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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-01-15 · 2 (15.1.1935) · p. Seite 24

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
2 (15.1.1935)
Date
1935-01-15
Page
Seite 24 (sequence 4)
Language
German
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24 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 verdächtig vorkommen. Man durfte nur nicht wissen, daß er gestohlen war. Ein offenbares Mißverständnis Liebers muß vorliegen, wenn er der Auffassung ist, ich sähe in dem Zeitpunkt der Austreibung {Tod Kaiser Maximilians) eine besondere Bestätigung meiner Meinung, daß die Kaiser aus finanzpolitischen Erwägungen und nicht aus Gründen der Reichsreform (wie Straus annimmt) die ftegensburger Judengemeinde gestützt habe. Es müßte eher Straus darin eine Bestätigung für sein Argument sehen. Ein weiteres Mißverständnis ist, wenn Lieber (nach Straus) schreibt, <Iaß die Juden* nach ihren eigenen Angaben „nur 10 Prozent ihres Handels in Regensburg selbst betrieben". Die Juden haben (nach eigenen Angaben) nur den 10. Teil ihrer zum eigenen Bedarf notwendigen Lebensmittel in Regensburg besorgt (S. 44). Die wenigen Zeilen, die Lieber dem übrigen Teil meines Buches widmet, würden in mehreren Punkten einer Richtigstellung bedürfen. Es möge aber genügen, die Mißverständnisse Liebers im umfassenden wirtschaftsgeschichtlichen Teil seiner Besprechung zu kennzeichnen, da er dort doch als Fachmann spricht oder sprechen wollte. Dr. Wilhelm Grau. Matthias Gaudi audius (gestorben 21. Januar 1815) Zu der neuen Claudius-Biographie von Urban Roedl. Hinter dem Decknamen „Urban R o e d 1", der für das neue Claudius-Buch des Kurt Wolff Verlages zeichnet, steckt ein Anagramm, das den verdienstvollen Herausgeber der besten deutschen Claudius-Ausgabe (Verlag Erich Liohtenstein, Weimar) bezeichnet. Mit diesem Doktor Lichtenstein, der jetzt die Jüdische Buchgemeinschaft betreut, sprach ich unlängst über diesen Dichter und er erzählte mir, daß ihn unlängst Arno Nadel besuchte und der größere Teil ihrer Unterhaltung sich um Matthias Claudius drehte. Nadel habe Verse von Claudius schlicht und kunstlos aufgesagt — und das habe ihn mehr ergriffen als die kunstvolle Rezitation Ludwig Hardts, den er mehrmals Claudius sprechen gehört hätte. Wir kamen noch auf einen vierten Juden zu sprechen, der in der Gegenwart die Erinnerung an Claudius wach gehalten habe, den einstigen Herausgeber der „Fackel", Karl Kraus. Die Sympathie beruht auf Gegenseitigkeit. In Claudius' „Zwei Rezensionen in Sachen der Herren Lessing, M. Mendelssohn und Jacobi" heißt es: „Und ich habe Lessing auch gekannt. Ich will nicht sagen, daß er mein Freund gewesen sei; aber ich war der seine. Und ob ich gleich sein credo nicht annehmen kann; so halte ich doch seinen Kopf hoch. Herrn Mendelssohns Bekanntschaft ist mir nicht beschieden gewesen. Aber ich habe ihn als einen hellen forschenden Mann mit vielen geachtet; und als Juden habe ich, wie man sagt, ein tendre für ihn, um seiner großen Väter und um meiner Religion wil- 1 e n." Diese Worte sollen uns Claudius und das Buch von Roedl nicht erst „vertraulich machen". Nichts wäre verkehrter, als wenn wir bei außerjüdischen Kunstwerken krampfhaft nach ihrer Beziehung zum Jüdischen suchen, zum mindesten nicht Der Schwarze in der Zucker-Plantage . Von Matthias Claudius (1740—1815) Weit von meinem Vaterlande Muß ich hier verschmachten und vergehn, Ohne Trost, in Müh und Schande; Ohhh die weißen Männer! klug und schön! Und ich hab