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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-03-01 · 5 (1.3.1935) · p. Seite 96

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
5 (1.3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 96 (sequence 4)
Language
German
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96 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 verständiger Weäse dem Dienste zu leisten, der sie in eigener Hilfsbedürftigkeit benötigt (Psalm 41). Nach dem, was uns überliefert ist, möchte ich hier als glückliche Menschen zwei Geistesheroen, den großen Gesetzeslehrer Rabbi Akiba und den genialen, scharfsinnigen Wilnaer Gaon Elia aus Wilna, nennen. In seiner Armut teilt R. Akiba spärliches Stroh, das ihm und seiner mit ihm in harmonischster Ehe lebenden Frau als Lägerstätte dienen muß, mit einem noch Ärmeren; dieser kann nach der Überlieferung nur der Glücksbringer selbst, der Prophet Elia, der zu gewissen Zeiten arm über die Erde wandeln soll, gewesen sein (Talmud babli, nedarim, fol. 50). Später als gefeierter Gelehrter und reicher Mann ist R. Akiba voll von Idealen, und er sucht Ereignissen, die jeden anderen traulig stimmen, eine frohe Seite abzugewinnen (Talmud babli, berakhoth, fol. 60 und makkoth, fol. 24). Mit Begeisterung vermag er dem Märtyrertod als Krönung seines Werkes (im Jahre 135) entgegenzugehen (Talmud babli, berakhoth, fol. ,61 b). Elia aus Wfllna (1720—1797), ein Mann von überragendem Wissen und kritischem Verstand, von unendlicher Güte und dabei von festem Charakter, bekleidete nie ein öffentliches Amt, lebte in dürftigen Verhältnissen von den Unterstützungen der Wilnaer jüdischen Gemeinde, lehrte nur vor einem kleinen, auserlesenen Schülerkreis und suchte sein Leben ausschließlich mit halachischen und wissenschaftlichen Studien zu verbringen. Ist er das Muster eines in seiner Gelehrsamkeit und Herzensfrömmigkeit fest, verankerten, selbstlosen,. bescheidenen Genies, so kann auch ein schlichter, unbekannter Mensch, der von der Mühe seiner Hände lebt, der geadelt wird durch'die Art, in der er seine Arbeit leistet, und durch sein Handeln als sittliche Persönlichkeit gekennzeichnet ist, zu den Glücklichen gezählt werden. Wie man glücklich wird, scheint mir die Bibel durch das Wort des Propheten Micha (Kap. 6, Vers 8), dessen Bedeutung wir in der talmudischen Literatur. (Talmud babli, makkoth, fol. 24) besonders unterstrichen finden, ausdrücken zu wollen: „Verkündet wurde dir, Mensch, was glücklich macht und was G'tt von dir fordert: Gerechtigkeit zu üben, Liebe zu erweisen und bescheiden zu wandeln vor deinem G'tt." In glücklichen Persönlichkeiten müssen sich Gerechtigkeit Liebe und Bescheidenheit harmonisch vereinen. Ebenso wie in dem angeführten, dreiteiligen, gewaltigen Wort von Micha sieht der Talmud (babli, makkoth, fol. 24 a) auch in dem kurzen Ausspruch des Propheten Habakük (Kap. 2, Vers 4): zadik beemunoso jichjeh die Grundlage der ganzen jüdischen Lehre. Ähnlich dem Satze des Micha möchte ich dem letzten Spruch den Sinn geben: Wahrhaft Und glücklich lebt in seiner unverbrüchlichen Treue der Zadik, d. h. derjenige, dessen Leben sich gründet auf Zedokoh, Gerechtigkeit, die den Ausgleich zwischen der Wirklichkeit und dem Ideal schafft. Nicht das Himmelhochjauchzen, ein Zustand, der für die Dauer der menschlichen Natur widerspricht, sondern Gerechtigkeit und die Furcht vor dem Herrn, Zedokoh und jiras haschem, bilden nach der Auffassung des Judentums das Glück des Menschen. Vom Sinn jüdischen Brauchtums Von Dr. Herbert Finkelscherer Zu den verschiedensten jüdischen Feiertagen pflegen heute die jüdischen Blätter aller religiösen Richtungen ausführliche Darstellungen der Festtagsgebräuche zu bringen. Man darf darin wohl den übereinstimmenden. Wunsch erblicken, daß die genauere Kenntnis des Judentums, die heute angestrebt wird, sich nicht auf Bibel, Geschichte und Gegenwartskunde beschränken soll. Unsere Religion bestand immer mehr im Tun als im Glauben und Wissen, und so möchte man ihre mannigfachen Übungen nicht nur kennenlernen — auch das ist ja für viele nötig — sondern auch etwas über ihren Grund und Sinn erfahren. Im folgenden sollen nun nicht Einzelheiten dieser Gebräuche besprochen, es soll — gewissermaßen als Grundlage — etwas Allgemeines über das jüdische Brauchtum gesagt werden und über die Art, in der man es betrachten kann. Manches, was über die „Bräuche" — den „Minhag" — zu sagen ist, gilt auch für Dinge, die schon das Religionsgesetz regelt, auf den wichtigsten Grund dafür komme ich noch zu sprechen. Der Begriff „Brauch" bedarf wohl keiner Erklärung. Er umfaßt alles, was (innerhalb einer bestimmten Menschengruppe) nach einem festen Herkommen geübt wird, .ohne daß doch diese feste Übung auf einem Gesetz noch auch (wenigstens in der Regel) auf ausdrücklicher Vereinbarung beruht. - Es liegt allerdings in der Eigenart der jüdischen Überlieferung, daß die meisten Bräuche, selbst recht unbedeutende, doch irgend einmal aufgezeichnet und dadurch in gewissem Maße festgelegt wurden. Aber ihre Aufzeichnung fällt oft Jahrhunderte später als ihr Ursprung; ein Gesetz dagegen oder ein Übereinkommen würde seiner Ausübung zeitlich vorausgehen (falls es nicht selbst aus einem alten Brauch entstanden ist). Das Brauchtum einer Gemeinschaft kann also die verschiedensten Lebensgebiete umfassen, wenn auch einige dabei stärker vertreten zu sein pflegen. Man kann das jüdische Brauchtum auf verschiedene Arten betrachten und erklären, aber man wird ihm nur ganz gerecht, wenn man all diese Betrachtungsarten zusammenhält. Der Jude MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII stand seinen Bräuchen nie als einer mechanischen Werkübung gegenüber, er wollte immer wissen, warum man dies und jenes tut oder läßt. Und er fragte nicht so sehr „wissenschaftlich" nach dem wirklichen geschichtlichen Ursprung eines Brauches, als nach seinem Sinn, nach dem, was er ausdrucken soll. Daraus entspringt eine schier unerschöpfliche Quelle der Deutung. Das gilt schon für die von der Bibel vorgeschriebenen religiösen Übungen, die ja in der Heiligen Schrift nicht immer ausführlich begründet werden. So geben die alten Erklärer dem Schofarblasen am Rosch haschana (das die Tora bekanntlich auffallend kurz behandelt) nicht weniger als zehn Sinnbedeutungen. Um so mehr hat das fromme Gefühl weiten Spielraum in der volkstümlichen Erklärung der zahlreichen Gebräuche, die weder auf die Bibel noch auf den Talmud zurückgehen. Diese Erklärungsart, die sich zunächst an das Gemüt wendet, hat neben manchen Plattheiten eine Fülle ansprechender und wertvoller Deutungen hervorgebracht, von denen jede eine ganze geschichtliche oder theologische Abhandlung mehr als aufwiegt — obwohl sie oft wenig oder nichts mit dem wirklichen Ursprung des Brauches zu tun haben. Im einzelnen gibt es da sehr verschiedene Möglichkeiten, aber, es lassen sich bestimmte bevorzugte Typen der Erklärung erkennen. Man knüpft den Brauch an eine biblische Gestalt, mit Vorliebe Adam, die Erzväter, Mose, man bringt ihn mit einem Ereignis aus der Leidensgeschichte des Judentums in Verbindung (so die Trauergebräuche der Omerzeit) oder man sieht in ihm einen Hinweis auf die künftige Erlösung oder ihren Vorläufer, den Propheten Elia (der 5. Becher am Sederabend). Neben dieser Zurückführung auf die Geschichte wird man eine direkte Bezugnahme eines jüdischen Brauches auf Naturvorgänge selten finden, wohl aber eine Ausdeutung auf das göttliche Walten im Weltgeschehen oder im Menschenleben. Manche Zeiten und manche Erklärer ziehen es vor, als Sinn des Brauches eine mehr abstrakte religiöse oder sittliche Grundwahrheit anzusprechen, andere halten sich lieber an das Konkrete des Brauches und fassen ihn als Symbol eines vergangenen oder künftigen Geschehens auf. Dabei kann das Symbol schon im Gegenständlichen' liegen (z. B. der süße Apfel am Rosch haschana und ähnliche „gute Vorbedeutungen") oder durch eine besondere Handlung hervorgehoben werden (wie die Versenkung der Sünden durch das viel gerügte Taschenumkehren beim Taschlichgebet). Der Sinn für das Symbol.

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