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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-01-01 · 1 (1.1.1935) · p. Seite 4

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
1 (1.1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr..l turig ist nur eitel, und die iTore ,der Hoffnung sind gesperrt, ich werde. nur ihre Ruhe stören, und mir bringe ich keinen Segen."; Chajim überwindet sich, nimmt unerkannt seine Wanderungen wieder auf, nächtigt in der Nähe von Schuppen und Friedhöfen. „Wenn Menasche Chajim, in eine Stadt kam, so ging er auf den Friedhof, ein paar Ellen weit von den Gräbern entfernt, dort, wo den Priestern zu gehen erlaubt ist, und in einer der Ecken bettete er sich sein Lager zwischen Trümmern von Grabsteinen. Und selbst dort lag er mit Verzagtheit, daß ihn die Leute nicht merken sollten, und er weinte und grämte sich und saß in Fasten, bis ihm von seinem Fasten die Zähne schwarz wurden." Schließlich wohnt er um niedrige Dienste bei einem Friedhofswärter. Der grandiose Schluß der Dichtung lautet so: Und es kam ein Tag, da stand der Totengräber, der auch in Holz und Stein Grabmäler für die Toten machte, bei einem großen und schönen Grabstein und meißelte seine Sache ein, und seine kurze Pfeife hing ihm aus der Ecke seines Mundes und er rauchte und gab sich Mühe, ihn zum Ende der Vollkommenheit zu bringen. Und. wie erstaunte Menasche Chajim, als er diesen Grabstein sah, und siehe, sein Name glänzte aus seinen Zeilen heraus, wirklich sein Name und der Name seines Vaters, und Hände sind darüber ausgebreitet, wie die der Priester beim Segnen, zur Erinnerung daran, daß der Abgeschiedene, dem man den Grabstein auf sein Grab stellen wird, mit der Krone des Priestertums gekrönt war. Und obwohl Menasche Chajim mit ganzer Seele auf seinen Tod hoffte, stand er doch erschrocken da, wie ein Mann, der in der Nacht von Hoschana Rabba an der Wand seinen Schatten nicht sieht Und als sein Sinn sich ein wenig beruhigte, da wunderte er sich nicht, wer der ist, und welcher das ist, den sein gutes Herz dazu bringen könnte, ihm einen so prächtigen Grabstein hinzustellen, sondern worüber staunte er? Dieser Totengräber, der ihn niemals beim Namen ruft, und wenn er ihn ruft, ruft er ihn einfach: „Hör bitte, Herr Jude", woher weiß er seinen Namen und den Namen seines Vaters? Aber bald erkannte er, daß der Gedanke nur Wind) war, und er sprach: „Eitelkeit der Eitelkeiten! Denn siehe, dieser Wächter, der selbst nichts zu leben hat, könnte es ihm in den Sinn kommen, mir meine Ruhe mit einem so teuren Grabstein zu verschönern? Und womit verdient es ein Sünder wie ich? Es ist ein Rätsel und bleibt ein Rätsel." Und dennoch forschte er nicht nach und fragte nicht und erkundigte sich nicht, was die Sache bedeutete. Denn seit dem Tage, an dem er sich wieder von Buczacz fortgewandt hatte, war ihm die Bewegung des schwersten Glieds unter seinen Gliedern leichter als die Bewegung der Zunge. Und er schwieg, und damit der Wächter nicht merken sollte, daß . hier etwas zum Staunen war, wandte er sein Gesicht zu den Kindern des Wächters, die in den Särgen der Toten Verstecken spielten und tat, als ob er den Klagen der verwaisten Mutter zuhörte, der Wahnsinnigen, die jeden Tag auf den Friedhof kommt, um das Grab ihres Säuglings mit der Milch ihrer Brüste zu tränken. Aber der Wächter spürte, daß im Herzen dieses Armen irgend etwas versteckt war und weil er sich auch selbst über die Ge- •schichte dieses Grabsteins, den seine Hände schufen, ein wenig gewundert hatte, wie es im folgenden angedeutet ist, hatte er den Verdacht, daß es irgendein Band zwischen dem Armen und diesem Grabstein gäbe. Aber das Geheimnis der Wahrheit, das zuzeiten auch bei gewöhnlichen Menschen aufblitzt, wird meistens Herbst* und Winferneuheiten im Spezialgeschäft für Damenbekleidung BBHIHQQEdEBQGttlE München, Dachauerstr.9 (neben Kaffee Ungerer) durch alle möglichen Arten von Zweifeln verdrängt. Dennoch quälte er ihn nicht mit. Fragen Und drängte ihn nicht, ihm zu sagen, was hast du auf der Seele? Denn die Schweigsamkeit seines Kummer« und die Trauer seines Geistes rührten ihm ans Herz. Und obwohl ein toter Mensch ihm schon gewohnt war, hatte er doch sein Leben lang