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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-03-01 · 5 (1.3.1935) · p. Seite 95

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
5 (1.3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 95 (sequence 3)
Language
German
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Nr, 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 95 sind nach jüdischer Auffassung voneinander unabhängige Dinge. „Mußt du auch Brot mit Salz essen, Wasser abgemessen trinken, auf dem Boden schlafen und ein Leben der Entbehrung, führen, mühst du dich aber mit der Thora, dann hei] und wohl dir, wenn du so handelst"; dies ist die Lehre der Mischna (Kinjan torah; Abot VI, Vers 4). Der besitzlose, darbende Mensch kann glücklich sein, wenn sein Leben verankert ist in der Thora, dem Quell alles Seins, von dem es heißt: haschem hojoh mabit batoroh uboroh hoolom, G'tt schaute in die Thora und schuf die Welt. Nicht die Freuden, den Genuß und das Sichausleben sieht der Gottesmann Mose als Höhepunkt des Daseins an, sondern von den Tagen unseres Lebens rühmt er als ihren Stolz die Mühe und die Arbeit (Psalm 90, Vers 10). Noch schärfer als der Satz von dem in jedem Unglück liegenden Glück oder als seine Fassung durch Voltaire: „II n'y a pas de malheur, qui n' a pas de bonheur dans son sein" betonen die Zusammenhangslosigkeit äußerer Glücksgüter und' wahren Glückes Aussprüche wie z.B. der in Sifre Deuteronomkim § 32: „Der Mensch soll sich mit dem Leide mehr freuen als mit dem Glücke; denn nur durch Leid werden seine Sünden gesühnt und vergeben" oder in Leviticus Rabba 35: „Leiden zieren die Tochter Jakobs", oder das fröhliche Verhalten Rabbi Akibas anläßlich eines Krankenbesuches bei seinem Lehrer Rabbi Elieser: „Da ich den Meister in Schmerzen sehe, freue ich mich. Solange ich gesehen, daß beim Meister der Wein nicht sauer, der Flachs nicht zerschlagen wird, das Öl keinen üblen Geruch erhält und der Honig nicht verdirbt, dachte ich: Vielleicht hat der Meister, behüte und bewahre, seinen Lohn bereits empfangen" (Talmud babli, synhedrin.. fol. 101 a). Wie weit auch Spinoza in seinen Anschauungen als nicht mit jüdischer Auffassung übereinstimmend abzulehnen ist, so wurzeln doch die Betrachtungen, die er als Selbsbekenntnis seinem Traktat über die Verbesserung des Verstandes vorausgeschickt hat, letzten Endes in jüdischem Denken. „Denn was zumeist den Inhalt des Lebens ausmacht und was die Menschen, wie man aus ihrem Tun schließen darf, als höchstes Gut schätzen, kann auf drei Dinge zurückgef.ühi t werden: Reichtum, Ehre und Sinnenlust." Diese drei Dinge werden von Spinoza als vergänglich und unter Umständen sogar als schädlich wirkend zurückgewiesen; sein Resultat lautet, daß nur ..die Liebe zu einem ewigen und unendlichen Dinge das Gemüt mit lauterer Freude erfüllt und dieser Freude jede Trauer fern bleiben muß, was sehr zu wünschen und mit allen Kräften erstrebenswert ist" (vgl. Spinozas Ethik in Philosophische Bibliothek, Bd. 92, Leipzig 1905, Einleitung S. XI, herausgegeben von Otto Baensch). Gerade in den drei von Spinoza angegebenen Glücksgütern wird der Vertreter der höchsten Macht im alten jüdischen Staat, der König, gesetzlich beschränkt. Dies wäre nicht der Fall, würden reicher Besitz, befriedigte Ehrsucht und Sinnenlust als Quelle höchsten Glücks des Menschen gelten (das Königsgesetz in Deuteronomium, Kap. 17, Vers 14—17). Wenn auch äußere Güter vom Judentum .nicht allzu hoch bewertet werden, so widerspricht seinen Gesetzen doch, was nach der Lehre des Buddha sogar durch indische Fürsten in ihrer Machtfülle geschah, daß sie sich freiwillig jeglichen Besitzes entledigten, um dann auf spärlicheren oder reichlicheren Eingang milder Gaben angewiesen zu sein; , denn innerhalb des Rahmens der gewährten Mittel, isch kematnas jodo. zu leben — der freiwillig Verzicht leistende Nasiräer gilt als Sünder — (Talmud babli, nedarim, fol. 10 a) ist die stets zu wirksamer Tat anregende Weltanschauung des Judenums. Die Geschichte von dem Hemd des Glücklichen, das man suchte und nicht fand, weil, als der Glückliche gefunden wurde, er kein Hemd besaß, stammt nicht aus jüdischer Quelle. Nicht in seiner äußeren Umgebung, sondern in ihm selbst, in seiner Wesensart erblickt Goethe das Glück des