Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 4 (15.2.1935)
- Date
- 1935-02-15
- Page
- Seite 72 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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72 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Zum Konzert Nürnberger Künstler am 21. Februar im Münchener Kulturbund Irma Frank (Alt) zender jüdischer Seele. Er litt, wie wenige leiden konnten, an Zeit und Welt, aber er war in dieser Leidensmacht gesund. Die geistige Gesundheit Jakob Wassermanns bildete den Reichtum seiner Zukunft. Er las uns die Geschichte eines Mädchens von östlich köstlicher Glut. Aber er haftete auch da nicht als Literat aan Schreibtisch. Nach der Vorlesung, sich und uns zur ,Erholung' (so sagte er mit graziöser, abkühlender Ironie) setzte er sich ans Klavier und spielte Beethoven. Am liebsten gedenke ich seiner in dieser reinen Versenkung als Freund vor Freunden, in diesem schlichten, wahrhaft jüdischen Dienst an der 'deutschen Seele. Er liebte das wundervolle Menuett der Sonate opus 31 Nr. 3. Er spielte es an den Nachmittagen der ,Renate Fuchs' nicht nur einmal. Mit seinen Hörern kehrte er immer wieder in dieses bessere Land ein, das nie enttäuschte. Als ,Renate Fuchs' vollendet war, erlebte ich die Freude, daß S. Fischer Zugriff, und der Anfang einer seiner wertvollsten Verlagsverbindungen gemacht war. Ich sah Wassermann damals in Wien noch oft. Er war ein echter Freund, nicht nur im eigenen Bedürfnis beharrend. Auch ich konnte Pläne mitteilen und seine kluge, feurige Anregung genießen. Er trug die immer richtig gehende Uhr des Blicks und Geschmacks in sich, vielleicht noch mehr im Urteil über Fremdes, als für das eigene Schaffen. Wassermann war das überströmende Genie orientalischer Fabulierkunst, die Freude an den eigenen Gaben nahm ihm zuweilen die Geschmackssicherheit, und seltsam stand dann das Herrlichste neben der Kitschgefahr; Vielleicht in einem dunklen Gefühl davon kontrollierte er mit freundlicher Strenge das Vorhaben Anderer. Ich arbeitete damals an einem nie vollendeten indischen Sagendrama. Ein Brahmane war die Hauptgestalt, und von ihr ausgehend erzählte ich Wassermann die Fabel des Stückes. Er ging mit seinen eigentümlich trotzigen Schritten umher und sagte schließlich freundlich grollend: „Na ja, na ja. Sehr schön. Aber wissen Sie, dieser Brahmane (Prahmane sprach der Fürther Wassermann), den muß man ganz genau kenne n. Mit Straße und Hausnummer. Sie wissen, was ich meine." Bei einem anderen Zusammensein in Wien sah er mich plötzlich lange an und sagte: „Es ist merkwürdig, wie Sie alte Menschen sprechen lassen können." Wir waren damals beide 27 Jahre alt. Das neue Jahrhundert kam. Ich wohnte wieder in Berlin und sah auch Jakob Wassermann als Gast. Er war damals im Begriff, seine erste, schicksalsvolle Ehe zu schließen. Einekostbare Erinnerung blieb mir sein erstes Gespräch mit meiner Mutter. Die alte Berlinerin, deren Herzenskraft Wassermann gewiß fühlbar wurde, haftete an den herkömmlichen Formen und machte noch Konversation, wenn sie eigentlich schon darüber hinaus war. So wandte sie sich gütig lächelnd zu dem Dichter: „Nun, Herr Wassermann? Ich hörte, Sie wollen jetzt ein Heim gründen?" — Es war nicht leicht, den Ernst zu bewahren bei dem unbeschreiblichen Ausdruck, den Wassermanns Gesicht vor dieser Frage bekam. Er sah errötend auf die kleinen dunklen Hände, ein düsteres und zugleich lustiges Feuer glomm in seinen schwarzen Augen, und eigentümlich stoßend erwiderte er: „Nun, ein Heim gründen..." Während seiner Ehejahre in Grinzing bei Wien, um 1910, besuchte ich ihn und erlebte einen unvergeßlichen Nachmittag. Er zeigte mir seine Kinder — der wunderschöne Albert wirkte wie eine unbeschwerte Wiederkehr des Lastenträgers Jakob. Dann ließ er mich seine Bibliothek sehen und sprach bekenntnisfroher als sonst von seiner Arbeitsweise. Diese absolute Energie des Schaffenden, des behutsamen und doch kühnen Menschenkenners' hatte etwas Einmaliges. Ich blickte wie in eine lebendige Sammlung. Nichts dürr Literarisches und Abgestandenes, Museumshaftes war zu spüren. Ein glücklicher Künstler sprach. Ich nahm eine neue Ehrfurcht vor dem Begriff ..Gestalt" mit. Aber er griff auch wieder als Freund in meine Not. Als er mich noch in den Herbstabend des Wiener Weinlandes hinaus begleitete, sagte er: ..Ich glaube, Sie kommen jetzt wieder nach oben. Sie werden im Theater Erfolg haben. Man muß eben warten können. So geht es mir auch. Ich sitze hier bei Wien und arbeite. Es steht anders um mich, als um Schnitzler und Hofmannsthal. Hier bin ich der Herr Niemand. Aber das macht nichts. Es entsteht etwas. Darauf kommt es an." Zwei besonders einprägsame Begegnungen blieben mir noch aus den Jahren 1914 und 1927. Kurz vor Kriegsausbruch ging ich, von der allgemeinen Sorge erfüllt, durch die Münchener Straßen. Es war ein grauer, schwerer Tag, und die Menschen erschienen mir, im sicheren Leben dem Tode nahe, einander vertrauter und ähnlicher als sonst. Ich sah kein Individuum mehr, ich fühlte die deutsche Masse. Da blickte ich zufällig in einen Hauseingang der Brienner Straße. Ein untersetzter, sehr dunkler Mann, den Hut in die Stirn gedrückt, stand dort und beobachtete. Ich wußte noch nichts von Wassermanns Anwesenheit in München. Er war es. Ganz in Betrachten und Nachsinnen versenkt, stand er da und ließ die Menschen seiner Tage vorübereilen. Ihm blieben die Einzelköpfe, Einzelwelten. Er ste/an Zweig Der verwandelte Komödiant Ein Spiel aus dem Rokoko Aufführung am Donnerstag, den 28. Februar im Rahmen des großen F e s t e s des J. T. S. V. M. im St. Anna-Saal.