Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-03-15 · 6 (15.3.1935) · p. Seite 121

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
6 (15.3.1935)
Date
1935-03-15
Page
Seite 121 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2727810-2728025-2728031--09980-2743279
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 121 Siegfried Ziegler Mutter des Künstlers Leibis Einfluß zurück, von Trübner hat der Landschafter Ziegler den Mut sich geholt, kraftvolle grüne Töne nebeneinander zu setzen. Seiner guten Lehrer schämt sich nur ein schlechter Schüler. Wer selber Meister ist, gibt gern denen ihr Recht und ihren Dank, die ihm dazu halfen, daß er einer geworden ist. Im zweiten Semester malte er sein Gesellenstück: das überlebensgroße Bild einer Dachauer Bäuerin. Im Jahre 1915 erhielt er als Meisterschüler Angelo Janks den Rompreis. Freilich, der Krieg und die folgenden schweren Jahre haben ihn nicht nach Italien, geschweige denn zu einem wirklichen Aufenthalt in Rom kommen lassen. Wer weiß, wofür das gut ist. Rom ist manchem deutschen Maler schon zum Verhängnis geworden. Von dem jungen Künstler erwarb Altmeister Defregger — man mag zu ihm stehen wie man will, vom Malen an sich hat er etwas verstanden! — einen Soldatenkopi und fand ihn würdig, in seinem Atelier neben einem Leibi zu hängen. Vom Herbst 1915 bis Herbst 1917 war Ziegler Soldat. Eine schwere Erkrankung führte ihn wieder in die Heimat und später zu seinem Studium zurück. Im Münchener Seengebiet und in der Schweiz hat Ziegler in den nächsten Jahren gelebt und gemalt, 1922 war er in Karlsruhe, wo er mit Hans Thoma in persönliche Fühlung trat. 1924 kam er nach München zurück, wo er seitdem geblieben ist. Ziegler hat weder das Leben noch die Kunst jemals leicht genommen. So viele Münchener Maler haben in der Geschichte der Kunst das verhängnisvolle Lob erhalten, das ihre ersten, frühen Leistungen über alles spätere Schaffen stellt. Wer den Werdegang fast jeden Malers während des ganzen 19. Jahrhunderts kennt, weiß, wie gefährlich München für die Entwicklung der schöpferischen Kräfte ist, weiß, wie viele Schaffende in München, an München zugrunde gegangen sind. Auch für Ziegler sind, nach dem fast zu raschen Aufstieg seiner zwanziger Jahre, Zeiten einer nicht nur äußerlichen Hemmung gekommen. Aber als Vierzigjähriger hat er sein bisher vielleicht bestes und reifstes Bild gemalt, den „Gärtnereiweg", von einer ursprünglichen Kraft der ganz in Farbe aufgelösten Form, daß man beruhigt sein kann über seinen Weg. Für den Maler ist das Porträt ungefähr das. was für den Dichter das Drama ist — (wenn wir von der fast verloren gegangenen Kunst der malerischen großen Komposition absehen, an der die Giganten des 19. Jahrhunderts fast alle gescheitert sind). Vor hundert Jahren war es ja fast ein Vorwurf, „nur" ein Landschafter zu sein. Ziegler ist Landschafter und Porträtist zu gleichen Teilen; auch die gegenwärtige Ausstellung hält fast genau (die Zeichnungen inbegriffen) die Mitte; es wird also wesentlich auf die Liebe des Betrachters ankommen, welcher Art sie sich zuwenden will. Der schon hervorgehobene ..Gärtnereiweg", der von der Stadt München erwor- Siegfried Ziegler Gärtnereiweg bene ..Häuserblock" oder der im Privatbesitz befindliche „Dorfeingang"' werden den Betrachter den Landschafter Ziegler vorziehen lassen, aber das eindrucksvolle „Selbstbildnis", das noch naß ist vom letzten Pinselstrich, oder der Alte „im Zylinder", oder gar der virtuose, unbegreiflicherweise bis heute allen staatlichen und städtischen Sammlungen entgangene Heini des „Zahlmeisters K.*' wird ihn wieder schwankend machen und mehr zum Bildnismalen hinziehen. Ziegler hat.wiederholt 1928 und 1930, im Kunstverein einen Überblick über sein Schaffen gegeben: in den Staatsausstellungen im Glaspalast und später in der Neuen Pinakothek war er besonders ehrenvoll vertreten. Zieglers Bilder sind keine reiche Folge eines Erfolgreichen. Wenn eine Gesamtausstellung wie die gegenwärtige auch dem raschen Beschauer den Eindruck machen könnte, es handle sich um ein „geschlossenes" Werk im platten Sinn, der Kundige wird sehen, daß Ziegler immer wrieder um jene Offenheit kämpft, um dieses Aufreißen, das allein den Weg nach vorwärts und aufwärts frei macht. Der scheinbar gerade Weg ist fast immer ein Abstieg: wer ihn einmal geht, freut sich, daß er so bequem ist. Der wirklich Unbeirrbare scheut den Irrtum nicht. Die Sicherheit ist ein Vorzug des im besten Sinne handwerklichen Könnens: daß Ziegler über sie verfügt, macht seine Bilder klar und fest, anständig und ehrlich. Die Sicherheit des Seelischen aber ist eine Verlockung des Teufels und heißt mit ihrem wahren Namen Selbstgenügsamkeit. Gewiß, manchmal ist bei Ziegler die Spannung rast zu groß und eine kleine Lockerung könnte nicht schaden; aber daß er grundsätzlich, auch unter schwersten Bedingungen, keinen Schritt zurückweicht vor den unerbittlichen Forderungen der wahren Kunst, das macht ihn zu einem männlichen, kämpferischen und darum wahren Künstler. Eugen Roth.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.