Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 4 (15.2.1935)
- Date
- 1935-02-15
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Zum Konzert Nürnberger Künstler am 21. Februar im Münchener Kulturbund Ludwig Grünbaum (Klavier) verheißen; aber: „Anderes will ich dann aus euren Händen, Was, ahn' ich nicht — doch andres empfahn!" entgegnet ihnen Jaakob enttäuscht; darauf Uriel: „—Unbescheiden nenn ich dich!" und Jaakob: „Darf sich denn der, den Gott erwählt — bescheiden?" „So wählt mein Blut Er aus zum stolzen Reise — in alle Zeiten sprießend, nie verdorrt — daß meinem Mund — von -neuem immer wieder entstürze Seines ewigen Willens 'Wort! — Daß ewig ich, mit Menschenschritt, hinieden mitsohreite Seinen fernen Gottesweg, und — Leid mit Seinem Worte lösend — hier Sein ewiger Mund und ewiger Anwalt werde..." Und auf das Losbrechen Uriels: „Bist du schon übermütig — Knecht!" ruft er „in seligem Vertrauen": „Nicht Knecht! Gott wählt mich aus — Gott will mich frei!" — „Gott will mich stolz und wahr!" Da erhebt sich die Stimme des Warners Samael, der ihm die ganze Schwere solcher Gottessendung, die er sich erwählt, furchtbar klarmacht — aber durch nichts läßt sich Jaakob schrecken: „Ich lieb Ihn — wie er ist! Grausam und gnädig, lauteres Licht — und Abgrund, finster, tief! Ich laß ihn nicht!" Und so beschwört er die Stimme Gottes selbst, der ihm spricht: „Um meinen Namen magst du Un- Jakob Wassermann Persönliche Erinnerungen Das künstlerische München wandte sich am Ende des neunzehnten Jahrhunderts entschiedener als Berlin von der Richtung ab, die oft mit ungerechter Verkleinerung als „Naturalismus" bezeichnet wurde. Es lag in Münchens farbig südlicher Art, man fühlte sich in junger Grenzenlosigkeit, von sozialer Bürde entlastet, der formalen Schönheit zurückgegeben. Als ich damals aus Berlin wieder nach München kam, kein Student mehr, sondern ein Mann der naturnahen Bühne, mußte ich mich einsam fühlen. Aber ich fand ein .Wohlbefinden der Einsamkeit, weil ich das Recht beider Lager erkannte und wußte, daß die •Kämpfer «ich in zeitloser Kunst zusammenfinden mußten. : Es fügte sich, daß ich damals dem jungen Rainer Maria Rilke nahe kam. Ich weiß noch, wie ich in schöner Erinnerung an einem Nachmittag mit ihm abends im Cafe Luitpold saß, als ich änpn-,einer merkwürdigen Erscheinung betroffen, ja, erschreckt wn'räeC Ein Mensch meines Alters eilte durch den Mittelgang Erhörtes dulden — doch, noch in Martern, fühl', daß ich dich nie verwarf! Ich will ja nur, mein Sohn, mich dir so tief verschulden, daß ich— zur Sühne — dich erhöh'n vor allen darf!" Allein mit Gott kämpfen zu dürfen heißt schon: siegen; und so entläßt der Traum dieser Nacht Jaakob indem erwachenden Tag zu seinenj Herden, in die Welt als den ewigen Ringer mit Gott, als Jisroel. Die Aufführung dieses Gedichtes — die äußere Gestaltung und die darstellerische Wiedergabe — war eine Leistung voll eindringlicher Gewalt, Weihe und Schönheit. Der Bühnenbildner Condell hatte die Szene des Traumes mit Hilfe von Vorhängen und Projektionsapparaten in einem Halbdunkel zu klassischer Schönheit des optischen Eindrucks geführt, die an wundervolle alte Gemälde erinnerte. Die Regie Fritz Jessners ließ das Spiel zu einer Harmonie der großen