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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-01-01 · 1 (1.1.1935) · p. Seite 5

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
1 (1.1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 5 Und der Wächter schwor ihmbei.:einem heiligen Gegenstand, daß er wie das Grab schweigen würde und nicht einmal einen kleinen Wink äußern wird, und da würde Menasche Chajim ihm willfährig .und breitete seine Rede vor ihm aus und erzählte ihm diese ganze Geschichte, wie, der Allmächtige viel Bitteres über-ihn verhängt hat, und wie er nach dem Rat seiner Frau ging, und wie er den Empfehlungsbrief vom Rabbi' der' Stadt nahm, und wie er rings im Lände umherzog und ein wenig Geld sammelte, und nach Jahren, als er sein Herz daran setzte, sein Haus zu besuchen, ließ ihn das böse Geschick . einen Schnorrer treffen, und er überredete ihn zu sündhaftem Tun, und er verkaufte ihm die Empfehlung für volles'Geld, und sein Sinn war, zu dem Markttag in Laschkowitz' zu reisen und Geschäfte zu machen, bevor, er nach Hause zürückkehren würde; aber.dort trank er bis zur Betrunkenheit, ,und er ging wieder rings an den Türen umher, und nach vielen und vielen Tagen kehrte er nach Hause zurück, und hörte, daß er unter die Toten gerechnet wurde, und seine Frau war eines anderen Mannes geworden und sah ein Leben der Wonne und weil er, Menasche Chajim,-ein Priester ist und sie ihm verboten ist — kehrte er um, wie er. gekommen war, um nicht den Frieden ihres Hauses zu stören, und er erneuerte sein Wandern wie früher und war ein Wanderer zwischen Lebenden und Toten, und er hatte keine Ruhe mehr, nicht in dieser Welt, und auch in der Welt der Wahrheit hoffte er nicht mehr auf Ruhe. . "7^. * % - ,* **" k S. I. Agnon geb. 1888 Menasche Chajim wollte noch mehr sagen, aber er begann, über die Schande seiner Tat und die Trauer der Hölle zu grübeln, und die Rede tat sich von ihm ab. Es dauerte nicht lange, da stärkte, er sich ein) bißchen und tat seine Hand in die Tasche und stöberte dort eine Weile, um dort Schnupftabak zu finden, der bei einem Gespräch den Sinn des Menschen weit macht. Aber umsonst suchte er dort, denn seit dem Tage, da er von Buczacz mit Schmerzen der Seele und Herzweh , umgekehrt war, hatte er dem Genuß des Tabaks entsagt, und ohne ihn war es ihm schwer, viel zu reden und das Gespräch fortzusetzen. Aber als er sah, daß der Wächter Gott behüte fast ins Murren kam gegen den Ratschluß des Heiligen (er sei gelobt), da begann er von neuem: „Wahr haben die Weisen gesprochen: Alles, was in dieser Welt geschaffen ist, steigt zum Scheol herab. Aber fern sei es, sich gegen Gottes Ratschluß aufzulehnen), wie es der heilige Schelo schrieb: Wisset meine Kinder, daß die Schlüssel in die Hände des Menschen überliefert sind, und darin ist ein verborgenes Geheimnis, denn wahrhaftig, gegeben, gegeben sind sie in die Hände des Menschen, die äußeren Schlüssel und die inneren Schlüssel! Und schön haben unsere Weisen seligen Angedenkens im Midrasch gesagt: „Heil dem Menschen, der seiner Versuchung standhält. Denn e& gibt keinen Menschen, den der Heilige (gelobt sei er) nicht versucht. Er versucht den Reichen usw., und er versucht den Armen, ob er standhalten kann und Leiden auf sich nehmen." Menasche Chajim hörte zu reden auf, und' beide verstanden, wer die Frau >var, die gekommen war, einen Grabstein für Menasche Chajim aufstellen zu lassen. Und