Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 24 (15.12.1934)
- Date
- 1934-12-15
- Page
- Seite 523 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 24 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 523 Wien zu vertreiben. Texeira wendet sich an Christine, und sie schreibt selbst an die Kaiserin wie eine Frau an die andere; sie schreibt auch an den päpstlichen Nuntius, um den Beschluß zurückzurufen. Alles ist vergeblich. Aber wenn wir heut in Greta Garbo die wieder erstandene Christine im Film sehen, dann sollten wir auch einmal an die historische Königin Christine denken, die entgegen dem Willen ihrer Minister für den Frieden stimmte; die den Bauern nach ihren eigenen Worten mehr als den Fürsten schätzte; und die auch für die rechtlosen und verfemten Juden eintrat, wo immer sie angerufen wurde. Dr. Bertha Badt-Strauß Die jüdische Hochzeit Eine folkloristische Betrachtung Von Dr. Max K a 11 e n - Bamberg Die rationalistische Geisteshaltung hat mit den religiösen Volkssitten des Judentums nichts Rechtes anzufangen gewußt. Sie hat unter den vorgefundenen reichen Beständen scharte Musterung gehalten. Einiges wenige hat sie zurückbehalten und in den festen Formenbestand der Religion eingefügt, solche Elemente, die einen plausiblen, deutbaren Zusammenhang mit dem jeweiligen religiösen Akt hatten oder doch stark symbolhaft waren; also immerhin so, daß das rationale Begreifen sich in dem Glauben wiegen konnte, mit ihnen fertig geworden zu sein. Das jüdischerseits sichtlich zunehmende Bestreben, das Judentum in seiner Totalität zu erfassen, seine Erscheinungen in ihrem Eigenleben und Selbstsein (ohne Zensurerteilung und wählerisches Geschmacksurteil) zu verstehen und ihnen ehrerbietig-bescheiden gegemüberzutreten, läßt auch für das ehrwürdige Brauchtum des Judentums ein besseres Verständnis erhoffen. Das vorhandene Material ist fast durchgehends aufgenommen und registriert. Es wäre noch das Kompendium zu schaffen, das alles in gehöriger Ordnung zusammenfaßt. Im folgenden werden für ein Teilgebiet, die jüdische Hochzeit, einige Gesichtspunkte aufgestellt, die für eine ideenmäßige Gliederung jüdischer Hochzeitssitten in Frage kommen. Es geschieht mit allem Vorbehalt, der dort immer, wo sichere und bündige Nachweise der Sache nach kaum möglich sind,' gemacht werden muß. Aus der Fülle der einschlägigen Gebräuche scheinen drei große Komplexe sich herauszuheben. Der erste ist gekennzeichnet durch das Stichwort Feuer-Wasser-Umkreisung. Wir wissen, daß bei altjüdischen Hochzeiten Fackeln und Lichter in ausgiebigem Maß verwendet wurden. Wir finden sie beim Hochzeitszug in den Händen der Gäste und der Bräutigamsgenossen und zur Erleuchtnug des Hochzeitshauses. Die Braut erwartet den Bräutigam mit einem Öllicht in der Hand. Auf das Wassermotiv führt die Sitte des Brautbades, ferner der in talmudischer Zeit geübte Brauch, dem Brautzug einen Alabasterkrug mit Wohlgerüchen vorauszutragen, in dem sich unschwer der z. B. bei römischen Hochzeiten verwendete Wasserbehälter, welchen der dem Zuge voranschreitende Knabe zusammen mit der Fackel trug, erkennen läßt. Das Tanz- und Umkreisungsmotiv endlich kommt darin zum Ausdruck, daß die Braut vor den Gästen tanzte oder diese vor ihr tanzten und daß man die Braut, wie es bisweilen heute noch geschieht, mehreremale den Bräutigam umkreisen läßt. Schon bei oberflächlicher Betrachtung muß die Ähnlichkeit all dieser Sitten mit den alten Gebräuchen' des Laubhüttenfestes auffallen. Es handelt sich zweifellos um mehr als eine nur äußerliche Übereinstimmung. Die nächtliche Illumination des Tempels, von der die Mischna berichtet, die Fackeltänze, dann der Akt des Wasserschöpfens und die daran sich anschließende feierliche Prozession zum Altar, schließlich die gemessene Umwandlung des Altars an den sieben Tagen des Festes, alles scheint hier bis ins kleinste zum Vorbild genommen zu sein und sich in den mehr privaten und intimeren Brauchformen der Hochzeit zu wiederholen. Erinnert sei noch an den Festzug der Torarollen an Simchat Tora. Wie dieser sich, namentlich in dem religiös beschwingh Pelzwerk., Kürschnermeister ^rilBiBllBt TELEFON 58160 AUGUSTENSTR. 