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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-03-01 · 5 (1.3.1935) · p. Seite 94

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
5 (1.3.1935)
Date
1935-03-01
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
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04 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. n asiatisch oder europäisch sein wird, daran wird man eines Tages erkennen, wie es mit der Rolle Europas in der Welt bestellt ist. Haifa ist in diesem geschichtsgesättigten Land fast die einzige. Stadt ohne nennenswerte geschichtliche Vergangenheit, fö 'tief-Bibel wird sie nicht erwähnt, und neuere Forschungen üBaben-erwiesen, daß sie in der Tat die jüngste Stadt dieses "alten Landes ist. Der Boden, auf dem sie steht, existierte noch riicTit in biblischer Zeit. Die Bibel, welche sich immer mehr als ein geschichtliches Dokument allerersten Ranges erweist, ist es auch hier. Das Karmelgebirge fiel schroff und steil direkt ins Meer, und der schmale Streifen zwischen Berg und Meer, auf dem heute die Stadt Haifa sich befindet, ist erst in geschichtlicher Zeit aus den Sandmengen, die der Nil alljährlich ins Meer führt, durch eine unterirdische Meeresströmung hier abgelagert worden, die erst in den letzten Jahren erforscht wurde. Das Erstaunliche ist, daß diese Stadt, obwohl sie also nicht „historischer" Boden ist, alle Merkmale des Heiligen Landes trägt. Landschaf t vom «Monde. Wer danach fragt, warum in diesem kleinen Küstenstrich am Mittelmeer, der das Land Palästina bedeutet, dreimal in der Geschichte große religiöse Emanationen sich vollziehen konnten, wer danach fragt, warum in diesem kleinen Land dreimal die Wiege von Weltreligionen stand, der braucht nur einmal in seinem Leben von der Höhe des Karmels herab über die Bucht, über das verkarstete Gebirge, über die steinernen Täler bis zum Libanon gesehen zu haben, um das zu verstehen. Heute noch ist der Charakter dieser Landschaft etwa so, wie wir uns Landschaften auf dem Monde vorstellen. Etwas von Urlandschaft wirkt noch auf den Betrachter. Es ist keine Einbildung, es ist keine Selbsttäuschung: hier ist die Erde noch so, wie sie am Anbeginn der Tage war, als das Licht sich schied von der Finsternis und aus dem Wasser das Trockene emportauchte. Es ist nicht nur die Unberührtheit des Landes, sondern es ist eine großartige Strenge, das zerklüftete UrantBtz, das dieses Stück Erde zeigt. Nichts ist von Lieblichheit in dieser Landschaft, nichts, was unsere gewohnten ästhetischen Bedürfnisse befriedigt. Das Land liegt da, wie ein erratischer Block aus dem Dunkel des Anbeginns eben ins Licht geworfen. Dies Land, weil es den Charakter der Urlandschaft, der Mondlandschaft bewahrt hat bis auf diesen Tag, hat in allen Zeiten Menschen zurückgeführt zum Urgrund der Dinge, zum Nachdenken über den Anbeginn: aus dieser Landschaft mußten Religionen wachsen. Öl und Ewigkeit. ' Inmitten dieser Urlandschaft kann man auf halber Höhe des Karmels stehen, an jener Höhle, die nach der Sage die Gebeine des Propheten Elias birgt, und herunterschauen, über die Molen des neuen. Hafens hinweg auf die in der Sonne glitzernden Tanks der Shell-Gesellschaft. Man fährt die Karmelstraße, eine der schönsten Autostraßen der Welt, hinunter, vorbei an arabischen Hirten, die an den. Hängen ihre Herden weiden, wandernde Zeltbewohner und anzuschauen wie jener Mann aus Ur in Chaldäa, namens Abraham, der einst in dieses Land gezogen ist und es zu einem ewigen gemacht hat. Eben noch aus der Höhle des Propheten Elias tretend, eben noch im Angesicht nomadischer Hirten, steht man plötzlich an einem Punkte dieser Welt, wo seit wenigen Wochen das flüssige Gold, das Öl, dessen Ankunft die Engländer mit Sehnsucht und die Juden mit manchen Zweifeln erwarteten, Not oder Segen bringen wird. Diese Entwicklung des Haifaer Hafens sehen die Juden und zum Teil auch die Araber mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Mit einem'lächenden Auge deshalb, weil das Öl und der Hafen eine außerordentliche