Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 3 (1.2.1935)
- Date
- 1935-02-01
- Page
- Seite 51 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeituhg Wucher-kämpft, der zu seiner Zeit selbst innerhalb des" Säulenbezirks der Kirche getrieben wurde, stellt er diese Erscheinung in ausdrücklichen Gegensatz zu den „Heiden und den alten Hebräern", die den Wucher verpönten. Und die Glut der prophetischen Bücher hat nicht selten den Stil seiner Werke befeuert — wenn ihm auch die winkende Tat der Propheten versagt blieb. ' Nach dem Reichstag zu Augsburg, da man seine Entscheidung anruft und er wieder allzu vorsichtig ausweicht und nur brieflich seinen Rat zur. Einigung erteilt, schreitet die- Geschichte über ihn hinweg. „Das Wort Gottes ist Krieg!" ruft ihm Luther entgegen. Die alten Freunde sind gestorben, Tho^ mas Morus, in dessen behaglichem Landhaus er einst seine übermütige Spottschrift gegen die Narrheit schrieb, hat das Haupt auf den Block legen müssen. Einsam und krank ist er zurückgeblieben — da scheint am Ende seines Lebens eine Sehnsucht in ihm aufzuwachen nach allem, was ihm sein Studierstuben-Dasein verweigerte: nach der längst verlassenen und vergessenen Kinderheimt Brabant. Nach Brabant will er zurückkehren — aber unterwegs trifft ihn die tötliche Krankheit. Und als der letzte Augenblick gekommen ist, da hat er selbst die Sprache vergessen, in der er seit Jahrzehnten all seine Tage gesprochen und geschrieben hat, sein geliebtes Latein. „Lieve God!" stammelte er, wie ers vor Zeiten von der Mutter hörte. Das ist die Heimköhr des Erasmus von Rotterdam. Bertha Bad t-Strauß. III. Alfred Neumanns „Neuer Caesar". Seit der jetzt vierzigjährige Dichter für seinen Roman „Der Teufel" mit dem Kleist-Preis geehrt wurde, hat sich sein geistiges Bild nicht schärfer abgezeichnet: er hat mit seinen Dramen „Königsmaske" und „Frauenschuh"- die Bühne nicht erobert, mit dem Doppelroman aus dem italienischen Risorgimento „Rebellen", und „Guerra" nur kühle Bewunderung geerntet, hat mit dem Roman „Der Held" eine mehr stoffliche als künstlerische Würdigung gefunden und endlich, als Erneuerer des deutschen Schelmenromans, mit einem „Narrenspiegel" überrascht — nicht weil man einem Juden die Einfühlung in so vital-deutsche Gestalten wie den Herzog Heinrich von Liegnitz und seinen Rat Schweinichen nicht zugetraut hätte (die Abstammung dieses Westpreußen war seinen christlichen wie seinen jüdischen Kritikern teils unbekannt, teils kein Problem), sondern weil andere geschichtliche Räume dem Klima seiner Kunst gemäßer zu sein schienen. Jetzt ist bei E. P. Tal & Co., Wien, ein neues Buch von Alfred Neumann herausgekommen, seine bedeutendste Schöpfung: „Neuer Caesar", der Roman Napoleons III., dem ein zweiter Teil „Kaiserreich" folgen wird. Alfred Neumann greift verschiedene Themen seiner Schöpfungen wieder auf und sammelt seine Begabung zu neuer Kraft. Der „Neue Caesar" ist einmal der Roman des Prätendententums: die Situation der „Königsmaske", in der Charles-Louis als Thronprätendent daran zerbricht, daß für ihn Blut vergossen wird, wiederholt sich fast beim Straßburger Putsch Louis Bonapartes. Aber welch eine Entwicklung: die Verquickung der Liebeshandlung mit der politischen Aktion war bei den rivalisierenden Frauen der „Königsmaske" nicht viel mehr als romantisches Theater; die Abenteuerinnen der Liebe und der Politik um den Prätendenten Louis Bonaparte vervollständigen das Charakterbild dieses Mannes und vermitteln zugleich die Atmosphäre der Zeit. Wie dem Autor in seinem (nicht ganz zulänglichen) Drama die Frage Der Inventur-Verkauf des freundlichen Herrn dauert bis 9. Februar! BAMBERGER & HERTZ Die zuverlässigen Kleiderfachleute der Echtheit oder Nichtechtheit des Prätendenten gleichgültig war. so steht auch seinem „Neuen Caesar" der Umstand, daß sein napoleonisches Blut etwas fragwürdig ist, nicht im Wege. Und wieder baut Neumann die Welt des politischen Verschwörertums auf, die es ihm schon in den Risorgimento-Romanen und im „Held" angetan "hatte; aber fehlte hier die Distanz, die dem Geschehen einen geschichtlichen Raum gegeben hätte, war dort der Raum für unser geschichtliches Bewußtsein nicht genügend aufgehellt/so hat der Dichter im „Neuen Caesar" ein Zeitalter gewählt, das das unsere noch überschattet und das zugleich. aus unserer Gegenwart zu deuten ist. Alfred Nerrmanns frühere Romane muten angesichts des neuen geradezu wie Vorstudien an, in denen er sich in der Kunst versucht, die Seele des Menschen in seiner leibhaftigen Erscheinung und den geschichtlichen Raum, in dem sie wirkte, im lichtgebenden Helldunkel sichtbar zu machen. „Neuer Caesar!" Der Begriff Caesarismus ist tatsächlich zuerst aaf den dritten Napoleon angewendet worden. Die Generation war weggestorben, der das Blutopfer der napoleonischen Kriege :noph gegenwärtig gewesen war. Aber der Mythos Bonaparte lebte und die Sehnsucht einer neuen Jugend nach der „gloire". Das Bürgertum bangt im juste milieu vor einer Radikalisierung der Errungenschaften der Revolution, nur eine gewisse Abwehr der Reaktion ist den Erben der französischen Revolution in Fleisch und Blut übergegangen. Es ist eine Mittelstandsbewegung, die nach zwei' mißglückten Putschen die Wahl und den Staatsstreich des Prinz-Präsidenten trägt. Dieser Napoleon ist ein „mittlerer Charakter", der wie Macbeth „falsch nicht spielen, aber unrecht doch gewinnen" möchte. Zweideutig setzt er auf die Republik wie auf das Kaiserreich — und ist insofern nicht unehrlich, als seine Erziehung ihn tatsächlich zu beiden Möglichkeiten befähigte. Er hat in seiner Jugend nur „ein halbwegs gutes Herz", aber er weiß es. unbekümmert um die unwählerischen Mittel, mit seinen Zielen stets einigermaßen in Einklang zu bringen. Das ist das Geheimnis seines Erfolges. Er bleibt für seine Nächsten stets „undeutlich", aber er hat etwas Gewinnendes, etwas, was Männer und-^ Frauen anzieht. Sein Prätendententum dankt er dem Namen, den er zu Unrecht führt; er leidet nicht unter dem Betrug,-wohl aber unter dem verpflichtenden Vergleich. Aber RosetlStr&ße 11 und in unseren sämtlichen Verkaufsstellen: Inventur-Verkauf vom 28. Januar mit 9. Februar Deutsch Amerikanische Schuhges. m. b. 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