Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 24 (15.12.1934)
- Date
- 1934-12-15
- Page
- Seite 522 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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522 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 iührung der Auswanderung freigegebenen Betrages erfolgt, soll an der Hand des Palästina-Transfers in der nächsten Nummer dieser Zeitung erörtert werden, desgleichen die Rechtslage auf Grund der Devisenverordnung nach der Auswanderung. Ferner soll noch zur bedeutsamen Frage des Erwerbs der Staatsangehörigkeit in Palästina und anderen fremden Ländern kurz Stellung genommen werden. B e m erkling Wer in diesen Wochen die auf der flimmernden Leinwand durch die Kunst der Greta Garbo zu neuem Leben erwachte Gestalt der „Sybille des Nordens", der Königin Christine von Schweden, vor sich aufsteigen sah, der verspürte wohl in sich das Verlangen, mehr von dieser Frau zu erfahren, die zu ihrer Zeit viel bewundert und viel gescholten wurde wie keine zweite... und der hier eine große Künstlerin trotz eines höchst unzulänglichen Textmaterials eine Seele verlieh, die zu uns, den Spätgeborenen, in einer Sprache redete, die — unabhängig von Zeit und Ort — uns in den Ohren klang wie Mutterlaut. Diesem Wunsche kommen in den letzten Jahren, in dieser Zeit der historisch-psychologischen Biographien von der Königin Elisabeth bis zu Heinrich dem Achten eine ganze Reihe von neuen Büchern entgegen; hier und anderwärts. H. Szasz, Ada Harrison. F.C. Mackenzie u. a. beschäftigten sich mit einer Biographie dieser rätselhaften Frau. In letzter Zeit aber erschien eine ..Psychologische Biographie" der Königin Christine aus der Feder der Margaret Goldsmith, die für diese schwierige und lockende Aufgabe vielleicht manche Vorbedingung mitbringt, die ihren Vorgängern fehlte. Sinclair Lew i s hat einmal von Margaret Goldsmith gesagt, daß sie zu den ganz wenigen Schriftstellern in der Welt gehöre, die Amerikas, Englands. Deutschlands Kultur gründlich erfaßt hätten. Diese in Chicago geborene Jüdin, die in Deutschland studiert hat und in Berlin lange Zeit an verantwortlicher Stelle in der amerikanischen Botschaft tätig war. lebt jetzt in London, im ..Schwabing" Londons, dem Künstlerviertel Bloomsbury. Wer sie einmal dort sah. mit ihren wilden kurzen Locken und brennenden Augen, der kann sich wohl denken, daß eine Art von seelischer Verwandschaft sie befähigte, ihr Bild von der immer noch nicht entwirrten Zeit der schwedischen Königin zu entwerfen. Es ist ein Buch, in welchem sich ausgedehntes Quellenstudium, zu dem die weit gespannte Sprachkenntnis, die sie in ihren Lehriahren erwarb, sie besonders befähigte, sich vereinigt mit einer weiblich einfühlenden „horchenden Seele". Nur so konnte sie dem verschlungenen und widerspruchsvollen Charakterbild ihrer Heldin gerecht werden, das wohl aus psvchonhysischer Besonderheit heraus der Mitwelt und Nachwelt bis heute fast unverstanden geblieben ist. Es ist freilich nicht mehr die knabenhafte junge Frau mit den schlanken Gliedern und rtem bespp]fpii Antlitz wie sie uns die Garbo neu erschuf. Diese in der Kindheit durch Unachtsamkeit der Wärterin an der Schulter verkrüppelte, in ihrer ganzen Jugend durch Lieblosigkeit der Mutter seelisch geschädigte — und dennoch alle, die mit ihr zu tun hatten, bezaubernde! — Frau, die nach dem Willen ihres Vaters Gustav Adolf ak Knabe, nicht als Mädchen erzogen und als König, nicht als Königin gekrönt wurde. Margaret Goldsmith verfällt nicht in die begeisterte Weiß-Schwarz-Malerei der herkömmlichen Biogranhin; sie beschönigt nichts und verheimlicht nichts von den Schwächen, die in Christine das Kind ihrer grausamen Zeit und das Resultat einer unglücklichen Erziehung offenbaren . Aber gerade darum entsteht ein lebendes Bild der „Pallas Athene von Schweden", deren größter Wunsch es war. in das rauhe Nordland ein wenig südliche Kultur zu brincren. und die mit allen ihren Wünschen und Bestrebungen immer Schiffbruch litt — bis sie durch ihre Absonder- Schon jetzt aber