Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 6 (15.3.1935)
- Date
- 1935-03-15
- Page
- Seite 120 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2727810-2728025-2728031--09979-2743278- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
120 Bayerische'Israelitische Gemeindezeltung Nr. 6 Wandel der Weltanschauungen fortrag von R a b b i n e r D r. 'Esc Ii elbacher (D ü s s : Hau p"t s y Im Mittelpunkt der letzten religiösen Feierstunde in der Synagoge in München stand ein Vortrag von Rabbiner Dr. Eschelbacher über den Wandel der Weltanschauungen. Bei dem gespannten Interesse, das der Vortrag hier fand, ist es angebracht, hier eine gedrängte Übersicht über die Hauptgedanken zu geben. Alles ist in ewigem Wechsel begriffen. Gleichnis und Sinnbild ist unser eigener Leib. Manche Wandlung wird rasch erkannt, noch während sie sich vollzieht, so der Fortschritt der Technik. Andere werden erst nachträglich erfaßt, nachdem sie sich bereits vollzogen haben und nun in ihren Auswirkungen spürbar werden. Spät begriffen wird in ruhigen Zeiten der Wandel der Weltanschauungen. Sie sind die allgemeinsten Formen der Betrachtung des Lebens, der Wertung seiner Kräfte und Güter, die alles einhüllende geistige Atmosphäre. Auch sie sind lebendig, sie entstehen, blühen und vergehen. Ihr Wandel entscheidet im tiefsten Grunde, mehr als die Entwicklung der Technik und des äußeren Lebens, das Schicksal des Menschen und im, besonderen des Juden. Wir leben seit Jahrzehnten, insbesondere seit dem Ausbruch des Weltkrieges, in einer Epoche beschleunigten Wandels aller Fundamente unserer geistigen und seelischen Existenz. Eben wegen dieses gesteigerten Tempos können wir als Zeitgenossen schon erkennen, was in stilleren Zeiten erst lange nachher dem Historiker klar wurde. Unsere jüngste Gegenwart steht in einem starken 'Gegensatz zu der Lebensstimmung früherer Epochen. Sie hat den Glauben an den Geist, vor allem den Glauben an den Intellekt, verloren. Ein immer tieferes Vertrauen zum Geist kennzeichnet die jüngsten Jahrhunderte der europäischen Menschheit. Es fand seine stärkste Bestätigung in den Triumphen der Wissenschaft und der Technik. Heute ist es in hohem Maße erschüttert. Der Mensch kann nicht die ganze Wahrheit erfassen, sondern nur einen Teil. Jede Erkenntnis hat deshalb ihre Grenzen und fordert aus ihrer inneren Natur heraus die entgegengesetzte, ihr widersprechende. Auf die Spitze getrieben schlägt Vernunft in ihr Gegenteil um. Das furchtbare Schicksal der Arbeitslosigkeit lehrte jeden, wie die Rationalisierung, die Verwirklichung der Vernunft. Unvernunft wurde. Unter der Vorherrschaft des Gedankens leiden seelische Kräfte, vor allem die Ehrfurcht, und durch Wissenschaft kann ein Volk seelisch verarmen. Politisch wirkt sich diese schwer errungene Erkenntnis aus als Mißtrauen gegen den Fortschritt, an den die Generationen vor uns mit Inbrunst glaubten. Der Glaube, daß Erkenntnis das eigentliche Wesen des Menschen ausmache, ist ins Wanken geraten, seitdem das nicht Erkannte, das Unbewußte, sich als die gewaltige Triebfeder für das innerste Leben des Einzelnen wie der Völker erweist. Die Zuversicht auf die Macht der Idee ist geschwunden, seitdem der unberechenbare, elementare Instinkt sich als der eigentliche, selbstherrliche, gegen die Leitung durch den Verstand sich aufbäumende Motor der Individuen wie der Nationen erweist. Als Revolution des Triebes haben kundige Beobachter schon lange das tiefste Wesen unserer Zeit gedeutet. Die Geschichte der Judenemanzipation von ihren Ursprüngen bis zu ihrem Wendepunkt, dem nationalen Umbruch, ist eine auffallende Bestätigung dieser Deutung. Mit diesem Wandel in der eldorf) am 2 4. Februar 1935 in der München er nagoge. Auffassung des Geistes und dem Aufstand lange gebändigter Instinkte verbindet sich das erneute Erwachen einer fernen Vorwelt. Unter Verleugnung jahrtausendelanger Perioden ihrer Geschichte möchten