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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1935-01-15 · 1 (15.1.1935) · p. Seite 1

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1935
Issue
1 (15.1.1935)
Date
1935-01-15
Page
Seite 1 (sequence 1)
Language
German
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ies Jütöften Setjrernereina für 6dpern Schriftleitung: Max Adler, München 1935 München, 15. Januar Nr. 1 Der jüdische Lehrer und die Wir stehen vor einschneidenden Veränderungen und Wandlungen in unseren jüdischen Schulen, von außen und von innen gesehen. Zunächst einmal vermehrt sich die Zahl der jüdischen Schulkinder in unseren Schulen von der Grundschule an und die Abwanderung nach dem 4. Schuljahre ist unbedeutend gegenüber früheren Jahren. Unsere Mittel- und Oberklassen werden einen normalen Stand an Schulkindern aufweisen. Für unsere Betrachtung kommen in erster Linie die Schulen in mittleren und Großgemeinden in Betracht und wir lassen vorläufig die vielleicht in 4—5 Jahren eintretende Minderung der Schülerzahl außer acht. Wir haben Zeit genug, über diese Erscheinung zu sprechen, wenn sie da ist, nach dem talmudischen Worte: Es hat Zeit, bis die Not da ist. Das hat nichts mit Sorglosigkeit oder Fahrlässigkeit zu tun. Gewisse Maßnahmen äuserer Natur werden auf diese Möglichkeit Rücksicht nehmen, nicht aber unsere geistige Einstellung. Durch unsere jüdischen Schulen werden in Zukunft ein großer Teil unserer Schuljugend hindurchgehen und sich hier nicht nur die Anfangsgründe, sondern vielfach die hauptsächlichsten Bildungs- und Schulungsgüter fürs Leben, aneignen müssen. Wir wollen hier gleich vorwegnehmen, daß wir trotz alledem der Meinung sind, daß Maßnahmen getroffen werden müssen, um uns einen Nachwuchs geistiger Führer zu sichern. Eine Auswahl der besten geistigen Schulkinder muß vorgenommen werden, um sie einer vertieften Bildung zuzuführen. Hier darf kein Gehenlassen der Dinge geduldet werden. Dieses Bewußtsein, daß unsere Schulen jetzt eine solche Bedeutung und Ausdehnung ihrer Kinderzahl erfahren, muß dazu führen, unseren Aufgabenkreis, unsere Verantwortung zu überprüfen und entsprechende Maßnahmen nach außen und innen zu treffen, d.h.. die Dinge der äußeren Ordnung und die geistigen Angelegenheiten neu zu gestalten. Unsere Kinder verbringen jetzt einen großen Teil ihrer Schulzeit in der jüdischen Schule. Sorgen wir dafür, daß diese Räume behaglich gestaltet werden. Die Kinder sollen sich wohl fühlen schon rein äußerlich. Diese Dinge wirken dann auch nach innen. Wir sollen nicht nur zweckmäßige Räume schaffen, sondern sie sollen auch ästhetisch wohltuend wirken. Schulschmuck ist dringend nötig. Das sei dem Lehrer eine dringende Angelegenheit. Es gibt glücklicherweise genügend Material, um in dieser Richtung zu wirken. Engherzigkeit darf hier gewiß nicht geübt werden. Gute Reproduktionen aus allen Kreisen und Lebenssphären, Blumenschmuck, naturwissenschaftliches Anschauungsmaterial, kleine und große Karten, all das ist zu benutzen, lebendig zu gestalten. Sie sollen nicht nur schön zum Ansehen sein, sondern sie müssen in den Kindern lebendig werden in gemeinsamen Betrachtungen, Beobachtungen und Besprechungen — „gut zum Genießen". Das gilt für alle Schulräume und nicht zuletzt auch für unsere Turnhallen, die in jeder Art der körperlichen Ertüchtigung und Erziehung zum Schönen dienen sollen. Man unterschätze solche Äußerlichkeiten nicht. Unsere Alten haben schpn mit Recht hohen Wert darauf gelegt, den Kindern schöne und saubere Bücher in die Hand zu geben. Und diese Forderungen sind nicht überflüssig geworden. Sie sind noch vielfach auch nicht annähernd erfüllt und wir haben sie deshalb vorweggeschickt, damit sie zunächst einmal unseren Lehrern aufs neue klar werden sollen in ihrer Bedeutung. Sieh freilich nicht nur auf den Krug, sondern weit mehr auf seinen Inhalt. Der Bildungs- und Schulungsgüter sind zwar viele und mannigfaltige, die harmonisch alle geistigen und körperlichen Kräfte zur Entfaltung bringen sollen. Zunächst haben wir abzusehen von dem Gedanken, daß unsere Schulen schon frühzeitig an die künftige Berufswahl zu denken hätten. Im Vordergrund steht