Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 11 (1935)
- Issue
- 1 (1.1.1935)
- Date
- 1935-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 schnitt deutsch-jüdischer Gelehrtengeschichte. Der Herausgeber erzählt von dem Leidensweg dieser Dokumentensammlung über die deutschen Judengemeinden am Rhein und am Main, in Böhmen, in den alten deutschen Städten wie Regensburg, Augsburg, Nürnberg, Merseburg, in Lothringen, in der Pfalz, an der Donau und an der Mosel, in Salzburg, in Wien, an unzähligen kleinen und großen Orten. Große Gelehrte der älteren Generation starben während der Ausführung des Planes, jüngere rückten nach, der Weltkrieg brach aus: das Werden des umfangreichen Bandes ist selbst zur Chronik einer bitteren Zeit geworden. Wir lesen beispielsweise im Vorwort: „Als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter unterstützte die Herausgabe Dr. Arthur Süßmann, ein junger Historiker, dessen tüchtige Arbeit über „Die Tilgung der Judenschulden unter König Wenzel" unsere Gesellschaft herausgegeben hat. Er mußte jedoch auf diese mit großem Eifer und ernster Hingebung ausgeübte Tätigkeit verzichten, als er zuerst in Seesen und später in Berlin im Schuldienst Beschäftigung fand. Noch im Jahr 1915 gab er das „Erfurter Judenbuch" in den Mitteilungen des Gesamtarchivs der deutschen Juden heraus. Kurze Zeit darauf wurde er zu den Fahnen einberufen und erlag den schweren Verwundungen, die er an der Westfront erlitten hatte, am Versöhnungstag 1915." Wie ein „Memor-Buch" liest sich die Einleitung über die Genesis des großen Quellenwerkes. Professor Elbogens „Deutschland"-Abhandlung, vor kurzem in wichtigen Teilen in der „Jüdischen Rundschau" abgedruckt, bietet auch dem Laien Außerordentliches. Der behandelte Zeitabschnitt, der schon 1238 endet, bedingte ganz besondere, kaum zu bewältigende Schwierigkeiten in der Abfassung: Alle einschlägigen Nachrichten danken wir nur dem Zufall der Überlieferung. Gar manche Gemeinde mag älter sein als ihre Nennung in unseren Geschichtsquellen. Von den Gemeinden an der Mosel sind Metz zuerst 888, Trier erst 1066 erwähnt, obwohl kaum daran zu zweifeln ist, daß beide lang vorher jüdische Bevölkerung hatten und behalten haben. Am Mittelrhein wird Mainz 906, Worms 960, Speyer sogar erst 1084, am Niederrhein Köln wieder 1012 genannt, an der Donau Regensburg 981. Während das Gebiet der Saale, der Elbe und der Moldau von rund 965 an von Juden besiedelt ist, werden Gemeinden am Rhein nicht vor 1000 genannt (Bamberg 1033). Auffallend spät wird Thüringen erwähnt, das überhaupt während des Mittelalters arm an Städten war, Erfurt erst nach 1100. Bis 1100 hat sich das Siedlungsgebiet wenig verändert; als Verfolgungsstätten des Jahres 1096 werden die meisten der bisher erwähnten Orte genannt: Metz, Trier, Köln und einige Nachbarorte, Speyer, Worms, Mainz, Regensburg, Prag, vielleicht auch Halle. Die Juden in Deutschland nahmen über anderthalb Jahrtausende an dem „aktiven" Klima des Landes, das man ein „Jungbrunnklima" genannt hat, teil. Die klimatischen Lebensbedingungen drängten die Juden, wie ihre Umwelt zu Ordnung und Disziplin. Vom deutschen Judentum, das schon in seiner Frühgeschichte in literarischer und kultureller Hinsicht eine bedeutende Rolle spielte, strahlte ein heller Glanz über das Diaspora-Judentum der Welt. Es ist bekannt und oft geschildert worden, daß Deutschland wie ganz Mitteleuropa in erhöhtem Maße ein Übergangs- und Mischrassen-Land ist, ein Land, in dem die Bevölkerung ein Mischungsprodukt ist. Besonders Landschaft und historisches Schicksal haben mannigfache Menschentypen hervorgebracht, die sich heute zu „einem einheitlichen Geistesantlitz des deutschen Volkes" zusammenschließen. In seinem bekannten Buch über „Das stammhafte Gefüge des deutschen Volkes" kommt der Wiener Literarhistoriker Josef Na dl er zu folgendem Ergebnis: „So also sind die vielfältigen Erscheinungen deutschen Wesens, die stammhaften, wahrhaftig ein zweckvoll gegliederter Organismus. Sie scheinen zu Zeiten jeder für sich gesonderte Wege zu gehen, und sie handeln doch im Sinne eines Ganzen. Unbegreiflich fruchtbar an staatlichen Entwürfen bieten sie darin, wie sie je nach Weltlage und eigener Rüstung, wie sie je nach Verschiebung der weltgeschichtlichen Laufgewichte einander in der Last des Reiches ablösen, ein Schauspiel, das erhaben und schön zugleich ist, um nicht nur den geschichtlichen Betrachter zu fesseln, sondern auch den Künstler mit ihrem tiefen Sinn zu entzücken und den besorgten Volksgenossen mit Zuversicht zu erheben. Wo wäre noch ein Volk mit so glücklichem und widerstandsfähigem Gliederbau wie dieses?" Die Judenschaften in Deutschland zeigen in sich teilweise diesen vielfältigen Gliederbau. Die historischen Hintergründe der Gliederung sind in unserem Nachschlagewerke „Germania Judaica" am besten zu erfassen. Wo man es aufschlägt, fesselt es und gibt die solide Basis für jede Art von Heimatgeschichte der deutschen Juden. F. „Und das Krum Eine Studie z Die vierbändige, vorbildlich ausgestaltete hebräische Gesamtausgabe der Werke von Agnon ist vor V% Jahren im. Schocken-Verlag erschienen. Der gleiche Verlag gibt soeben als 14. Bändchen seiner so geglückten und mit jedem! neuen Stück uns bereichernden „Bücherei" die Erzählung „Und das Krumme wird gerade" (der Titel ist nach der Jesajastelle 40, 4 gewählt) in der deutschen Übersetzung von Max Strauß heraus. Den hebräischen Originaltext dazu findet man im III. Band der Gesamtausgabe, S. 70—169'. ie wird gerade" Agnons Epos Das Werk des in Jerusalem lebenden hebräischen Erzählers S. J. Agnon (geb. 1888) erschließt sich trotz der Einfachheit des Stoffes der Erzählungen und trotz der Einfachheit ihres hebräischen Stils, der auch in der deutschen Übersetzung durchleuchtet, nur schwer dem modernen Leser. Agnon ist für westeuropäische und amerikanische Großstadtjuden so „unmodern" wie Wilhelm Raabe in Deutschland. Er scheint wie dieser in