die Völker Europas an eine verschollene, dem Anschein nach zur Vorwelt gewordene, in Wirklichkeit lebendige Vergangenheit anknüpfen. So erklärt sich zu einem großen Teil der erbitterte Kampf um das sogenannte Alte Testament mit den radikalen Anstrengungen, es aus der Gegenwart und womöglich auch aus der Vergangenheit des deutschen Volkes auszumerzen. Die Wandlung in der Tiefe, die sich in allen diesen Erscheinungen und noch in vielen anderengleichmäßig ausspricht, ist der Schlüssel zum Verständnis des Verhängnisses, das über uns, die deutschen Juden, hereingebrochen, ist. Für die jüdische Religion ist wesentlich ein tiefes Vertrauen zum Geist, das vielfach in ihr. zum Ausdruck kommt. Es ist jüdischer Beruf, auch in unseren Tagen an diesem Glauben festzuhalten. Wir haben an allem Kritik zu üben, auch an Intellekt. Denken und Wissenschaft. Wir müssen aber auch skeptisch sein gegenüber unserer Skepsis und, belehrt durch die Erfahrungen unserer Geschichte, z. B. die mittelalterliche Beschuldigung der Hostienschändung und ihre Erledigung durch moderne Naturwissenschaft, also Aufklärung, erkennen, welch ein kostbares Licht in der Erkenntnis dem Menschen gegeben ist. Unbedingte Kapitulation von dem Zeitgeist, wie sie sich z.B. in der vorbehaltlosen Verurteilung des 19. Jahrhunderts, also der uns unmittelbar vorangegangenen Geschlechter und unserer selber, äußert, ist eines Juden nicht würdig.. Der Jude findet seine innere Ruhe, wenn er an dem großen Maßstab die Zeit mißt, den seine Religion ihm aufstellt. Sie verkündet, daß in Gottes Augen tausend Jahre wie der gestrige Tag sind, wenn, er vorüber ist, daß „Himmel und Erde vergehen wie ein Gewand, das die Motte zerfrißt. Du aber bleibst, und Deine Jahre gehen nicht zu Ende.." Gott, der einzig Bleibende in dem Wechsel, dem alles unterworfen ist, auch der mächtige Strom des jetzt herrschenden europäischen Zeitgeistes, ist für den Juden der Trost in allem Wandel der Weltanschauungen. — er. * * * Den Vortrag von Rabbiner Dr. Eschelbacher umrahmten Gesänge von Händel, dessen 250jährigen Geburtstags so in würdiger Weise gedacht wurde. Frau Rosy Sontheimer- P r i n s (Stuttgart) brachte neben dem bekannten „Arioso" auch eine Arie aus Samson „0! hör mein Flehn..." zum Vortrag und erwies sich als geschmackvolle Sängerin mit äußerst sympathischen Stimmitteln, die sowohl technisch wie auch stilistisch den gestellten hohen Anforderungen im vollen Maße gerecht wurde. Benno Sarsky betreute den Violinpart des Arioso mit vornehmer Tongebung. Für eine farbige Orgelunte.rmalung sorgte Erich Erck. Ba. MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII Siegfried Ziegler Zur Ausstellung 3. bis 17. März Durch mancherlei Mißbrauch ist beim Künstler die Frage nach seiner Herkunft in Verruf gekommen. Zwecklose Neugier und die kleinliche Beflissenheit, alles Schöpferische sogleich einzuordnen und abzustempeln, haben auch den Künstler verärgert und scheu gemacht, der sich offen zu seinen Ahnen und Lehrmeistern bekennen darf. Daß unbeschadet aller Herkunft das Beste, das wirkliche Können und Fühlen, in dem Schaffenden selbst stecken muß. versteht sich von selbst. Nehmen wir,- um den Künstler daraus zu -entwickeln, den Menschen und seinen Lebensgang voraus. Siegfried 1935 im Künstverein München Z i e g 1 e r wurde geboren im Jahre 1894 in München als Sohii einer Musikerifämiltie, und es ist nicht zufällig, daß die Musik ihn in den aufnahmefähigsten Jahren der Kindheit umgab. München war und blieb Zieglers Heimat, und die allgemeinste Frage nach seiner Herkunft ist damit beantwortet/ Kurz vor Kriegsäusbruch bezog der Neunzehnjährige, vom Gymnasium weg, die Akademie. Hugo von Habermann und Angelo Jank waren seine. Lehrer. Er verdankt ihnen, viel, dem einen an Farbe, dem anderen an Form; aber mehr noch ist er bei Meistern wie Leibi, Schuch und Trübner in die Lehre gegangen. Das erste Bildnis, das seiner Mutter, geht ganz auf