die Forderung, daß unsere Kinder zunächst einmal in das Bildungs- und Kulturgut ihres Kreises hineingestellt und damit erfüllt werden sollen. Und diese Kultur- und Bildungsgüter entstehen für jedes Zeitalter und da-. jüdische Schule mit für jeden Menschen aus vielen Strömen, die in einem Punkte zusammenströmen und die Persönlichkeit individuell bilden. Bei uns Juden ist das immer eine besonders schwere Aufgabe gewesen und damit auch für die Schule. Es kann und darf kein Nebeneinander geben, nur ein Ineinanderwirken der geistigen Strömungen der Kultur. Zu diesem Zwecke beginnen wir mit dem ungefächerten Unterricht, dem Gesamtunterricht, der sich nach dem Leben der Zeit und dem geistigen Stande des Kindes, seinen Umweltserlebnissen und ihrer geistigen Verarbeitung im Kinde selber zu orientieren hat, freies Gestalten und dann erst Differenzieren. Der Nachahmungstrieb des Kindes gegenüber all dem Leben seiner Umgebung führt sowohl zum Bedürfnis des Sprechens als auch des zeichnerischen Darstellens und körperlichen Gestaltens. Und unsere jüdischen Kinder sehen und hören all das Leben der ganzen Umgebung und im besonderen ihrer jüdischen Gemeinschaft. Beides ist also von vorneherein zu berücksichtigen und zu pflegen. In den jüdischen Schulen leben sie im bürgerlichen Jahre, sie verbinden damit das Leben des jüdischen Jahres mit seinen Sabbat- und Festtagen, seinen heiteren und ernsten Tagen. Wie gerne beteiligen sie sich an den Charaukahfeiern u. a. Wir beginnen mit dem Sprechen und Nacherzählen, mit dem Zeichnen und körperlichen Nachbilden des Gesprochenen. Das gilt für beide Lebenskreise und so fließen sie zusammen und bilden die harmonische Persönlichkeit, die sich dieses doppeltseitigen Lebens bewußt wird. Und dann steigen wir auf und kommen zur Differenzierung, die aber nie zu einer seelischen Spaltung führen kann, wenn die Einheit im Bewußtsein von vorneherein seelisch gestaltet worden ist. Ein Nacheinander in der Pflege dieser Bewußtseinselemente, wie es oft aus praktischen Gründen gefordert wird, kann den einheitlichen Ablauf dieses seelischen Prozesses stören und zu falschen Werturteilen führen. Es ist eine schwere Aufgabe für den Lehrer und Erzieher. Sie erfordert neben einer souveränen Beherrschung des sprachlichen Stoffes, besonders im Hebräischen, viel Takt und Feingefühl, um de.r Pflege dieser verschiedenen Strömungen, die des Kindes künftige Kulturhaltung gestalten sollen, gerecht zu werden. Wir denken dabei auch an die verschiedenen Auffassungen im jüdischen Leben selber. Wird sind alle Mitglieder des jüdischen Volkes. Das wird um so mehr der Fall sein müssen auf den Mittel- und Oberstufen, die auf beiden Seiten einander auf innerlich entgegengesetzten ethischen Wertgebieten sich begegnen und nun gegenseitig kritisch abgewogen werden müssen. Es ist nicht so, als ob nun alles nivelliert und nur einseitig dem einen Kulturkreis unterworfen, oder angepaßt werden sollte. Wir lassen beide in ihrer Echtheit wirken als Werte und diese Werte formen gemeinsam die Persönlichkeit. Es ist schwer, da bildend zu wirken, da man gestaltend und schöpferisch nicht teilnehmen und nur nebenhergehen kann. Doch gerade die Arbeit in unserer jüdischen Schule gibt uns die Möglichkeit, eine schöpferische Mitarbeit in der Auswertung und Pflege des Bildungsgutes unserer Umwelt zu vollziehen, abgesehen davon, daß uns solches Schaffen amtlich Pflicht ist. Wir lassen wohl das deutsche Kulturgut deutsch sein und einströmen in die Seele des jüdischen Kindes, doch lebt hier auch die jüdische Welt und ein Geben und Nehmen, ein Anregen und Befruchten geht friedlich herüber und hinüber. In den historischen Fächern leben beide Lebensgebiete beieinander. Es ist gar nicht so einfach, sie etwa generell nebeneinander oder miteinander zu behandeln. Sie haben beide ihr Eigenleben. Wir müssen aber andererseits ihr Verquicktsein aufzeigen und verstehen, wie sie sich oft befruchtet haben und sei es auch nur in innerer Abwehr gegeneinander, auf daß sie nebeneinander bestehen konnten, wenn das eine das andere in seinem Leben beengte. Geographische Bildung in ihrem tiefsten Werte muß zeigen,

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