sei der Hinweis gestattet, daß der Palästina- Transfer nicht nur für jüdische Auswanderer, die unmittelbar vor der Auswanderung nach Palästina stehen, sondern auch für die in Deutschland wohnenden .1 u - den, die nicht auswandern, sich aber schon jetzt eine Heimstätte in Palästina schaffen wollen, von großer Bedeutung ist. Auch auf gewisse Erleichterungen für jüdische ' Auswanderer auf dem Gebiet der R e i c h s f 1 u c h t s t e u e r zur Vermeidung von Härten wird noch einzugehen sein. lichkeiten etwas von dem Ruhm erwarb, den ihre glänzenden Geisteseigenschaften verdient hätten. Der Lebensgang dieser Frau, der sie in jedem Sinne von Stockholm nach Rom führte, aus der Tochter des protestantischen Kämpfers die Jüngerin des Papstes Alexander, aus Christine Alexandra machte, wird getreu und fast schmucklos dargestellt. Vielleicht etwas zu betont asketisch und chronikmäßig in völlig gleich fließender, niur durch den Ablauf der Jahreszahlen gegliederter Darstellung. Um so leuchtender hebt sich aus diesem schmucklosen Rahmen das Bild einer eigenwilligen, glänzend begabten Frau, die nicht durch ihre historischen Leistungen in der Geschichte fortlebt — allein durch ihre gefährlich anziehende Persönlichkeit. „Vixit" wollte sie auf ihren Grabstein in San Pietro schreiben lassen; „Nichts mehr noch weniger." Das Leben einer starken, einsamen Natur: das ist der Reiz des Buches. Es ist vielleicht allzu wenig bekannt, daß diese selbständige und scharfsinnige Frau auf dem Throne auch zu den Juden ihrer Zeit eine eigene Stellung einnahm, die sie auch in diesem Sinne zu einer Einsamen stempelt. Man weiß, daß sie in ihrer lerneifrigen Jugend zu ihren vielen Sprachen auch Hebräisch lernte; sie hat später lange mit unserem gelehrten Vorkämpfer Rabbi Manasse ben Israel — ..Rabbi Ben Israel" — nennt ihn Margaret Goldsmith etwas knapp, die überhaupt dieser Seite ihres Wesens nicht ganz gerecht wird — Briefe gewechselt. Manasse ben Israel hat sie wie andere gelehrte Frauen seiner Zeit (so etwa das Wunderkind Anna Maria Schurmann) beim Ankauf von hebräischen Büchern und Handschriften beraten. Wie sein berühmter Freund Isaak Vossius bekam er von der Königin den Auftrag. Bücher und Manuskripte für sie anzukaufen. Später durfte er sie auch einmal in Antwerpen besuchen; wir vermuten, daß er ihr bei diesem Besuche seinen Lieblingsgedainkeu vortrug; der Messias könne erst kommen, wenn die Juden über die ganze Welt zerstreut wären. Daran mag er, wie ers bei Cromwell tat, die Bitte geschlossen haben, den Juden Aufnahme in Schweden zu gewähren ... Aber Christine, die damals dem Throne schon entsagt hatte, konnte wohi nichts in dieser Richtung mehr vollenden. Daß sie es wollte, das wird sehr deutlich aus ihrer Freundschaft mit einer anderen jüdischen Familie. Das waren die königlichen Kaufleute, die Texeiras in Hamburg, eine vornehme Marranenfamilie, die hier die undankbare Aufgabe hatten, die Finanzen der ewig verschuldeten Königin zu ordnen. Christine wendet sich an Manoel Texeira. so oft sie Rat oder Hilfe braucht; sie verblüfft die Stadtväter von Hamburg aufs Äußerste dadurch, daß sie im Hause der Texeiras wohnt, so oft sie nach Hamburg kommt. Und als man ihr darob Vorwürfe macht, da entgegnet sie kalt: „War nicht Christus ein Jude?" Damals ists schon über hundert Jahre her, daß kein Geringerer als Martin Luther die Umwelt in einem seiner Büchertitel daran erinnerte, daß „Jesus Christus ein geborener Jude gewesen sei". — Später gab sich Gelegenheit, auch persönlich für das Schicksal der Juden einzutreten. Man wollte Texeira aus Hamburg ausweisen; da schreibt sie einen scharfen Brief an die Stadtverwaltung: „Als Ihr ihn beleidigt habt, da habt Ihr mich beleidigt" — und der Rat muß die Verfügung zurücknehmen. Um 1670 aber faßt Kaiser Leopold den Beschluß, die Juden aus Das Leben der Königin Christine von Schweden Von einer Jüdin beschrieben eil zu: Margaret G o 1 d s m i t h , C h r i s t i n a o f S w e d e n. A P s y c h o 1 o g i c a 1 B i o g r a p h y (London, A. Baker Ltd. 21, Gar r ick Street)