Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 2 (15.1.1935)
- Date
- 1935-01-15
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Bayerische israelitische Gemeindezeituhg liegen, daß ihr einstmals unter ganz anderen Bedingungen in Europa gelebt habt. Es sollen euch gewiß nicht trübe Gedanken begleiten. Einer Aufgabe kann man nur dann ganz gerecht werden, wenn man freudig und unbeschwert sich ihr widmet. Vielleicht ist es ein Abschied fürs Leben, vielleicht werden wir einstmals nachkommen können, wir Älteren, die für dieses Ideal gekämpft haben, und die wir doch nicht mehr die körperliche Kraft besitzen, um selbst Bauern zu werden. Zwischen dir und uns liegen nun viele Tagereisen. Aber die Welt ist für uns Juden in den letzten Jahren recht klein geworden. Überall sind wir auf dem Erdball zerstreut, und Menschen, die gewohnt waren, täglich und stündlich beieinander zu sein, sind jetzt durch Tausende von Meilen auseinandergerissen. Aber was dich mit uns über Raum und Zeit verbinden wird, ist das Bewußtsein, das Ideal helfen zu können, in die Wirklichkeit umzusetzen, für das wir dich erzogen haben. Ich weiß, daß du in diesem Augenblick vielleicht auch nicht ganz wehmütige Gedanken wirst miterdrücken können. Aber wir sind stolz auf dich, daß du diesen Weg gegangen bist. Wie oft hört man doch noch von törichten Menschen, von törichten Juden, die den Geist der Zeit nicht verstanden haben, daß nur diejenigen nach Erez Jijsrael herübergehen sollen, die her übergehen müssen. Nein, das ist grundfalsch! Nur der, der, ohne es zu müssen, aus vollem Bewußtsein der Aufgabe, die er freiwillig übernommen hat, diesen Weg geht, wird der wirkliche Erwecker des Landes sein. Auch du hättest weiter die Schule besuchen und allmählich dir irgendwo ein bescheidenes Plätzchen im Gallith sichern, mindestens aber die Entscheidung auf Jahre hinauszögern können. Du bist den Weg der Entscheidung bewußt gegangen. Ich habe ihn dir freigestellt, ich bin froh und glücklich, daß du scheinbare Bequemlichkeiten hinter dir gelassen hast, um in harter Arbeit, aber in körperlicher und seelischer Freiheit dir ein neues Leben zu erkämpfen. Der Gedanke, daß wir hinter dir stehen, auch dort, wo wir nicht bei dir sein können, er wird dir den Weg erleichtern. Unsere Verbundenheit kann nicht durch körperliche und räumliche Trennung jemals aufgehoben werden. Nun gehe hin und werde ein wahrhafter Arbeiter! Studienrat a. D. Dr. Willy Cohn. VVirtschaffsantisemitism Zu einer Buchkritik in der „Bayern In der „Bayerischen Israelitischen Gemeindezeitung" vom 1. November 1934 (Nr. 21) hat ein jüdischer Wirtschaftshistoriker Namens Lieber den wirtschaftsgeschichtlichen Teil meines Buches „Antisemitismus im späten Mittelalter — das Ende der Regensburger Judengemeinde 1450 —151 9", das vor kurzem im Verlag Dimcker u. Humblot, München, erschienen ist, einer eingehenden Würdigung unterzogen. Jeder Gegeneinwand ist mir im besonderen Gegenstand sorgfältigster Prüfung. Die Kritik Liebers bietet mir dazu leider keinen Anlaß, sondern sie fordert mich heraus, gegen Entstellungen wichtigster Thesen meines Budhes öffentlich Stellung zu nehmen. Lieber schreibt: „Grau kommt es jedoch darauf an, seine These zu beweisen, daß die Juden die Schuld an den städtischen Nöten und den Konflikten der Stadt mit den Juden trugen." Volle sieben Seiten (Seite 23—30) meines Buches sind ausschließlich der Darlegung gewidmet, welche anderen Ursachen neben dem jüdischen Wirtschaftsgebaren zur Niedergangsentwicklung der Stadt Regensburg maßgebend waren und die Judenfrage— soweit sie wirtschaftlich