Menschen, wenn er im West-östlichen Divan Suleika sprechen läßt: „Höchstes Glück der'Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit." Wer aber so manche berühmte Persönlichkeit , mit ihrer Herrenmoral, ihrem überreichen Liebesleben, ihrem in schlechtem Sinne weit vom Noi malen abweichenden Pflicht- und: Verantwortungsgefühl und anderen vom ethischen Standpunkt, aus eine Angriffsfläche bietenden Eigenheiten kennt, wird, menschliches Glück nur in der geschlossenen, harmonischen, sittlichen Persönlichkeit sehen. Den glücklichen Menschen scheint mir die Bibel durch das Wort aschre, heil, zu preisen, was die aramäische Ubersetzung des Targum mit tubeh, für den Betreffenden angenehm, gut sein, ihn frohstimmen wiedergibt. Als glücklich rühmt die Bibel den Mann, der Wohlgefallen an G'ttes Lehre hat und über sie Tag und Nacht nachsinnt (Psalm 1, Vers 2), den G'ttesfürchtigen, der des Herrn Gebote lieht und in seinen Wegen wandelt (Psalm 112, Vers 1 und 128, Vers 1), den Mann der Weisheit und des Verstandes (Sprüche Salomos, Kap. 2, Vers 13, auch Psalm 41, Vers 1), den Mann, der G'tt gehorcht, an seiner Türe wacht und die Pfosten der Eingänge seines Hauses hütet (Sprüche Salomos, Kap. 8, .Vers 34, auch Kap. 29, Vers 18). Grundlage und Vorbedingung des Glücks ist die in G'tt und seinem Gesetz verankerte Persönlichkeit; glücklich kann nur sein, wer sich im Denken und Handeln dauernd im Einverständnis mit G'tt und . seiner Lehre als dem Quell höchster sittlioher Weltordnung zu fühlen trachtet, darauf, kommt die biblische Weltanschauung hinaus. Nach talmudischer Auffassung ist derjenige als glücklich anzusehen, der sich mit seinem Teil, mit dem, was ihm beschieden ist, freut (Abot IV, Vers 1). Dem wahrhaft Glücklichen wird es als selbstverständlich erscheinen, nicht das über seinen Besitzkreis Hinausreichende zu wünschen und zu erstreben. Es liegt nicht in seiner Wesensart, das letzte und höchste der zehn Gebote, das vom Begehren, zu verletzen, das kein irdischer Gesetzgeber vorzuschreiben die Macht hat, weil es sich an den inneren Menschen und an sein Gewissen wendet. Glückselig ist nicht, wer seine Gelüste bezwingen kann., sondern die Glückseligkeit besteht darin, daß die Gelüste nicht auftreten. Nach einem Ausspruch von Rabbi Akiba verhalten sich die Menschen, dem Geschick gegenüber in vierfacher Weise: Der eine klagt, der andere betet, der dritte schweigt und der vierte sagt: Vater," schlage zu! Der erste ist Hiob, der zweite der König Hiskia, der dritte Abraham und der vierte David (Semachot 8). Zu dem Vers in Hiob (Kap. 5, Vers 17): Glücklich ist der Mensch, den G'tt zurechtweist und der die Zurechtweisung G'ttes nicht ablehnt, führt der Targum in Ergänzung des biblischen Textes den Stammvater Abraham an. Wenn der Psalmist (Psalm 62, Vers 2) singt: „Es schweigt meine Seele in G'tt; von ihm kommt mein Heil", so ist dies die höchste Art des G'ttvertrauens und die größte Glückseligkeit. Wessen Seele so gestimmt ist, unterwirft sich verehrungsvoll und dankbar dem Weltgeschehen und sieht das, was ihm widerfährt, wenn sein Gewissen ihn nioht schuldig spricht, in Demut als höhere Fügung und Schicksal an. Das Schweigen im Unglück, das die Bibel auch bei dem Hohepriester Aharon anläßlich des Todes seiner beiden Söhne hervorhebt, kann nur noch überboten werden von dem Gedanken: Wenn es nötig ist, Herr, du weißt es, so schlage weiter zu! Das ist der Typus, den ich als heroisch bezeichnen möchte und. den sich, die angeführte Semachotstelle in dem Heldenkönig David und seinem Kampf mit dem Leben verkörpert denkt. Das Psalmenwort (73, Vers 25) weimcho lo chofazti boorez, wenn, ich dich habe, so begehre ich nichts auf Erden, soll die Grundstimmung des Glücklichen bilden. Auf ihr lassen die Psalmen das Glück individueH sich aufbauen. Der eine sinnt dauernd über dem Gesetz G'ttes und erblickt . hierin seine größte Lust (Psalm 1), der andere lebt freudig von der Mühle seiner Hände und genießt sein Familienglück (Psalm 128), der dritte ist begütert und hat bei richtiger Ordnung seiner eigenen Angelegenheiten Wohlgefallen in mildtätigem Tun und sozialer Fürsorge (Psalm 112), und wieder ein änderer freut sich, in Dr. Hans Joachim SCHOEPS spricht am Montag, VApriH935 im Museumsaal.

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