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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-02-01 · 3 (1.2.1935) · p. Seite 49

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
3 (1.2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 49 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 49 Drei Romane Johann Rabener — Stefan Zweig — Alfred Neumann. L „Denn ich bin ein Mensch gewesen". Johann Rabener, Denn ich bin ein Mensen gewesen. Roman. 534 Seiten. Berlin (Rowohlt) 1935. In dem atemlosen Wirbel von Menschen, Verbrechen und Schicksalen, die der neue Roman-Schriftsteller Johann Rabener nicht ganz so virtuos und phantasiereich wie Wassermann und Werfel erzählt, bricht immer wieder das Bekenntnis und Raisonnement des Verfassers über Mission und Aufgabe des Dichters und Epikers von heute durch. „Alles, was mensch- ' lieh fesselnd ist, gehört zu unserem Thema!" — „Epik, das bedeutet in unserem Sinne vor allem: genaue Rechenschaft." — „Man wird nicht Dichter durch Verachtung, sondern eher durch Betrachung." Die Geburstwehen des echten besessenen Kunstschaffens und die geringste Verrichtung des gleichgiltigsten Menschen unter uns. beides sind für Rabener dichterische Anliegen. „Der Lebenswunden Tücke und Lust", das einfach Menschliche, das Gute schlechthin sind für diesen Erzähler so berichtenswert und merkwürdig wie das Niedrige, Schlechte, wie das spannendste Verbrechen und die ausweglosesten Verirrungen der Leidenschaften. So ist der neue umfangreiche Roman ein Liebes- und Verbrecher-Roman, unbändige Satire und zarteste Herzenskunde in einem. Jenseits von allem Konventionellen und vom juste milieu, das aus Menschenliebe und einem überquellenden reichen Herzen ausgelacht und als leere Atrappe aufgerollt wird, läuft eine spukhafte, aus allen Höhen und Tier fen der menschlichen Seele destillierte Handlung ab, die nur die Staffage für den nicht immer ganz krampflosen Humor des Verfassers äst. Er will uns wohl sagen: So sieht die jüngste Vergangenheit hinter allen schönen Reden, Theorien und Ideologien aus! Es bleibt für uns schmerzlich und wir werden eines peinlichen Gefühls nicht los, wenn in einer Reihe von dunklen und edlen Gestalten unser eigene jüdisches Geschick in der neuesten Zeit in einem Zeitroman en passant mitbehandelt ward. Unter den jüdischen Figuren dieses Romans gehört dem Arzt Dr. Edgar Jonas das bis zum Schluß immer mehr zunehmende Interesse des D/ichters. Dieser Dr. Jonas kennt nur noch zwei Beschäftigungen: die Suche nach einem Serum gegen den Krebs und das Grübeln über die Judenfrage. Es ist die Seele eines Mannes, „der es nicht nötig hatte, dem Mammon naöhzukeuchen. weil er begütert und im materiellen Sinn gesichert war, und der doch todunglücklich dahinlebte". Diesen Bruch „hatte die Erkenntnis verursacht, daß sein Vaterland ihn als Juden ablehnte". „Lange Zeit hat er diese Tatsache nicht wahr haben wollen, lange Zeit hatte er sich vorgemacht: mich lehnen sie nicht ab, sondern die Ostjuden .... Schießlich aber war es nicht mehr abzustreiten gewesen: die Kreise, die er sich durch seine medizinischen Schriften und durch sein ärztliche Tätigkeit erobern wollte, setzten ihmeinen unerschütterlichen, unaufhebbaren Widerstand entgegen, sie betrachteten ihn als Fremden und würden ihn immer so betrachten. Seitdem verdunkelte eine ungeheure Trauer seine Existenz. Er beklagte sein Los, bis er einmal einsah: es ist falsch, sich zu beklagen oder die anderen anzuklagen, — man soll zur Kenntnis nehmen, man soll sich abfinden, und nicht nur abfinden, man muß eine neue geistig-seelische Haltung für den höheren Juden finden. Es hat sich als eine Wahrheit herausgestellt, daß eine Verschmelzung zwischen dem Deutschtum und dem Judentum unmöglich ist. Sie sagen: der Jude kann nicht Deutscher sein, und da an dieser ihrer Uberzeugung nicht zu rütteln ist, darf man nicht fragen: „Warum?" .. . Denn indem der Abgewiesene „warum" fragt, erniedrigt er sich bereits, bettelt er bereits. Er wurde abgewiesen, das ist sein Schicksal, und er muß es