85/o teren Milieu des jüdischen Ostens abspielt, ist er durchaus als die Fiktion eines Brautzuges zu erkennen. Vier Knaben mit Lichtern eröffnen den Zug — die Brauthelfer. Ihnen folgen die würdigen Männer der Gemeinde, hüpfenden Schrittes die Tora-Braut tragend. Zum Schluß die Kinderschar, auf die von der Frauenempore her sich ein Regen von Süßigkeiten ergießt. Genau so hat man sich das Brautgeleite der alten Zeit vorzustellen, nur daß statt der Kinder eine wogende Volksmenge den Zug bildete und statt der Näschereien geröstete Ähren, Nüsse, Fisch- und Fleischportionen unter das Volk geworfen wurde. Die merkwürdige Parallele der Hochzeitssitten mit den Gebräuchen von Sukkot läßt sich noch dahin erweitern, daß auch die für beide Feste charakteristischen Sinnbilder, Sukka und Chuppa, seltsam einander gleichen. Es sei dies festgestellt, ohne zunächst Folgerungen oder Deutungen daran zu knüpfen. Denn die Chuppa ist ihrer eigentlichen und ursprünglichen Gestalt nach eine Laube oder eine mit Fruchtbaumgezweig ausgeschlagene Hütte, in der es von roten Bändern und blinkenden Metallplättchen leuchtete. In der Folgezeit hat sie allerhand Abwandlungen erfahren und erscheint bald als die „gute Stube" im Hause, die für diesen Zweck zu weißen die Ehrenpflicht der nächsten Anverwandten des Brautpaares war, als der riesige Sonnenschirm, unter der die Braut einherging, oder als Trauhimmel, unter dem die Ehe geschlossen wird. Die zweite Gruppe umfaßt solche Gebräuche, die die folkloristische Wissenschaft als Erinnerung an die früheste Form der Eheschließung, die Raub-Ehe bezeichnet. In geschichtlicher Zeit ist die Raub-Ehe als allgemeine Form der Eheschließung nicht mehr nachzuweisen. Was man von ihr aussagt, beruht auf Rekonstruktion aus den vorhandenen Überbleibseln und Rückständen. Danach hätte man sich den Hergang der Raub-Ehe etwa folgendermaßen zu denken: War die Gelegenheit günstig, etwa wenn die Männer der Nachbarsippe auf Kriegsfahrt waren, so wurde zum Raubzug gerüstet, für den gewöhnlich die Freunde des jungen Mannes sich zur Verfügung stellten. Damit die Entführung rascher und unauffälliger vor sich gehe, wurde dem Mädchen ein Tuch über den Kopf geworfen (Schleier) und man band sie mit Stricken (Gürtel) an das Gefährt fest (Brautwagen), das sie zum Hause des Mannes brachte. Dort wurden die Stricke gelöst, und der Mann nahm das Mädchen in seinen Schutz. Wurde die Entführung rechtzeitig von der Verwandtschaft bemerkt, so setzte diese den Räubern nach und es kam zu blutigen Auseinandersetzungen, bis man sich am Ende gütlich einigte. Den Beschluß bildete dann wöhl eine Siegesfeier, bei der der Bräutigam als König gefeiert wurde. Im jüdischen Kulturkreis klingt manches auf, was an diese Vorgangsreihe erinnert. Zunächst von der Sprache her. Im Hebräischen heißt heiraten soviel wie „aufheben, tragen". Den Ausdruck für Bräutigamshelfer, schoschbin, möchte ich gegen Krauß. der ihn mit schebscha „Zweig" zusammenbringt, von einer Wurzel schabah „gefangennehmen" ableiten und als ..Fänger, Erbeuter" deuten. Wenn das Tragbett Salomos im Hohenlied, wie manche meinen, eine Hochzeitssänfte ist, so hätten wir da gleich in den sechzig schwertumgürteten, kriegserprobten Gewaltigen die Bräutigamsgenossen, wie es M. SILBERTHAÜ «& CO. KAUFINGERSTRASSE 10 Das Haus für hübsche Geschenke in Uhren Schmuck Silberwaren