Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1935
- Issue
- 1 (15.1.1935)
- Date
- 1935-01-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 3 psychologischen Ursprünge, ihrem ungeheuer dramatischen Verlaufe (als Selbsterlebnis während seiner Studienzeit -in Paris) vor und zeichnete sie in ihrer Bedeutung nicht allein für die französischen Juden, ja weit darüber hinaus für die Weltjudenheit. In diesem Zusammenhange möchte ich noch die gut gelungenen Darbietungen des ersten Abends erwähnen, welche die hervorragende musikalische Schulnug.im Dienste der jüdischen Idee verrieten und die Aufführung des von den Schülern selbst verfaßten Laienspiels „Saul", die sowohl sprachliches Können als auch schauspielerisches Talent zeigte. So rufe ich der pädagogischen „Wöchnerin", wie das Philantropin anläßlich seiner Jubiläumsveranstaltnug scherzhaft genannt wurde, freudig und begeistert zu: Cbasak we-emaz! Nicht minder ihrem rührigen geistvollen und tatkräftigen Leiter, Herrn Oberstudiendirektor Dr. Driesen, der sich in seiner geistigen Beweglichkeit als stets sprudelnder lebendiger Quell erwies, und nicht zuletzt seiner strebsamen Lehrerschaft. Mit Absicht habe ich das Trennende, die weltanschauliche Seite, unberührt gelassen. Wenn man vielleicht manchmal den Eindruck hatte, daß man sich krampfhaft bemühte, die innerlich seelische und organisatorische Umstellung zu erzwingen und daß hie und da der jüdische Geist aufoktroyiert wäre, so möge man zweierlei bedenken: Die wahre innere Umstellung so mancher Lehrer kann nur allmählich vor sich gehen, andererseits setzt sich ein großer Teil des Schülermaterials aus jüdisch-indifferenten Kreisen zusammen. Es wird sich erst im Laufe der Zeit erweisen müssen, ob eine Einheit überhaupt geschaffen werden kann. Alles in allem genommen, müssen wir das heiße Bemühen, das redliche Ringen um die Zeitfragen und ihre Beantwortung, um die Probleme, wie sie in das jüdische Schulleben, hineinspielen, ja mit elementarer Wucht an die jüdische Schultüre pochen, Einlaß und Auseinandersetzung fordern, als Zeichen des jüdischen Optimismus im Philantropin ansehen. Hier sind uns mehr als bloße Unterrichtsstunden geboten worden, hier wurde auch nicht aneinander vorbeigeredet und leeres Stroh gedroschen. Jeder Kollege war sich der Verantwortung bewußt, nicht etwa aus Lust am Kritisieren zu bemängeln, sondern anregend und fördernd durch sein Wort zu wirken. Es tat mir nur leid, daß ich nicht bis zum Ende der Woche verbleiben konnte. Ich fühlte mich nahezu herausgerissen aus diesem mir fast liebgewordenen Kreise, aus dieser geradezu wohltuenden Wärme, als ich am Donnerstag aus dem gastlichen Frankfurt abreisen mußte. Und als ich dann auf der Rückfahrt so allein im Eisenbahnabteil saß, als die Räder ratterten und die Landschaft an mir vorbeiflog, da erstand mir das ganze Bild des Erlebten in semer geschlossenen Einheit vor meinem seelischen Auge, und nun fühlte ich erst so recht, was* die „Pädagogische Woche" auch uns zurufen wollte: „Vor jedem steht ein Bild des, was er werden soll; solang er das nicht ist, ist nicht sein Friede voll." Vereinsmitteilungen 1. In den letzten Wochen sind uns die Kollegen Sigmund Pollack und Salonion Schwarzenberger in Bödigheim (Baden), früher in Kleineibstadt, durch den Tod entrissen worden. Pollack war Gründungs- und Ehrenmitglied des Vereins und Schwarzenberger zählte seit 1887 zu unseren Mitgliedern. Wir werden den treuen Freunden und Kollegen ein ehrendes Andenken bewahren.. 2. Neuzugänge. Dem Vereine sind als ordentliche Mitglieder beigetreten: Herbert Adler, Ermershausen; Arthur Antwort, Rülzheim; Ludwig Fleischmann, München; Joseph Gallinger, Uffenheim; Dr. Felix Gutmann, Würzburg; Julie Hellmann. München; Kalmann Oppenheimer, Ingolstadt; Paul Possenheimer, München; Fritz Levy, Rockenhausen; Julius Stolberg. München. 3. S t e 11 e n b e s e t z u n g e n. An die jüdische Volksschule . Aschaffenburg wurde der Lehrer Michael Berlinger in Hörstein berufen. Die Religionslehrerstelle in Ermershausen erhielt der Schulamtsbewerber Herbert Adler, die in Scheinfeld der Schulamtsbewerber Bernheim. Nach Hammelburg kam als Religionslehrer Hermann Mahlermann. 