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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-02-01 · 3 (1.2.1935) · p. Seite 46

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
3 (1.2.1935)
Date
1935-02-01
Page
Seite 46 (sequence 2)
Language
German
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46 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Diese Gefahr ist bei der Grundverschiedenheit der deutschen und hebräischen Sprache besonders groß; eine deutsche Ubersetzung muß nach Wortlaut, Satzstellung, Rhythmus deutsch bleiben. Stefan George, Mombert, Rilke sind die größten modernen deutschen Dichter; es sagt nichts gegen ihr großes Künstlertum, daß viele einfach und gerade denkende, auch gebildete Menschen Wortlaut und Sinn der Dichtungen von "George und Mombert, manchmal auch von Rilke nicht verstehen. Wer versteht das folgende Gedicht von Goethe, betitelt „Sprache", aus dem Jahre 1773? Was reich und arm! was stark und schwach! Ist reich vergrabener Urne Bauch? Ist stark das Schwert im Arsenal? Greif milde drein, und freundlich Glück Fließt Gottheit von dir aus! Faß an zum Siege Macht, das Schwert, Und über Nachbarn Ruhm. Und doch hat Goethe in diesen in sich geschlossenen sieben reimlosen Versen sein eigenes Sprachideal bekannt. Die ersten drei Verse geben eine geniale Theorie der Sprache. Die ietzten vier einen Leitfaden ihrer praktischen Anwendung. Diese kühne Würfelung der Worte in Goethes poetischem Programm der Sprache hat erst der größte heute lebende Goethe-Kenner, Konrad Burdach, 1926 restlos enträtselt. Für uns erhärtet der hier wiedergegebene klassische Goethe-Spruch nicht nur die These von den Gefahren seichter „Gemeinverständlichkeit" der Bibel, sondern führt uns mitten in die fast unüberwindlichen Klippen jeder deutschen Bibelübersetzung. Jene Verse Goethes besagen nämlich: Was heißt Reichtum oder Armut, Stärke oder Schwäche des sprachlichen Ausdrucks? Die absolute Reinheit und „Korrektheit" entzieht der Sprache Reichtum und Lebendigkeit, eine gar zu gefesselte Richtigkeit nimmt ihr Stärke und Mannheit; das ist die berühmte Sprachtheorie Hamanns. Goethe meint: die Sprache ist eine Urne mit Kostbarkeiten, in die der Dichter „milde", das heißt kräftig spendend hineingreifen soll. Das ganze Bild, nicht bloß die altertümliche Verwendung des Wortes „milde" stammt aus Luthers Bibel. Der Stoff — das ist der Sinn des Goethespruches — den der Dichter als dreingreiiender, fühlender, tastender Bildner gestaltet, ist der in der Sprache beschlossene Schatz; diese Sprache, der geistige Ausdruck vieler versunkener Jahrhunderte, darf keine vergrabene Urne werden. Der Dichter, der den Schatz der Sprache „milde" verteilt, ist erfüllt von Gottheit. Die große neue Lehre der genialen Ästhetik! So ist die klassische deutsche Sprache geworden! Ohne sich tief in ihre Geheimnisse zu versenken, wie es Buber und Rosenzweig getan haben, kann der größte Philologe und Theologe die Bibel nicht neu verdeutschen! Das ist von der deutschen Sprache aus gesagt. Vom hebräischen Original her gesehen wachsen die Schwierigkeiten. Denn eine Ubersetzung ist immer gleichzeitig auch ein Kommentar: Vierzehn Übersetzer aber machen den „Herausgeber", dem die Harmonisierungsarbeit obliegt, zum Märtyrer! Wir halten uns hier nur an den bereits fertigen Teil: das Fünf- Buch. An ihm kann sich der Übersetzer bewähren, denn es enthält außer den erzählenden Teilen höchst bunten Stoff, Gesetzestexte und vor allem eine solche Fülle von Lied und Sang, daß zu einer Neuschöpfung alle Register unserer Sprache gezogen werden müssen. Der Potsdamer Rabbiner Hermann Schreiber hat durchgehends geschmackvolle und höchst achtenswerte Arbeit getan; an welchen Stellen der die Einheit zu hütende Herausgeber Hand angelegt hat, ist natürlich nirgends ersichtlich. Für eine kommentarlose Laienbibel ist es von Bedeutung, daß schwer verständliche, nach streng wissenschaftlicher Auffassung überhaupt nicht mehr eindeutig erklärbare Stellen, schlicht und einfach nach dem Wortlaut oder dem wahrscheinlichsten Sinn übersetzt werden. Das ist in der neuen Ubersetzung überall geschehen. So heißt es (Genesis 6, 3) bei den „Gotteswesen" (B'ne-ho-elohim), als die Riesen, die Nephilim noch auf Erden hausten: „Da