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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-12-15 · 24 (15.12.1934) · p. Seite 519

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
24 (15.12.1934)
Date
1934-12-15
Page
Seite 519 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 519 Doch wie konnte so Zeitbedingtes, jüdisch Bedingtes unmittelbar und universal alle, auch die stammesfremden Zeitgenossen ergreifen? — Es wäre unverständlich, läge nicht das sehr merkwürdige, immer wieder beobachtbare Verhältnis vor, daß die jüdische Situation nur ein symbolisches, ungemein verdeutlichtes, weil verschärftes Abbild der allgemein menschlichen Situation darstellt. Der Jude in der Diaspora ist einsam, haltlos, ruhelos. Aber ist nicht jeder Mensch im tiefsten Grunde einsam? Erweist sich nicht jede Bindung, jede Ruhe vor dem Unendlichen, ins Ewige fließende Sein als hinfällig? In einer gewissen, jedenfalls zumindest zeitweise zu durchmessenden Region des Gefühls (ich will nicht sagen, daß sie die letzte, beste, endgültige sei) ist jeder Mensch Diaspora-Jude. „Fremde sind wir auf der Erde alle — und es stirbt, womit wir uns verbinden" (Werfel). Die Grenzen zwischen Spezifisch-Jüdischem und Allgmein-Menschlichem sind freilich vorhanden; man darf aber die Bedeutung dieser Grenzen nicht verabsolutieren (wie man sie auch andererseits nicht unterschätzen soll). Ohne die Annahme, daß im jüdischen Schicksal auf eine besondere, nur gleichsam fibelmäßig leichtfaßliche, weil heftiger akzentuierende Art das Schicksal jedes Menschen, des Menschen an sich, ausgedrückt ist, könnte weder die universale Wirkung der alttestamentarischen Texte zu den großen Oratorien Händeis und den Kantaten Bachs („Aus der Tiefe") noch der Romane Kafkas erklärt werden, deren zentrale Figur (K. oder der „Feldmesser") ebenso Diasporajude mit seinen Ängsten und Utieiureihbarkeiten wie gleichzeitig Mensch schlechthin, Herr Jedermann ist. In memoriam H Am 23. Dezember 193-i jährt sich zum zwanzigsten Male der Tag, an dem H u g o Z u c k e r m a n n seiner im Felde erhaltenen Verwundung erlag. Es ist eine selbstverständliche Ehrenpflicht, daß wir Juden uns aus diesem Anlaß des Dichters und Menschen erinnern. Hugo Zuckermann wurde am 15. Mai 1881 in Eger geboren. Schon in jungen Jahren wurde er begeisterter Anhänger Theodor Herzls, zu dessen regsten Vorkämpfern er gehörte. Seine Jugend fiel zusammen mit den ersten Auswirkungen des modernen Rassenantisemitismus, sie wurde verdunkelt von der Judennot, die der Knabe sehr früh schon als seine eigene zu spüren begann. In seinem Gedicht ,.Verlorene Jugend" steht die bittere Zeile: „Mein Kind, der Jud" muß schweigen." Zuckermann studierte die Rechte und ließ sich in Meran als Anwalt nieder. In aller Stille entstanden seine ersten Verse, Liebesgedichte von besonderer Schlichtheit und Innigkeit, biblische Dichtungen, erfüllt von der großen Vergangenheit seines Volkes, und Naturschilderungen, in die er seine große Liebe zu seiner österreichischen Heimat zu legen suchte. Kaum ein paar Freunde wußten es. daß dieser Doktor der Rechtswissenschaft ein Dichter war. Einige glückliche Jahre waren ihm vergönnt, da brach der Krieg aus, und Zuckermann eilte zu seinem Regiment. Die Idylle seines Eheglücks ward jäh unterbrochen — seine junge Gattin erschoß sich später an seinem Grabe —, seine persönliche Arbeit hatte ihr Ende gefunden und seine Bemühung um den Aufbau des jüdischen Gemeindewesens in der Stadt seines Wirkens. Im Felde schrieb Zuckermann sein berühmt gewordenes „Österreichisches Reiterlied", dieses so wohltuend schlichte Zeugnis seiner Gesinnung, aus dem tiefen Herzensgrund des sich für sein Vaterland hingebenden Helden kommend. Jetzt kannte man seinen Namen allerorts, die offizielle Kritik stellte ihn damals als die große Hoffnung hin, und ein preußischer General schrieb an den Dichter, daß diesem Reiterlied der Lorbeer unter den zu jener Zeit bunt auftauchenden Soldatenliedern gebühre. Doch Hugo Zuckermann durfte sich nicht lange dieses Erfolges freuen: gar zu bald traf ihn die tödliche Kugel. Otto Abeles, der Herausgeber der bei R. Löwit in Wien erschienenen Gedichte Zuckermanns, schreibt in seiner Einführung: „Daß er als bewußter Jude im Felde das Höchste und Beste zu leisten hatte, um seines verigo Zuclcermann kannten Volkes und um seines Vaterlandes willen, war ihm heilige, sittliche Pflicht, und daß er sie mit fröhlicher Tatkraft, mit heller Begeisterung erfüllte, bezeugen seine Kriegslieder und die hohe kaiserliche Auszeichnung, die ihm nach dem Tode verliehen wurde." Die Menschen haben ein kurzes Gedächtnis, zumal wenn es sich um einen Dichter handelt. Zuckermann gehörte sicher zu den aufrechtesten und besten Juden, die unter uns gelebt haben. Fragen wir doch aber einmal die Jüngeren, wer Zuckermann gewesen ist! Mögen daher diese Zeilen Veranlassung sein, daß man sein Buch wieder zur Hand nimmt, und mögen die nachfolgenden Gedichte bezeugen, was wir mit Hugo Zuckermann verloren haben. M a n f r e d St u r m a n n. Zwei Gedichte von Hugo Zucker m n u n Ghettolied c h e n Rachel, o Rachel, die Welt ist so schön: Rachel, sag', hast du die Welt schon geseh'n? Rot blüht der Rosenstrauch, grün ist der Klee, Blau sind die Veilchen auf blumiger Höh', Weiß auch den Fleck, wo die prächtigsten steh'n, Rachel, o Rachel, die Welt ist so schön. Rachel, o Rachel, die Welt ist so weit, Trägt jetzt auch selber ein bräutliches Kleid. Hier ist's so düster, so kalt und so eng. Mutter ist tot, und der Vater so streng. Draußen ist Frühling, ist Phdz für uns beid\ Rachel, o Rachel, die Welt ist so weit! Einst Einst, einst, Wenn du wieder scheinst. Segnende Sonne, auf unser Gestade. Dann stehen taufrische, kerzengerade Halme und harren, daß du sie bräunst. Einst . . . Einst, einst, Wenn du nimmer weinst, Mutter Rachel, in nächtlicher Stunde — Dann ziehen kräftige Burschen die Runde, Die du mit sehnenden Mädchen vereinst ... Einst!

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