4. Mitgliedsbeiträge. Laut Verwaltungsbeschluß wurde der Jahresbeitrag für 1935 wie folgt festgesetzt: a) für aktive bayerische Mitglieder 15 RM.; b) für pensionierte bayerische Mitglieder 10 RM.; c) für aktive außerbayerische Mitglieder 12 RM.; d) für pensionierte außerbayerische Mitglieder 8 RM.; e) für außerordentliche Mitglieder 12 RM. In diesen Beiträgen sind die Leistungen für die Sterbefallhilfe und der Beitrag an den Reichsverband der Jüdischen Lehrervereine eingeschlossen. Junglehrer, die noch keine Anstellung haben, sind beitragsfrei. Junglehrer mit Anstellung haben bis zum 1. Januar des 5. Jahres nach Seminaratistritt die Hälfte des Beitrags zu entrichten. Nach § 12 der Satzungen ist der Mitgliedsbeitrag am 1. Januar fällig; er kann jedoch auch in zwei Raten, und zwar bis 15. Januar bezw. 15. Juli gezahlt werden. München, den 1. Januar 1935. M. R o s e n f e I d. M. A d 1 e r. Schulstatistisches. Einer Ubersicht zum Stande des Volksschulwesens in Bayern am Schlüsse des Schuljahres 1933/34 entnehmen wir. daß in Bayern 19 öffentliche jüdische Volksschulen bestehen und zwar in Oberbayern 1, in Niederbayern/Oberpfalz 2, in der Pfalz 3, in Oberfranken/Mittelfranken 2, in Unterfranken 9 und in Schwaben 2. Außerdem sind noch 4 private jüdische Volksschulen in Bayern vorhanden. Nach einer Aufstellung über den Besuchsstand der Lehrer¬ und Lehrerinnenbildungsanstalten im Schuljahre 1934/35 zählt die Israelitische Lehrerbildungsanstalt Würzburg in den sechs Klassen: 23, 6, 10, 12, 25 und 18, insgesamt 94 Schüler. Darunter sind 29 weibliche Zöglinge. Nach einer Mitteilung des Würzburger Nachrichtenblattes (Würzhurger Beiblatt der Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung) hat die Verwaltung der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg bei der Regierung von Unterfranken Antrag auf Angliederung einer Berufsfortbildungs schule für Mädchen an die bestehende jüdische Volksschule Würzburg gestellt. Diese Berufsfortbildungsschule soll bereits zu Beginn des neuen Schuljahres 1935/36 eröffnet werden. Neuordnung der Volksschullehrerbildung in Bayern. Mit Beginn des Schuljahres 1935/36 soll die bayerische Lehrerbildung der in fast allen deutschen Ländern angepaßt werden. Die Ausbildung des Volkssohullehrers erfolgt demgemäß an einer neunklassigen höheren Schule, bezw. an einer sechsklassigen Aufbauschule, die an die siebenklassige Volksschule anschließt (mit der Gleichberechtigung einer neunklassigen höheren Schule), und mit der Hochschulreife ausgestattet ist. Die Fachausbildung erfolgt in einem viersemestrigen Studium an der Hochschule für Lehrerbildung. Die bestehenden staatlichen und nichtstaatlichen Lehrerbildungsanstalten werden damit aufgehoben und in die neu zu errichtenden Aufbauschulen überführt. Sitzung des Reichsverbandes der Jüdischen Lehrervereine. Am 25. Dezember fand in Berlin eine Vorstands- und Ausschußsitzung des Reichsverbandes der Jüdischen Lehrerverbände statt, an der von Bayern die Kollegen Rosenfeld, Dr. Bamberger und Adler teilnahmen. In der sehr reichhaltigen Tagesordnung wurden u. a. behandelt: Die Lage des jüdischen Lehrers und der jüdischen Schule; die Lehrerbildung und Lehrerfortbildung; Unterrichtsprobleme der jüdischen Schule; Anstellungs- und Besoldungsverhältnisse; Jüdische Schulzeitung; Dr. Julius Höxter-Stiftung. Die bisherige Vorstandschaft, bestehend aus Dr. H. Stern (Berlin) als 1., Dr. Bamberger (Nürnberg) als 2. Vorsitzenden wurde wiedergewählt. An Stelle des zurückgetretenen Geschäftsführers Abraham (Berlin) wurde Schulleiter Reschke (Berlin), als Nachfolger des früheren Verbandsredakteurs Steinhardt Dr. Braun (Köln) berufen. In verschiedenen Entschließungen wurde u. a. die Stellungnahme der Lehrerschaft zur Lehrerbildungs- und Lehrerfortbildungsfrage, zu den Anstellungs- und Besoldungsverhältnissen, sowie zu der Frage der Einschränkung des Lehrernachwuchses zum Ausdruck gebracht Die vorgelegten Richtlinien für die Einrichtung von Leseheften für die jüdische Schule wurde einstimmig gutgeheißen.