Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 1 (15.1.1935)
- Date
- 1935-01-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern fNr. 1 wie Klima, Bodenbeschaffenheit, geschichtliche Vorgänge das Leben der Menschen beeinflußt haben. Es bedeutet eine Bereicherung für die jüdische Schule, wenn sie an zwei Beispielen diesen Ablauf, dieses reziproke Verhältnis aufzeigen und .die Eigengesetzlichkeit und den Bios nachweisen kann. Naturwissenschaftliche und rechnerische Dinge gehören wohl mehr einem allgemeinen objektiven Bildungskreis an, so daß hier eine Einheit am leichtesten zu treffen ist. Und doch sollen wir uns darüber klar sein, daß wir in der jüdischen Schule besonders der Pflege des Naturverständnisses, des Natursinnes und des Verbundenseins mit der Natur uns hinzugeben haben. Und wir sollen uns davor hüten, etwa im Rechnen höhere Begabung anzunehmen. Konkrete und anschauliche Zahlenbegriffe erfordern hier größte Aufmerksamkeit. Je reifer und älter die Schulkinder in den oberen Klassen werden, um so meihr rücken sie an das Leben heran und da gilt es. in der Lebens- und Kulturkuaide sie vertraut zu machen mit den Fragen des Lebens, die heute besonders die Menschen beschäftigen. Aus den Urquellen und Urschriften der Kulturen, für deren Verständnis wir ihnen die Fähigkeit, das sprachliche Instrument und Einführung zu geben haben, sollen sie Einblick in die physiologisch-somatischen Bedingungen und Voraussetzungen gewinnen. Die Mannigfaltigkeit und Andersartigkeit sollen sie verstehen und werten und würdigen lernen und sie mit Achtung erfüllen für die fremden Werte und mit Liebe für die eigenen. Für die Hand des jüdischen Lehrers ist genügend an Lehrmitteln und wissenschaftlichen Handreichungen gesorgt. Jeder kann sich darnach umtun. Groß und schwer, aber um so wertvoller und befriedigender ist diese Arbeit in der Lebenskunde. Sie stellt an den Lehrer hohe Anforderungen. Für die künftige Berufswahl schafft sie die Voraussetzungen, wie sie dann in der Berufsschule, zu gestalten sein wird. Wir wollen diese Berufswahl normalisieren, d.h. wir wollen sie abhängig machen in erster Linie von der Eignung. Das ist in den vergangenen Zeiten so viel vernachlässigt worden. Bei der großen Zahl mittlerer Intelligenzen und Begabungen, die wir aufzuweisen haben, war der große Zudrang zu den geistigen Berufen schon immer ein Fehler, wenn man ihn auch historisch versteht. Damit ist es nun zu Ende und wir müssen unsere Jugend mehr zu Handwerk und Landwirtschaft führen, ohne nun in das entgegengesetzte Extrem zu verfallen. Schon ist es bedauerlicherweise so weit gekommen, daß für kaufmännische Lehr- und Angestelltenstellen nur sehr schwer jüdische Bewerber zu haben sind. Über die Notwendigkeit, geistigen Nachwuchs in bescheidenem Ausmaße heranzuziehen, haben wir schon oben gesprochen. Unsere jüdische Schule kann sich natürlich dem Drange der Jugend, am Aufbau Palästinas teilzunehmen, nicht entziehen. Sie muß mehr als je das lebendige Hebräisch pflegen. Die Voraussetzungen dafür schafft sie am besten in einer intensiven Pflege der hebräischen Quellenschriften, unserer Bibel. Daneben müssen Palästinakunde und -geographie eine besondere Stelle finden. Um dem gerecht werden zu können, müssen die jüdischen Lehrer diesen Dingen selber gewachsen sein. Wohin aber auch sich unsere jüdische Jugend wenden und wo sie ihr Leben gestalten wird, ob hier oder dort, so muß sie mit all diesen Gütern der Kultur, Schulung und Bildung in unseren eigenenSchulenin der Hauptsache vertraut gemacht werden. Unsere jüdischen Schulen und damit die Lehrerschaft sind vor gewaltige Aufgaben gestellt, die nur erfüllt werden können, wenn auch die jüdische Gemeinschaft alle Anstrengungen -macht, solche Schulen zu schaffen und den Lehrern eine Daseinsmöglichkeit gewährt, die ihnen eine volle Hingebung an ihren Beruf und an ihre Fortbildung gestattet. Dr. J. Bamberger. Rückblick auf die „Pädagogische Woche" des Philanfropins in Frankfurt a. M. Von A. Kannenmacher in Aub. Vor einigen Wochen fand eine „Pädagogische Woche" des Philantropins in Frankfurt a. M. statt. Jüdische Zeitungen aller Richtungen haben darüber eingehende Berichte gebracht. Auch in der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" wurde dieses Ereignis in einem Leitartikel gewürdigt. Die letzte Nummer der „Jüdischen Schulzeitung" vom 2. Januar 1935 bringt neben einem Bericht noch Spezialabhandlungen über ..Die pädagogische Wocjie des Philantropins und der deutsch-jüdische Lehrerstand" und „Der Sinn der pädagogischen Woche". Wir können also davon absehen, auch in unseren Mitteilungen" dazu das Wort zu ergreifen und bringen daher lediglich ein Stimmungsbild eines unserer bayerischen Teilnehmer. (Die Schriftleitung.) Wer nur einen kurzen Blick in das Programm der „Pädagogischen Woche" des Philantropins (siehe Sondernummer der „Jüdischen Schulzeitung") geworfen hat, könnte wohl der Meinung sein, daß diese Veranstaltung im allgemeinen den an Volks- und höheren Schulen auch in profanen Fächern tätigen und nicht den ausschließlichen Religionsleihrern gegolten habe. Einer solchen Stellungnahme will ich als einziger Religionslehrer aus Bayern, der die „Pädagogische Woche" besucht hat, aus voller Überzeugung entgegentreten. Ganz abgesehen von dem Erlebnismäßigen, das jeden Teilnehmer so außerordentlich gefangennahm, das uns so viel von der heute ja so notwendigen seelischen Kraft verlieh, und neue frische Impulse gab, berührte mich beispielsweise die Problematik des Deutsch- und Geschichtsunterrichts so sehr, daß ich solchen Unterrichtsproben, Referaten und Aussprachen keineswegs mit weniger Interesse beiwohnte, als den Arbeiten, die rein jüdische oder hebräische Stoffe behandelten. Wenn auch die französischen und englischen Lektionen begreiflicherweise nicht direkt im Dienste der jüdischen Idee standen, so zogen mich die darin angewandten Unterrichtsmethoden ganz in ihren Bann. Denn durch sie wurden eine so ungeheure Lebendigkeit des Unterrichts erzielt, wie ich sie allen unseren hebräischen Sprachstunden gern wünschen möchte. Als geradezu grundlegend, weil Gehör und Sprachgefühl in außerordentlichem Maße weckend und schulend, muß die auditive Methode betrachtet werden. Hier haben wir wiederum bestätigt gefunden, daß der von uns seit mehreren Jahren eingeschlagene Weg, als wir mit der sogenannten „Cheder"-Methode brachen, der richtige war, nämlich die Anfänger etwa ein Dreivierteljahr ausschließlich Hebräisch sprechen zu lassen, um erst am Ende des ersten Schuljahres mit Schreiben und Lesen im hebräischen Unterricht zu beginnen. Wenn ich mich nun zurückversetzt fühle in die Atmosphäre der so ungemein anregenden Jubiläumswoche, die man wohl als Arbeitswoche im besten Sinne des Wortes bezeichnen darf und in diesem Sinne einem großen Bedürfnis der jüdischen Lehrerwelt entgegengekommen ist, so darf ich wohl uneingeschränkt sagen, daß diese „Pädagogische Woche" wohlgelungen ist, ganz einerlei, ob das zurückzuführen ist auf die Auswahl des Stoffes,, das Lehrgeschick und die Lehrerpersönlichkeit der die Lektionen erteilenden Pädagogen oder die nachfolgenden Aussprachen, die ja durch den regen Meinungsaustausch auf hohem geistigen Niveau besonders wertvoll wurden. Nicht selten kommt man von Tagungen, Kursen usw. durch die Fülle, die rasche und unvermittelte Aufeinanderfolge der Vorträge vollgepfropft mit oft unverarbeitetem, der Übersicht ermangelnden Wissen, das auch auf diese Weise nicht die rechten Erkenntnisse zeitigen kann, nach Hause. Deshalb war es ein überaus guter und glücklicher Gedanke, jeweils vormittags von praktisch erfahrenen und gewandten Lehrern zeigen zu lassen, wie der Stoff heute unterrichtlich gestaltet werden muß und kann, um sodann am Nachmittag in ergiebigen Aussprachen den Kern des Problems herauszuschälen um in stofflicher und methodischer Hinsicht Klarheit zu gewinnen. An dem Streben des Philantropins, der Tagesforderung nach möglichst jüdischer Betontheit und Durchdringung nicht nur Rechnung zu tragen, ihr irgendwie gerecht zu werden, sondern sie zu meistern und hierin geradezu vorbildlich und richtunggebend zu wirken, darf trotz mancher Ressentiments in religiöser und jüdisch-politischer Beziehung nicht vorübergegangen werden. x Eine besondere Arbeitsgemeinschaft, die A.P.J. (Arbeitsgemeinschaft für Probleme des Judentums)* welche sich innerhalb der Oberklassen gebildet hat, setzt sich zum Ziele, jüdische Zeit- und Tagesfragen in besonderen Stunden zu behandeln. Herr Oberstudiendirektor Dr. Driesen, der diesen Zirkel leitete, führte uns in überaus interessanter und fesselnder Weise die Dreyfuß-Affäre in ihrem allgemein- und individuell-