Schwingungen werden, der Tiefe und Weite der Gedanken sich einfügend, und * ließ wundervoll den schöpferischen Kontrast zutage treten zwischen der unmittelbaren, ganz menschlichen Dynamik des ersten und der dem Uberwirklichen genäherten geistigen Erfüllung des zweiten Teiles — der gleiche Kontrast, der sich auch in den beiden Gestalten Edoms und Jaakobs ausdrückt, deren Rollen von Walther Hertner und Herbert Grünbaum mit eindringlichster Stärke gegeben wurden. Besondere Leistungen waren außerdem die von Lilly Kann in der schweren Rolle der Rebekah, die fast die Grenzen mütterlichen Empfindens zu sprengen scheint in ihrer nüchternen, harten Beurteilung Edoms und der prophetischen Liebe zu Jaakob — ferner diei sprachliche Leistung von Fritz Wisten als Samael, der ja nur Stimme ist •aberStimme, der man alle Schauer und alle überwältigende Kraft der Wahrheit dessen geben muß, was sie spricht. Hervorragend war auch Sigmund Nunberg als Indibaal, der Sklave Jizchaks, der die schwere innere Wandlung vom Knecht zum Freien unter den Worten seines Herrn glücklich miterleben ließ. Gerda Klein-Weißmann und besonders Gina Petruschka fanden sich sehr gut in die Rollen der beiden Frauen Edoms; wuchtig in Gestalt, Gebärde und Sprache waren Martin Brandt, Ernst Lenart, Berthold Bernd und Werner Herrmann als die Erzengel — zart, genau, wie sie ein iKnd sich vorstellt, die drei anderen Engel von Ruth Anselm, Lieselotte Jacobi und Ruth Reimer; und nicht zu verkennen und nicht zu vergessen die Stimme der Mira Rosowsky als Stimme des Quells — plätschernd, plaudernd, singend und wiegend und dabei sehr ernst und fordernd. Nach dem Wunsch des Dichters ging dem Stück das Adagio (Air) aus der D-dur Suite von Joh. Seb. Bach voraus, vom Streichorchester des Kulturbundes sehr schön gespielt, in fein empfundener Verwandtheit hinüberleitend zum Spiel auf der Bühne. Vor dem ersten Akt sprach Lieselotte Collin einen Prolog, von Leo Hirsch für diesen Abend verfaßt. Jaakob, der Urahn Davids, dessen Lebensspiel er nach dem Willen des Dichters mit diesem Stück den Vorspruch geben sollte, ist auch unser Ahnherr und er gibt den Vor-Spruch auch zu unserem Lebensspiel in allen Zeiten — den Vor-Spruch von der Schwere und Größe der göttlichen Botschaft an Israel. Hilde Marx in drei Jahrzehnten von Georg Hirschfeld des Lokals an mir vorüber. Das zarte Bild Rilkes verließ mich, und ich hatte das Gefühl, daß auch dieser nächtig Dunkle ein Dichter war. Niemals hatte ich solchen Blick empfunden. Zehrende Glut, dämonisches Brennen eines inneren Reichtums, der vielleicht unerschöpflich war. Nur die Augen blieben mir im Gedächtnis, sonst nichts von der Erscheinung eines kleinen, unscheinbaren, vorüberhuschenden Menschen. Nach einigen Tagen aber sah ich ihn wieder, an derselben Stelle. Er ging diesmal langsamer, sein Blick war von sinnender, schwerer Ironie. Während er gleichsam die Tische streifte, sah ich, daß der kleine, zigeunerhafte Mensch mit dem bläulich schwarzen Haar ein Bild der lässig, nicht schmerzhaft getragenen Armut war. Seine Kleidung war abgenützt, er ging in schlechten Schuhen. Das verbeulte Hütchen trug er trotzig in die Stirn gedrückt. Aber das Lächeln in seinen tiefen Zügen gab ihm ein Schweben über irdischer