sprach der Ewige: Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben, dieweil er ja Fleisch ist; so sollen denn seine Lebenstage hundertzwanzig Jahre sein." Bei Bube r-Ros enzweig dieselbe Stelle in der letzten Fassung: ER sprach: Nicht niedre mein Geistbraus sich im Menschen für eine Weltzeit, dieweil er auch Fleisch ist, seien denn hundertzwanzig Jahre seine Tage. Die frühere Fassung Bubers laoitete: Nicht niedre sich mein Odem im Menschen/auf Dauer, dieweil er ja Fleisch ist, mag denn hundertundzwanzig Jahre sein Leben währen. In Exodus (2. Buch Mose) ist der Sinn einer Stelle (Ex. 1, 21), wo die hebräischen Hebammen den Befehl des Pharao erhalten, die neugeborenen Söhne der Hebräer zu töten, nicht mehr erkennbar: Schreib er-Torczyner übersetzt: Und es war: Weil die Geburtshelferinnen Gott fürchteten, schuf er ihnen Häuser. Buber-Rosenzweig: Nun wars, als die Geburtshelferinnen Gott gefürchtet hatten — er aber machte ihnen Häuser — Pharao gebot..... Die Kommentarlosigkeit läßt in beiden Fällen den verschieden ausgelegten Sinn und den ebenso verschieden übersetzten Wortlaut des von Buber-Rosenzweig in Parenthese gesetzten Satzes: „er aber machte ihnen Häuser" nicht erkennen. Überall nimmt bei Schreiber-Torczyner verzichtende Einfachheit des Ausdrucks gefangen. An unzähligen berühmten Beispielen aus der Thora ist ohne weiteres ersichtlich, daß in der neuen Bibel mehr auf HerkomiTien und Gemeinverständlichkeit als auf Deutlichmachung oder Auflösung der im Text steckenden Rätsel gesehen ist. Das 3. Buch (Leviticus) mit seinen Opfer- und Speisegesetzen bietet für jede Übersetzung schlechthin unübersteigbare Schranken. Das „Stiftszelt" (ohelmoed) selbst, das „Opfer" ((qorban), die „Hochgabe" (olah), das „Feueropfer zum Duft der Befriedigung" (ischeh-reachnichoach), die „Hinleitung" (Minchah). ferner die Priestergewänder oder gar die erlaubten und verbotenen Tiere (z.B. „Zugheuschreck , „Freßgrille", „Grasrenner", „Sprengsei" — bei Schreiber: die „Arbe-Heuschrecke", „Sol'am-Schrekke", „Hargol-Schrecke", „Hagab-Schrecke"), Listen unzähliger Unübersetzbarkeiten, werden nie eindeutig, ohne Willkür, kommentarlos in deutscher Sprache wiedergegeben werden können. Der Geist der neuen Übertragung, dem Mendelssohn'schen und Zunz'schen deutschen Bibelwerk am nächsten stehend, ist rückhaltlos anzuerkennen. Über die großen klassischen poetischen Partien (etwa: Jacobsegen, Schilfmeerlied, Bileamsprüche, Moses-Segen) läßt sich unendlich Vieles hin und her für die eine oder andere Worterklärung, noch mehr aber über den Rhythmus des zusammenhängenden poetischen Stückes sagen. Etwa der Rahmen-Psalm um den Moses-Segen im 5. Buch (Deut. 33, 1—5 und 33, 26—29): Viele Zeilen dieses Urtextes sind unmöglich zweifelsfrei aufzulösen. Man kann sich hier in der Tat von Buchstab zu Buchstab mühsam durchfinden, ohne eine der vielen, ja der Hunderte von möglichen Lösungen für befriedigend zu halten. Man vergleiche gerade für diesen Teil die beiden Fassungen in der ersten und zweiten Ausgabe von Buber-Rosenzweig! Wir wollen uns in das Gestrüpp von Einzelheiten, von wissenschaftlichen oder metrischen Fragen in diesen Blättern nicht verlieren. Torczyner hat selbst in einer ausführlichen Einleitung die Grundsätze und besonderen Aufgaben des von ihm geleiteten Gesamtwerkes geschildert. Es is ein überaus reizvolles Unternehmen, nebeneinander zu halten, wie hier und bei Buber die eigentliche Aufgabe, die Probleme neu zu stellen, nichts als gegeben hinzunehmen, gelöst sind: bei Torczyner in verzichtende* Hingabe an den Text in dem Bestreben etwas „Volkstümliches" zu geben, bei Bub er mit der Leidenschaft des Neugestalters und Sprachschöpfers, der „das Wort Gottes" wieder ganz neu wie am ersten Tag erstehen lassen will. Keine deutsche Bibel kann den Urtext ersetzen: erst neben dem Original gewinnen beide Verdeutschungen, jede für sich, ihre Eigenbedeutung als unentbehrliche eigenartige Kommentare. Das Eigenleben eines deutschen Bibeltextes ohne den hebräischen Klang, ohne die Rückverweisung auf das Urwort, bewirkt in jedem Fall, daß sich das in der heutigen deutschen Sprache Ausgedrückte noch in viel höherem Maße als der überlieferte (masoretische) hebräische

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