den Männern ohn Erbarmen Nichts getan. X>u im Himmel! hilf mir armen Schwarzen Mann! MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII in unserer privaten Sphäre (mit der öffentlichen Kulturbetätigung verhält es sich um eine Nuance anders). Der neue Darsteller von Claudius' Wesen und Weg verdient auch für seine Leistung an sich die Aufmerksamkeit und den Beifall aller Kulturmenschen. Er läßt uns neue Züge im Antlitz des Wandsbecker Boten entdecken, des volkhaften, landschaftsverbundenen Sohnes, Enkels und Urenkels protestantischer Pfarrer, des eigentlichen Gegenspielers des Klassizismus von Weimar, der sich für die Menschenrechte begeisterte, sich als Friedensfreund bekannte und — horrible dictu — sich als Freimaurer betätigte. Dieser Konservative war so liberal, wie man es heute nennen würde, daß der Rationalist Lessing und der Mystiker Hamann beide in seines Herzens Nähe wohnen konnten. Die Aufklärung des 18. Jahrhunderts kam an ihn heran wie aufklärerische Strömungen des 20. Jahrhunderts an uns. Aber des Asmus tiefe Deutschheit nahm daran keinen Schaden. Er prüfte unvoreingenommen, was am Neuen gut war, ja er brauchte gar nicht erst zu prüfen, denn es glitt von ihm ab, was vor seiner gefestigten Weltanschauung nicht standhielt. Und. Weltanschauung war für Claudius etwas, was sich denkerischem Überlegen entzog, etwas dem Gemüt benachbartes, eine gelebte Frömmigkeit, die seines Wesens Kern war. Die katholische Kirche schuf mit der Neuscholastik, die das seit dem Mittelalter veränderte Weltbild mit ihrem Lehrgebäude in Einklang zu bringen bemüht war, etwas Ähnliches im Reiche der Gedanken, was Claudius durch sein Dasein gestalthaft erfüllte. Roedl hat für sein Buch eine ansprechende, dem Dichter angemessene Form gefunden, durch die das vertraute Bild, das wir von Claudius haben, nicht überdeckt wird. Die kindhafte Natur dieses Mannes kommt nicht zu kurz, sein patriarchalisches Wirken, die Ehe mit seinem Bauernmädchen Rebekka, das so an ihm wuchs, daß es ihn als Briefschreiberin würdig vertreten konnte. So schreibt Rebekka Claudius einmal an Ernestine Voss über David Mendel, den späteren berühmten protestantischen Theologieprofessor August Neander: „Uberbringer dieses Briefes ist der Herr Mendel aus Hamburg, der gerne Vossens Bekanntschaft als Gelehrter machen will, und von dem ich mit gutem Gewissen sagen kann, daß er wert ist, unier die Zahl der jungen Leute gerechnet zu werden, die das Hausrecht bei Euch haben. Er ist in mehr als einer Beziehung selten, auch darin, daß er sich aus wirklicher, wahrer Uberzeugung hat taufen lassen." Besonders reizvoll wird das Buch dadurch, daß sich im Leben des Matthias Claudius jenes Zeitalter spiegelt, in dem der deutsche Geist sich entfaltete und Weltgeltung gewann. Das Leben eines homme de lettre zieht an uns vorüber, der das Gegenteil dessen ist, was man unter einem Literaten versteht. Einer, der zwischen Leben und Schreiben keinen Unterschied macht und darum der erste Zeitungsschreiber wird, der seinem Blatt das eigenste Gepräge aufdrückt, vorbildlich auch darin, daß er die schwierigsten Dinge allgemeinverständlich zu erklären vermag. Das deutsche Geistesleben in Dänemark wird großzügig vor uns ausgebreitet und kleine Genrebilder fehlen nicht als Schmuck wie die Anerkennung, die ein Gutsherr dem Dichter dadurch zollt, daß er ihm gestattet, jederzeit aus seinem Schloßteidh einen Karpfen zu holen. Das persönliche Verhältnis zwischen dem Dichter und seinen Lesern wird dar-

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