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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-02-15 · 4 (15.2.1935) · p. Seite 71

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
4 (15.2.1935)
Date
1935-02-15
Page
Seite 71 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 71 Gebrechlichkeit. Er beobachtete, aber er notierte nicht wie ein alltäglicher Literat. Er verglich vielleicht nur die Menschenbilder, die er sah, mit den Gestalten, die in ihm lebten. Ich saß an diesem Abend mit einem jungen Buchhändler im „Luitpold". 'Er bemerkte mein starkes Interesse und sagte mir, wer der Vorübergegangene sei. „Hat ein merkwürdiges Buch geschrieben. Bei Albert Langen erschienen. ,Die Juden von Zirndorf. Das Vorspiel ist verblüffend. Jakob Wassermann heißt er. Komischer Name — was? Ein Fürther. Zirndorf liegt bei Fürth," Als ich den Namen gehört, tauchte plötzlich ein ganz anderes Bild vor mir auf. Es war ein Berliner Bild, im Zentrum der bewegenden Kunstmächte der Reichshauptstadt dazumal. In der einfachen Junggesellenwobnung Otto Brahms am Luisenplatz" hatte im letztvergangenen Frühjahr wieder eine Vorlesung stattgefunden, die Einführung eines .bisher unbekannten Dichters. Bei dem Direktor des Deutschen Theaters, dem kühnen Revolutionär der Moderne, konnte man sonst auf praktische Folgen rechnen, die Entdeckung eines neuen Dramatikers zog meist auch seine Aufführung nach sich. Dazu war es nun in jenem Fall nicht gekommen, aber die Geister der kleinen Hörerschaft waren ebenso heftig aufeinander geplatzt, als ob der Verein „Freie Bühne" ein großes Theater gefüllt hätte. Man gedachte noch lange lächelnd dieses sonderbaren Abends. Was war geschehen? Ernst von Wolzogen, der hochbegabte und bewegliche, allzu bewegliche Neuerer aus München, war zu Otto Brahm gekommen und hatte seiner Skepsis einen „neuen Mann" angekündigt. — „Ich möchte die Sache bei Ihnen vorlesen", sagte Wolzogen. „Es ist nach meiner Uberzeugung etwas Überraschendes. Der Autor heißt — erschrecken Sie nicht — Jakob Wassermann. Mein Münchener Sekretär. Ein kleiner, ghettohafter Jüngling aus Fürth. Er kam in einer Not zu mir, die man kaum für möglich hält. Er hatte buchstäblich gar nichts mehr. Eines Tages überrurmpelte mich der schwarze Stoiker mit einem Drama: ,Der süße und der bittere Narr,' Ich habe es Ihnen mitgebracht. Es verdient gehört zu werden. Alles Übrige steht bei Ihnen." Brahm war von Wolzogens Eindringlichkeit betroffen, er verschloß sich nicht und lud zu der Vorlesung einen Hörerkreis ein, der sonst die neuen Dramen Gerbart Hauptmanns zum erstenmal vernahm. Der alte Fontane fehlte freilich, ,wegen Schnupfen', aber Erich Schmidt der berühmte Literarhistoriker der Universität, kam, Rudolf Rittner, der schöpferische Schauspieler der ,Freien Bühne', Friedrich von Schennis, ein bedeutender Radierer aus dem nachklassischen Weimar, Emil Heilbut, unter dem Namen Hermann Helferich führender Kunstkritiker, und ich, der Jüngste des Brahmkreises. Wolzogen las in seiner temperamentvollen Weise das Opus Jakob Wassermanns vor. Er liebte es in genialischer Bubenart, Feuer zu entzünden, aber auf die Wirkung dieses Sturm¬ und Drangstückes war er doch nicht gefaßt. Brahms Gäste teilten sich in zwei erbitterte Kampflager. Das eine, völlig ablehnende wurde von.dem imposanten Professor Erich Schmidt geführt, das andere, Jugend für Jugend um jeden Preis, enthielt Rittner, Schennis und mich. Brahm saß behaglich lächelnd in der Mitte, neigte aber schließlich mehr zur Jugend. Einigung war nicht möglich. Als Ergebnis seiner guten Tat konnte Wolzogen nur die Feststellung eines neuen Talents nach München mitnehmen. Wir alle sahen die Ironie unseres Kampfes damals nicht: Es war nur der Dramatiker Jakob Wassermann, nicht der Erzähler.' der zum erstenmal die Geister erregte. In einigen Jahren erfuhr ich dann nur, daß Wassermann in München geblieben, nicht mehr als. Wolzogens Sekretär, sondern im Bann des Simplizissimuskreises. Er blieb aber im Hin- Elisabeth Springer die in der Münchener Aufführung von Zweigs Einakter „Der verwandelte Komödiant" am 28. Februar die Hauptrolle spielt tergrunde der Ereignisse und gehörte nicht zu den waghalsigen B'ohemiens der Zeit, die für ihre Anschauung kämpften und — saßen. Doch während Frank Wedekinds ,Lulu' die Gemüter entfachte, wuchsen bei Jakob Wassermann Dinge, die stiller revoltieren sollten. Ein zielbewußter künstlerischer Arbeiter suchte die Erlösung aus schwerem Existenzfrohn; Als ich im Jahre 1899 für längere Zeit nach Wien kam, wurde ich durch die Bekanntschaft mit dem Dichter der Juden von Zirndorf überrascht. In einem Kaffeehause (die meisten Wiener Bekanntschaften fanden dort statt) lernte ich durch den jungen Alfred Gold, Redakeur einer guten, längst verschwundenen Wochenschrift „Die Zeit", seinen Freund Jakob Wassermann kennen. Ich wußte von Gold, daß der Dichter sich nach hartem Kampf von den Münchener Fesseln losgerissen und nun in Wien bei seinem Onkel, einem wohlgesinnten Fabrikanten, Zuflucht gefunden hatte. Er kam aus schwerer Not, man sah es ihm an. Er hatte bis ins Letzte erfahren, was Verlegertyrannei aus einem menschlich schwierigen, aber durch den Genius legitimierten Künstler mächen konnte. Er war seine Peiniger los, aber er stand nun wieder am Anfang des Schriftstellerweges. Wer "wußte schon von ihm? Wer nahm sich wirklich seiner an? Es ergab sich, daß ich sein Vertrauen fand, und günstige Fügung ließ damals auch meine erste Frau nach Wien kommen, deren treffsicherer Instinkt erkannte, wessen Wassermann bedurfte. Sie stand dem Verleger S. Fischer verwandtschaftlich nahe und konnte das Versprechen geben, ihn auf den neuen Autor Wassermann aufmerksam zu machen. Der Wert dieser Vermittlung, die auch ich übernahm, erwies sich aber erst, als der scheue und bedrückte Dichtei sich entschloß, uns sein neues, entstehendes Werk kennen lernen zu lassen. Er las uns an vielen Nachmittagen Kapitel für Kapitel den Roman ,Die Geschichte der jungen Renate Fuchs' vor. Noch seh ich ihn in seinem kleinen Zimmer, den dunkel begnadeten Mann, das Urbild selbstbewußter Kraft, einsam trot- Münchener Veranstaltungen des Jüdischen Kulturbundes i. B. 21. Februar Museum: Konzert Nürnberger Kunstler 25. Februar Museum: Wiederholung der Marionetten vor Stellung 7. März Museum: Konzert des Münchener Jüdischen Vokal-Quartetts

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