eine Rolle spielte — wird als ei unsoziales Problem erkannt, nicht als das soziale Problem (S. 24). Nach eingehender Schilderung des jüdischen Wirtschaftsgebarens heißt es dann auf Seite 55: „Wir brauchen es nicht mehr besonders auszusprechen, daß der Jude nicht in dem Maße an dem Niedergang der Stadt beteiligt war, wie es der christliche Bürger wahr 'haben wollte. Ebensowenig ist es aber notwendig, nach der Schilderung des gesamten jüdischen Wirtschaftsgebarens ausdrücklich noch festzustellen, daß der Jude in der Tat zur allgemeinen Wirtschaftsnot der christlichen Stadt einen respektablen Beitrag leistete." (Lieber behauptet freilich unbeschwert jedes Beleges, die Juden hätten dabei nur eine sehr nebensächliche Rolle gespielt.) — „Der Jude war nicht die Kausalursache für das Entstehen dieser Not. Er war ein Element, freilich ein starkes, das zur Unordnung der Wirtsdhaft und damit zur Beeinträchtigung des Erwerbslebens der christlichen Bürgerschaft beigetragen hat. Der Glaube der christlichen Stadt, der im Juden den Schuldigen, auch den subjektiv Schuldigen, für alles Elend und Unglück überhaupt sehen wollte, ist objektiv irrig." s im späten Mittelalter tien Israelitischen Gemeindezeituim" Wenn ich die Abdrängung der Juden u. a. auch als einen Ausweg zur Lösung: eines brennenden sozialwirtschartlichen Existenzproblems beurteile (S. 56), so ist das keine „populäre Tagestendenz", von der ich mich nach Lieber nicht frei gehalten habe, sondern eine klare wissenschaftliche Erkenntnis, die der Jude Lieber freilich erst für wahr halten wird, wenn ich ihm sage, daß auch Raphael Straus in seiner vom jüdischen Standpunkt aus geschriebenen Arbeit ebenso urteilt: „Daraus ergibt sich . . . , daß für christliche und jüdische Kaufleute zugleich die Stadt nicht genug Lebensraum bot. Von dieser Grundlage aus war die Evakuierung der Juden eine zwar grausame, aber naheliegende Maßnahme." (Straus, .die Judengemeinde Regensburg im ausgehenden Mittelalter, Seite 79.) Daß auch Straus den jüdischen Warenhandel als illegal, daher als wirtschaftsstörend anerkennt, geht z.B. aus Seite 95. 132 und 142 seines Werkes hervor. Lieber nimmt nun mit Straus an, daß allein die wirtschaftlichen Umstände die Juden zu diesem ungesetzlichen Wirtschaftsgebaren trieben, während ich neben den rein wirtschaftlichen Gründen auch solche ideologischer Art feststellen zu müssen glaubte. Lieber unterschiebt mir nun wieder, daß ich von einer „neuen Wirtschaftsgesinnung" spreche, die die Juden zur Sprengung der hergebrachten Formen der mittelalterlichen Stadtwirtschaft veranlaßt hat. Das gerade Gegenteil beschreibe ich aber auf Seite 45—49, wo ich ausdrücklich sogar feststelle, daß für der Juden Wirtschaftsgesinnung die damalige Renaissanceentwicklung gar nicht notwendig war. Gerade die alte mittelalterliche Talmudgläubigkeit hielt ich für den bestimmenden Faktor. Was nun meine These über den jüdischen Ursprung des Warenhauses betrifft, so bin ich gerade in diesem Punkte offen für jeden ernsten Gegeneinwand und für jeden Beitrag eines neuen Gesichtspunktes. Ich sage ja Seite 52 selbst: ,Das Regensburger Beispiel allein bietet freilich noch nicht genügend Anhaltspunkte, um nach jeder Hinsicht diese These im einzelnen schon belegen zu können. Es wäre notwendig, unter den hier aufgestellten Gesichtspunkten das jüdische Wirtschaftsleben in Gesamteuropa im Zeitalter des Frühkapitalismus durch Einzelstudien zu erfassen." Die von Lieber angeführ Gegenargumente freilich bieten mir keinen neuen Anhaltspunk ( und ich habe sie schon gekannt, als ich den diesbezügliche i