noch keinen Menschen in der Stunde gesehen, da die Seele von ihm ging, und es setzte ihn in eine Art Furcht, und sicher und gewißlich' wurde es ihm schwer, Menasche Ghajim zu sehen, bei dem nur ein Schritt zwischen ihm und dem Tod war. Und er ward über ihn mit besonderem Erbarmen erfüllt, und von nun an und weiter hielt er jede schwere Arbeit von ihm fern. Und sogar wenn dieser Wächter den oben erwähnten Grabstein von seinem Platz wälzen mußte, um das Jahr und den Tag in ihn einzumeißeln, darin der Tote gestorben war, so bemühte er jetzt Menasche Chajim nicht mehr und ging, auf die Gasse, einen anderen Menschen zu finden, der ihm behilflich sein wollte, ihn zu rücken. Und es geschah, wenn der Wächter draußen war; so blickte er hinter sich und schaute, und siehe, Menasche Ghajim nahm seine Augen nicht von dem Grabstein, und der Wächter begriff, daß die Sache eine Bedeutung hatte. Und weil er wußte, daß dieser Mensch seinen Mund und seine Zunge hütete, so daß er erst recht nicht mit einem Gespräch beginnen würde, sagte er: „Ich will für ihn anfangen, dann wird auch er von selbst seine Lippen der Rede Tiicht verschließen." Und alsbald begann der Wächter zu sprechen wie jemand, der. von ungefähr redet: „Vor etlichen Tagen kam eine vornehme Frau hierher, herrlich gekleidet wie eine Fürstin/ und fragte nach Menasche Chajim Hakohen aus der Stadt Buczacz, der an dem und dem Tage in dem und dem Monat in dem und dem Jahr hier begraben wurde. Und geh und denke dir, da ist ein toter Schnorrer, den man vor etlichen Jahren tot im Lehrhaus fand, ungefähr ein paar Tage vor dem großen Jahrmarkt von Laschkowitz, und in seiner Tasche war die Empfehlung vom Rabbi in Buczacz. Und als ich dieser Reichen das Grab zeigte, vergoß sie viele Stunden auf ihm Tränen, so daß sie vergaß, mir den Lohn für meine Mühe zu zahlen und1 das Gebetbuch hervorzuholen. Sicherlich steht er ihr nahe, ein Blutverwandter, und diesen Stein hat sie ihm zum Grabstein geweiht." Und der Wächter hörte ein wenig mit Reden auf und wartete, daß hier Menasche Chajim anfangen würde. Aber Menasche Chajim saß an seinem Platze, und kein Wort war auf seiner Zunge, und er ließ seinen Kopf herabhängen und bohrte beide Augen in den Boden, und Tränen begannen ihm in den Augen zu schwimmen und rannen auf sein finsteres Gesicht herab, und auf den Furchen seiner Lippen, in denen die Trauer nistete, erwachte ein Lächeln, das seine Lippen nicht mehr umspielt hatte seit dem Tage, da er aus seiner Stadt geschleudert wurde, um den Weg zu gehen, von dem er nicht zurückkehren sollte, und es wurde mit dem Tau seiner Augen durchsättigt. Und als der Wächter sah, wie Menasche Ghajim weint und lacht, da konnte er sich nicht mehr zurückhalten nnd fragte ihn nach der Bedeutung der Tränen, und was das Lachen sollte. Aber Menasche Chajim wischte seine Tränen ab und preßte sein Lachen nieder und stieß einen herzbrechenden Seufzer aus und antwortete kein Wort. Da sagte ihm der Wächter: „Herr Jude, glaubt nicht, daß meine Augen nur auf dein Verborgenes lauern, um mir die Seele mit deinen Geheimnissen zu füllen. Bei Gott und bei meiner Seele, deine Leiden rührten bis an mein Herz, und ich habe keine Kraft mehr, den Harm deiner Seele mit anzusehen. Fürwahr, die Hilfe steht bei Gott, aber vielleicht kann auch ich dir beistehen mit viel oder mit wenig oder mit einem guten Rat, nach dem Maß meines Vermögens." Doch Menasche Chajim wußte, daß zwar bei Gott die Hilfe ist, aber für seine Seele gibt es keine Hilfe, denn auf ihn fiel das Los, schweigend zu sitzen und zu harren und seinen Mund und seine Zunge zu hüten. Und er antwortete dem Wächter und sprach: „Ein Sünder bin ich in meinem Leben, und warum soll ich auch sündigen in der Stunde meines Todes? Und wenn ich sagen würde, ich werde erzählen — siehe, mir würde ich nicht helfen, nur das Leben anderer würde ich verstören. Und warum verlangt Ihr von mir etwas, was nicht recht ist? Aber als Menasche Ghajim das Gesicht der Wächter sah, und -siehe, es war mit Trauer bedeckt, wie ein Mann, über dem die Trauer zusammengeschlagen ist, da überwand er sich, denn er konnte die Leiden der Seele des Wächters nicht mehr ansehen.

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