wirtschaftliche Konjunktur erzeugen. Schon sieht man Haifa als ein werdendes Industriezentum. Die Geschäfte in Haifa gehen so gut wie noch nie. Ernstere Menschen sehen diese Entwicklung mit mancher Sorge. Sie fürchten zunächst einmal, daß das Ubergewicht englischer Firmen die Entwicklung einer autbchthonen Wirtschaft in der Stadt empfindlich stören könnte. Sie fürchten aber ferner, daß Haifa dadurch, daß es zu einem Angelpunkt englischer Weltpolitik wird, in alle Verstrickungen und in alle Konflikte hineingezogen werden könnte, die die englische Politik, aber durchaus nicht das Interesse Haifas und Palästinas betreffen. Ein Land im Aufbau braucht vor allem Ruhe. Die Stadt Haifa trägt einen Teil der Entwicklung dieses Landes; sie ist lebensfähig und entwicklungshungrig, solange sie der Hafen Palästinas ist. Sie gerät in unübersehbare Gefahren, wenn sie ein englischer Flottenstützpunkt wird. Diesen Stimmen, welche dagegen sind, daß Haifa aus einem' palästinensischen zu einem englischen Hafen wird, stehen andere gegenüber, die diese Entwicklung aus geschäftlichen Gründen lebhaft begrüßen. Sie sagen, daß die Verlegung der Flottengarnison hierher dieser Stadt einen Zuwachs von etwa 30 000 bis 40 000 Käufern und Konsumenten bringen würde. So streiten in dieser Stadt Öl und Ewigkeit miteinander: diejenigen Kräfte, die das Geschäft in der Levante lockt, und diejenigen, welche abgelöst von den Verstrickungen der Weltpolitik ein neues Leben und eine erneuerte Nation auf diesem Boden entstehen sehen wollen. Nationalstaat oder Levante. Wenn die Stadt Haifa mehr als bisher zu einer Figur auf dem Schachbrett der englischen Politik wird, dann kann das der Wirtschaft in dieser Stadt alle Konjunkturen bringen, die mit einer solchen Entwicklung zwangsläufig verbunden sind. Aber selbst wenn die Chance der Konjunktur so groß wäre, wie viele annehmen, bleibt doch die Tatsache bestehen, daß eine Stadt, die derart zu einer Funktion der englischen Weltpolitik gezwungen wird, auch alle Schwankungen und alle Erschütterungen, und vielleicht auch alle Zusammenbrüche wird mitleiden müssen, denen das englische Imperium in den kommenden Jahrzehnten entgegengeht. Während die Engländer aus Haifa ein zweites Port Said machen wollen, ist die zwangsläufige Entwicklung dieser Stadt von ganz anderen Faktoren bestimmt. Im Gegensatz zu Port Said hat Haifa ein Hinterland, das Emek Jesreel, das Gebiet einer nationalen Kolonisation. Darüber hinaus aber sind diejenigen Bodenstrecken, in die allein die städtische und industrielle Entwicklung sich ausdehnen kann, seit Jahr und Tag zum großen Teile dem Privatbesitz entzogen und in den Händen des Jüdischen Nationalfonds, der nach bodenreformerischen Prinzipien Boden in Palästina als unveräußerlichen Besitz des jüdischen Volkes zu Zwecken der Kolonisation erwirbt. Der Jüdische Nationalfonds kauft Böden, aber er verkauft sie nicht. Er gibt sie nur unter ganz bestimmten, vom Gemeinschaftsinteresse diktierten Bedingungen in Erbpacht. So dient sein Bodenbesitz als ein nationales Bollwerk gegen die Entwicklung Haifas zu einer levantinischen Handelsstadt. Vom Glück in jüdischer Auffassung Von Prof. Alfred Loewy in Freiburg I.B.1 - Nach Erscheinen meines Aufsatzes „Vom Unglück in jüdischer Auffassung" (in dieser Zeitung 15. Juli 1934, X. Jg. Nr. 14) erging es mir ähnlich wie Englands großem Dichter John 1 Wie wir zu unserem Bedauern hören, ist der Verfasser, der frühere ordentliche Prof. der Mathematik an der Universität Freiburg i. B. am. 25. Januar 1935, kurz nach Abfassung dieses Aufsatzes gestorben. Milton bei Veröffentlichung seines verlorenen Paradieses. Von befreundeter Seite wurde er aufgefordert: Erzähle uns doch vom wiedergewonnenen Paradies. Mich hat man gefragt: Wie denkt das Judentum über das Glück? Die deutsche Sprache benützt das Wort „Glück" in zweifachem Sinn, nämlich als Glücksgefühl, Herzensfreude, und als Glücksgüter, nämlich Reichtum, Ehre und Befriedigung der Sinnenlust. Die Glückseligkeit und der Besitz von Glücksgütern

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