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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1935-01-01 · 1 (1.1.1935) · p. Seite 3

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
11 (1935)
Issue
1 (1.1.1935)
Date
1935-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 3 unsere Zeit nicht zu passen. Raabe ist dem Zeitgenossen von 1933/34 in den meisten Fällen langweilig, weil die Zeitlosigkeit des Allzeitmenschlichen in diesen Geschichten heute nur bei wenigen Zugang findet; man ist heute dafür nicht empfanglich. Dieses Allzeitmenschliche, einfach Gute, das unbegrenzte Wohlwollen mit der Kreatur, das Ernstnehmen ihrer Illusionen und Reflexe, ihrer Leiden und Freuden, das mitschlagende Herz, all das findet man auch bei Agnon; aber dieses rein Menschliche ist eingehüllt in eine so absonderliche, uns grotesk anmutende Umgebung von Ort und Zeit, daß schwer jemand bei uns durch die Hülle durchdringt. Es ist Gestalt und Landschaft, Luft und Logik des galizischen Juden, dem sich die Kleinmalerei Agnons im Stil der Patriarchen-Geschichten der Bibel und des Midrasch hingibt. Die ganze Welt — das Oben und Unten — ist durch das Prisma des galizischen Kleinstadt-Juden gesehen. Die Strahlen und Farben der Welt brechen grotesk verändert aus diesem Prisma hervor. Denn die Gegenwart ist für die Gestalten Agnons gänzlich unwirklich, Wirklichkeit ist die Welt der Bibel, des Midrasch, der Gamara. Die galizische Welt, die galizische Moral und Logik ist aber zunächst nichts anderes als die Denk- und Lebensform. Dann aber kommt ein Innwendigstes, ein innwendigstes Ringen; und was sich hier begibt, hat Größe, ist Heroentum eigener Art. Alles andere als „klassisch", aber doch auf seine Weise klar und einfach! Wirklich höchst verzwickt ist diese Größe! Der Pilpul, eine exakte Syllogistik, die an die Gegenstände des täglichen Bedarfs und an die gewöhnlichsten Handlungen, bei denen wir uns nichts mehr denken, herangebracht wird, macht die einfachen Menschen Agnons so furchtbar kompliziert. Wir denken uns etwas dabei, wobei sie sich wieder nichts denken. So ist die Verwirrung groß. Aber der Dichter liebt gerade das Krumme und beschreibt, wie es am Ende doch gerade wird. Überall wacht bei Agnon ein sauberer Kunstverstand. Seine Kunstmittel der absoluten Schlichtheit und Einfachheit sind virtuos angewandt; Bilder, Begebnisse, Gedanken und Stimmungen sind aufs Feinste akzentuiert. Diese Menschen fühlen, denken und sprechen in Bibel- und Talmudzitaten, die der Dichter unschuldig-raffiniert handhabt. Indem wir die Fabel nacherzählen, dringen wir in den Stil und den Geist des Autors, bewegen uns in seinem Klima. Es ist die Geschichte eines Mannes mit Namen Menasche Chajim aus der heiligen Gemeinde Buczacz (fest gründe sie der Ewige, Amen!), „der von seinen Gütern herabsank, und die Armut (der Barmherzige bewahre uns!) ließ ihn weichen vom Wege seines Herrn, und er warf einen Makel auf den jüdischen Namen," wie es im Vorspruch heißt, „und war beschimpft und verstoßen und umhergetrieben" und blieb doch gütig wie Dostojewskis „Idiot" und wurde nicht angefressen von der Sucht des Ressentiments, des Erbübels einer unterirdischen Neidregung. Als nämlich Menasche Chajim, der auch in der schnöden Welt des Kapitalismus auf Gottes Vorsehung allein baute, zum Bettler geworden war und durch die galizischen Dörfer und Städte wanderte, von der Zedoko, der Mild- VttQänQlidjteit tTTancbe früh bammernbe ©tunbe verriet bit bie leife ma^ntnbt 0B»ejie bes <Eobes; grofj unb im Jlobtxn berbfUicben prunre« bie eine — ünb im Dermobero free ilaubee am 25oben jene, auf wecbfelnbe Weife. Cammer wu^teft bu biefe«: titx tft mein (Sefabrte. ¥7ab war bir immer fein 2htgeftcbt. ©abf* bti bas flad? emb im XOittbt verlöfcbenbe iUcht? ©purteft bu, wie fein Altern bie flamme vermehrte? j£ ern ee bir fagen: Cammer m|>en bie 23lic£e feiner wifftnbm fingen auf allem ©efebebn. titv ift Anfang unb titnbt, Dergebn unb iSntflebn* 3mmer wuchs er bert>or aus jebem ©efebiefe — TDucbs in bir felber, im Dater, im fcblafenben %inbtt immer. üDiefes ju toiffen ifl gut. Hab ifl fein 2htgeftcbt. ^oreb binab in bein -Slut: Einmal tritt er beraus, wie ^arj aus ber rifitgen 3Unbe* W. L. tätigkeit seiner Glaubensgenossen lebend, die ihn selbst während seiner glücklichen Jahre so oft und mit Erfolg beansprucht hatten, da läßt er sich eines Tages in einer schwachen Stunde, als Hunger, Hoffnungslosigkeit und Schwäche an ihm nagen, dazu verleiten, den wirkungsvollen Empfehlungsbrief, den ihm der Raw seines Heimatstädtchens ausgestellt hatte, zu verkaufen, sich um das Geld zu betrinken und so im weiteren Verfolg der Handlung (nur in Gottfried Kellers „Romeo und Julia auf dem Dorfe" begegnet man wieder so starken Szenen und Stimmungen) immer tiefer zu sinken. Der kostbare Empfehlungsbrief, auf den Namen unseres Menasche Chajim geschrieben, wandert ohne seinen Inhaber weiter, wird aus dem Kaftan eines toten Schnorrers gezogen, um schließlich Krei^ del Tscharne, dem Weibe Menasches, der untrügliche Zeuge vom Tode ihres Mannes zu werden. Sie heiratet wieder, bekommt Kinder; „und sie nahm sich zusammen, ihren ersten Mann aus ihrem Herzen zu verdrängen". „Und es geschah, wenn sie an den Toten dachte, daß sie keinen Samen von ihm hatte, und von dem neuen Gatten (er soll leben) wurde sie heimgesucht in Erbarmen, das wußte sie, daß die erste Ehe auch dem Himmel nicht gefallen hatte." Nach langen Jahren kehrt Menasche zurück in die Heimat; als er hört, daß seine Frau mit einem Anderen wieder glücklich geworden ist, da „reißt er sein Leben von der Welt und macht die Frau ihrem Gatten nicht verboten". Er sprach in seinem Herzen: „Was ist meine Hoffnung, auf die ich harren soll? Siehe, auch wenn ich zu ihr zurückkehre, wird es mir keine Erleichterung und kein Heil bringen, denn ich bin Priester und Kreindel Tscharne ist mir auf ewig verboten, und alle Erwar-

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