von nun an und weiter sprach Menasche Chajim kein Wort mehr, sondern stärkte nur mit dem Überbleibsel seiner Kraft sein Herz in Gott. Und manchmal verließ er seinen Platz und ging an den Zaun des Friedhofs, um von ferne das Grab dieses Schnorrers,' des vermeinten Menasche Chajim, zu sehen. Dieser ist es, .der ihn zu süridigem Tüh verführte, dieser, derihm sein Weib genommen, und seinen Namen für ewig aus Israel getilgt hat. Und Menasche Chajim dachte, wie leicht es möglich wäre, daß die Gej schichte nicht geschehen wäre. Aber alsbald dachte er daran, daß das, was geschehen ist, geschehen ist; und er zwang sein Seufzen mit einem leisen Lachen und sang sich mit seiner heir seren Stimme einen Vers aus den. Psalmem „Du führst den Menschen bis zur Zermalmung und sprichst: „Kehrt zurück, ihr Menschenkinder." Und von Tag zu Tag ging sein Körper immer mehr zu Ende, bis seine Seele erlosch. Und der Wächter, der in der Geschichte Bescheid wußte, die wir oben erzählt haben, verstand es, den Grabstein für den aufzustellen, der seiner würdig war, und gab Namen und Andenken in Israel Menasche Chajim, dem Priester, der dahinging ohne Kinder. Und als der bestimmte Tag kam, da stand Kreindel Tscharne auf Menasche Chajims Grab, und ihre Tränen fielen auf seine Asche. ' Seine Seele sei gebunden in das Bündel des Lebens! Die ganze Erzählung bekommt ihren Glanz erst durch die hebräische Sprache. Eine geschlossene jüdische Welt, eine in die Gegenwart hineingestellte, nie wiederkehrende oder zurückwünschbare Vergangenheit taucht wie ein selig-wehes Erinnerungsbild auf. Die herbe Schönheit, ja Erhabenheit der Dichtung bei allem Niedrigen, das hier unnachahmlich beschrieben wird, ist nur spürbar durch das Medium des hebräischen Lautes, und zwar gerade dieses hebräischen archaischen Stils; hier wird fast nur in Zitaten und in den Gedankengängen der Vergangenheit gedacht. Und doch ersteht ein Neues Ganzes von eigentümlichem Feuer. In den alten deutschen Volkssagen in den Nachdichtungen von Simrock, Musäus, Görres wird so erzählt. Das Kleine ist hier ebenso wenig klein wie für diese Kleinen das Große groß ist. Es geht eine alles überwindende ewige Güte, die nicht wäre, wenn das abgründig Schlechte, Verworfene nicht daneben stände, durch diese Welt; und Gutes und Böses ist gerecht über den kleinen und großen Dingen verstreut. Es gibt im Wichtigen und Wesentlichen keine Ungerechtigkeit in diesem Umkreis auf der ganzen Erde. Denn das Verwirrende und Auflösende der „modernen" Zeit ist nicht bis zu diesen kleinen Leuten in Galizien gedrungen, die sich auch den lieben Gott mit Schläfenlöckchen und Kaftan und Zitaten aus dem Scheloo vorstellen. Der Einbruch der großen Welt, des „derech-erez", müßte diese Menschen vernichten. Nur Einzelne können sich retten, können sich in ihrem Denken und Arbeiten ohne inneren Bruch mit der Vergangenheit den guten Kern erhalten. Dazu, zu diesen Einzelnen, gehört unser Dichter Agnon. Die allgemeine Auflösung durch „ratio" und „Welt", der Gang von Galizien nach dem Westen, wirkt gleichsam nicht auf seine Arbeit ein, steigert, entwickelt sie. Die Herauslösung aus seiner alten Atmosphäre, das Bewußtwerden des Abgrunds zwischen ihr und dem Neuen hat die dichterischen Gaben Agnons entbunden; er wurde verwandelt. Rilke sagt einmal: „Es wird immer schwe- MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII

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