anderer hat ein Por-r zellanservice mit eingebrannten hebräischen Inschriften und der Kohen des Ortes zieht einen alten hebräischen Ring hervor, den er immer zum Duchenen anzulegen pflegt. Nachdem sich die Gäste verabchiedet haben, werfen wir noch einen kurzen Blick in die Mikwoh, die Mazzohbackstube und auf den Friedhof; unser Rundgang ist beendet und wir überdenken nochmals das Gesehene. Freilich — so stimmungsvoll und erhebend auch die Eindrücke waren — es beschleicht uns ein wehmütiges Gefühl: In dieser Gemeinde, die sich ja schon seit Jahren zahlenmäßig mehr und mehr reduziert, hat sich in den beiden letzten Jahren das Tempo so beschleunigt, daß das Ende bald abzusehen ist. In ein paar Jahren ist nichts mehr da als eine geschlossene und verfallende Synagoge, der Friedhof und ehemalige Judenhäuser. Was können wir jetzt machen? Diese Entwicklung ist leider nicht mehr aufzuhalten und jeder Versuch, neues Leben anzupflanzen, wäre aussichtlos. Wir können nur ehrenvoll liquidieren, ehrenvoll vor der Geschichte und vor dem Gesamtjudentum; dies herbeizuführein ist Sinn und Zweck dieser Zeilen. Es ist — gerade heute, in einer Zeit, in der mit jedem Tag jüdisches Geschichtsschicksal geschrieben wird — doppelt wichtig, der Nachwelt zu überliefern, was einst da war; es ist aber auch wichtig, der Zukunft zu zeigen, daß wir trotz aller äußeren Sorgen doch unsere kulturellen Aufgaben nicht vernachlässigt haben. Die Aufzählung all der genannten Kultgegenstände sollte die Augen für diese Materie öffnen, damit sie so liebevoll betrachtet und behütet werden, wie sie es verdienen. Es sind alles Produkte naiver und gläubiger Kunst, wahrer Kunst, die im Volkstum wurzelt und aus dieser herausgeboren ist. Der Landesverband bayerischer israelischer Gemeinden, der über reiches kunsthistorisches Photographienmaterial verfügt, hat von jeher soche Bestrebungen der Konservierung unterstützt. Ein bayerisch-jüdisches Museum, dessen Sammlung schon weit über die Anfänge hinaus gediehen ist, besteht bereits seit Jahren in München. Diese beiden Stellen nehmen alle Anregungen. Leihgaben und Angebote gerne entgegen. An der Lehrerschaft liegt es. alles vor dem Verfall zu schützen, zu archivalisieren, zu sichten, zu konservieren und zu retten. Der Dank der bayerischen Judenheit. die trotz aller äußeren Not weiterleben wird, wird ihr für alle Zeiten sicher sein. Vereinsmitteilungen 1. In Würzburg starb vor einigen Tagen die Witwe unseres früheren Ehrenmitgliedes der Verwaltung Abraham Strauß in Uffenheim, Frau Clothilde Strauß. An den großen Verdiensten, die sich ihr Mann in jahrzehntelanger hingebender Arbeit um den Verein erworben hat, hat auch die Heimgegangene ihren bedeutenden Anteil. Sie war insbesondere jungen Lehrern, die in der Gegend von Uffenheim amtierten, wie z. B. dem Schriftleiter, stets eine mütterliche Freundin. Ehre ihrem Andenken! 2. Neuaufnahme: Fritz Nußbaum (Burgpreppach). 3. Verwaltungssitzung: Am Sonntag, den 10. d. M., fand eine Verwaltungssitzung statt, in der zu verschiedenen schwebenden Fragen Stellung genommen wurde. 4. Auf die in der letzten Nummer der Schulzeitung angeregten Lehrer-Sonderfahrt nach Palästina im Frühjahr 1936 weisen wir auch an dieser Stelle hin. Anmeldung an Dr. Braun, Köln, Lützowstraße 39. München, den 10. März 1935. M. R o s e n f e 1 d. M. ^A d 1 e r. Lerngemeinschaft in Bad Dürrheim Wir verweisen auf die im Häuptteil dieser Nummer zum Abdrück gebrachte Einladung des Oberrates der Israeliten in Baden und ersuchen die Kollegen, die sich an der Lerngemeinschaft beteiligen wollen, ihre Anmeldung sobald wie möglich mit entsprechenden Unterlagen dem Verbände zugehen zu lassen. Für den Inhalt der „Mitteilungen" verantwortlich: Max Adler, München