Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 6 (15.3.1935)
- Date
- 1935-03-15
- Page
- Seite 119 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 6 Bayerische Israelitische Gemeindezeifung iii h^r^z ~pt^aapgjg& *ws \T in J^.3j^^F t?*sp*jrvraOTsS% Abbildungen 2 und 3 Gebet für den Landesherrn, Markgraf Friedrich von Bayreuth, aus der Bayreuther Synagoge in deutscher und hebräischer Sprach« Zum Gefallenen-Gedenktag am 17. März 1935 J a Ii r z e i t Ich habe das kleine Licht entzündet, und morgen früh wird ein Fremder, der dich nie gekannt hat. das Kaddisch für dich sagen. Morgen sind es achtzehn Jahre — oder war es vorgestern? — daß 'du gefallen bist. Es ist nichts mehr von dir da als ein paar Bilder, ein paar Feldpostbriefe, und oben auf dem Päckchen der schmale blaue Bogen, auf dem dem Leutnant unserer Mutter schrieb, daß du irgendwo vor Reims deine Pflicht mit deinem Leben zu Ende getan hast. Und daß sie dich mit vielen Kameraden in die Erde gelegt hätten. Nicht einmal die Stelle wissen wir: aber wenn ich an dich denke, steht in meinem Hoffen junge grüne Kornsaat über dem Fleck, oder ein schmaler Obstbaum hat dort im befriedeten Lande Wurzel geschlagen und trägt nun schon seit ein paar Jahren gute Frucht. Morgen sind es achtzehn Jahre — aber wir wissen nicht einmal genau, -ob es gerade morgen ist.... Damals, im April 19-17, gab es einen Trost; du und alle wie du waren getragen von einem Glauben, vom edelsten menschlichen Glauben: daß unser Leben sich dem Bilde Gottes nur annähern könne durch den Dienst. Du warst ein guter Jude — du wußtest von der Hingabe an das rechte Tun, an die Erfüllung des ,;Du sollst" in der Entschlossenheit deines „Ich will es". Du nahmst deinen Weg in den Krieg auf dich als die Bewährung deines Mannestums und deiner Liebe zur Heimat; die Forderung des Ganzen, zu dem du standest, war dir bewußt; dich absondern wäre dir als Sünde wider dich selbst, als Schuld an der Heimat, als Zweifel an deinem Judentum erschienen. So warst du — ein halber Knabe noch — einer von Millionen deutschen Männern — und wolltest mit ihrem Willen , und glaubtest mit .ihrem Glauben. Jedes Jahr im-April brannte dir das kleine Licht. Aber seit dem. Jahre 1934 brennt es mit einem änderen Leuchten. Jahri m April zeit um dich ist nicht mehr eine Trauer um einen Bruder allein. Wir betrauern seit dieser Zeit mehr in dir und jedem gefallenen Juden. Einst hießest du ein deutscher Held, jetzt bist du ein Opfer für die Deinen. Einst warst du ein braver Soldat — jetzt bist du für uns deutsche Juden ein stummer Kämpfer, der noch nach all diesen Jahren Blutzeugenschaft ablegen muß, für uns andere. Du hast dein „Du sollst" ohne Auslegung auf dich genommen, du Sohn von Vätern, denen die „Mizwoh" nicht nur Gesetz und Gesetzeserfüllung bedeutete, sondern Ehre und Dank zugleich. Du hast in deinem jungen Herzen das uralte Erbe der „Awaudoh" gehabt, des Diensttums um der Verpflichtung willen, die seit dem Ruf vom Sinai uns Juden zugehört — und auf dem Grabstein deines Vaters steht als einziger Nachruf: „Ewed ne'emon." (Ein treuer Knecht.) Auch du hast nichts anderes sein wollen, als die Heimat dich hinausschickte. Da bist du für sie gestorben. Heute muß dein Jahrzeitlicht als Zeuge brennen; heute muß es beweisen, daß du, junger Jude, der Pflicht des Deutschen genügtest. Für deine Heimat bist du gefallen. Für unsere Heimatlosigkeit lebst du wieder. Bezeuge es für uns! dedn jüdisches Herz gab deinem Dienst seinen großen Sinn, gibt ihn dem unseren heute wieder. Wie viele wie du? Was soll die Frage. Jeder einzelne ist ein Mensch gewesen, Sohn einer Mutter. Jeder einzelne stand für sich ein und für sein Judentum und Deutschland zugleich. Im April, der diese Gemeinschaft zerriß, leuchtet dein Jahrzeitlicht, klein und klar, leuchtet der Trauer um dich, um euch alle, um uns alle. Und eben darum wissen wir — nichts kann sterben, solange es in der Liebe eines Menschen Erinnerung und Verheißung ist. Du nicht, unser Judentum nicht — unsere Heimat nicht. Dr. M. W. \