tragen...... . Er liebte Deutschland. — und den zu lieben, dessen Liebe man entbehrt, das ist schon bitter, wenn es nur um eine Frau geht, um wievielmal mehr also, wenn es sich um ein ganzes Land und um ein ganzes Volk handelt?.... Zerrissenen Gefühls war er von Berlin fortgegangen, hatte eine Zeitlang in Paris und in London gearbeitet und war doch wieder zurückgekehrt, weil er sich im Ausland noch bedrückter fühlte als in der Heimatstadt!" Altbewährte erstklassige Qualitäten von TUCH-STARK im Inventur Verkauf s Montag, 28. Januar—mit 9. Februar eine willkommene Gelegenheit, tadellose Anzug-, Mantelu. KostUmstoffe zu wesentlich herabgesetzten Preisen zu erwerben. N. STARK & CIb., MÜNCHEN, Karispiatz 5 Fernruf 13309 Dieser Frauenarzt Dr. Jonas stellt im Verlauf des Romans folgende Überlegung an: „.... Es gibt stille, geheime Wirkungen, die ethisch unendlich kostbarer sind als geräuschvoll rasselnde Erfolge .... aber Sie wollen auch gerecht beurteilt werden, Sie verlangen Gerechtigkeit, nicht wahr? Ja, es hat eine seltsame Bewandtnis mit dieser Forderung . . . Meine Rasse stellt sie nämlich auch, und zwar seit mehr als tausend Jahren . . t . Die Gerechtigkeit darf überhaupt nur als Postulat eines fiktiven, höheren Lebens aufgefaßt werden. Sie auf diesem Planeten zu suchen, zu verwirklichen, zu fordern, ist tragisch — vergeblich. Das gilt sowohl für den Einzelmenschen als auch für das Judentum. Gerechtigkeit zu verlangen in der Einsicht, daß dies vergeblich ist, heißt also im Grunde n'chts anderes als: sich am Vergeblichen zu berauschen .... Und das ist nicht erlaubt. Nein, der höhere Jude kann mit dieser Forderung nicht mehr existieren, er verblutet an ihr, deshalb muß man eine neue geistig-seelische Haltung finden .... Ich dachte mir: da der Jude Gerechtigkeit nicht entdecken kann und da sein Appell allmählich zur Bettelei herabsinkt, muß er selbst trachten, seinem Geheimnis gerecht zu werden .... Und dies Geheimnis ist sein Leid . . . . Der höhere Jude muß sich selbst proklamieren zum Leidträger, zum unsichersten der Unsichern, zum Gehetztesten der Gehetzten! Er soll sein Leid nicht mehr unter wilden Zuckungen und lautem Klagegeschrei abzuwälzen versuchen, er soll es auf sich nehmen und tragen. Wenn er es trägt, stumm, im Hintergrund, ohne an Erleichterungen w c Assimilation und Eingliederung zu denken, wird er sich seelisch festigen und retten und wird auch noch im erbittersten Gegner einen Funken Achtung erwecken. Sagen Sie nicht: dieser Standpunkt sei ghettohaft, das gehe über Menschenkraft, nicht jeder eigne sich zum Märtyrer .... Ich möchte meine Anschauung auch gar nicht jedem aufzwingen .... Ich betone ausdrücklich: der höhere Jude .... Ich für meine Person weiß heute: mit dem Leid der Gnade entgegenzuleben, auf nichts anderes kommt es an." Dieser Wortreichtum wirkt geschwätzig, peinlich, literarisch und deshalb blasphemisch. Außer dem Dr. Jonas, dem komplizierten Edelmenschen, der nicht ohne leise Ironie vom Dichter behandelt wird, aber schließlich zu einer der Hauptfiguren des ganzen Romans sich auswächst, gespenstern zum Anschauungsunterricht über die „Judenfrage", wie sie der Verfasser auffaßt, noch ein paar höchst dunkle Judengestalten in dem Buch umher: der Groß- Schieber Leo Friwatt stammt aus Rumänien, aus dem Ghetto in Bukarest. „Schon mit 14 Jahren verdiente er als Geldwechsler in den Straßen seinen Unterhalt, wobei er eine Intelligenz offenbarte, die ihn in den Augen seiner Glaubensgenossen zum kaufmännischen Wunderkind stempelte. Kennzeichnend für sein äußeres Wesen war bereits damals eine kaltglühende Stille, eine geräuschlos-gleitende Besessenheit; er entwickelt sich in Berlin zu einer Koryphäe der Korruption mit einer pompösen Villa am Wannsee und einem Konzern von Fabriken, Stahlwerken und Kohlenzechen. „Bald saßen mehrere aktive Minister der großen republikanischen Parteien als Aufsiöhtsräte in seinem Unternehmen, bald befreundete er sich mit den Spitzen der Kommunalverwaltunff an; und bei alle-

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