Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 24 (15.12.1934)
- Date
- 1934-12-15
- Page
- Seite 518 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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518 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 Woche gliederten sich nach den Gesichtspunkten: Deutschkunde, Lebende Sprachen, Jüdische Bildung, Erziehung zur Freude als sittlicher Grundhaltung und Natur und Wirtschaft. Besonders beachtenswert, weil inhaltsreich und anregend, waren die Unterrichtsproben „Jüdisches im Deutschunterricht", „Aus der Geschichte des 19. Jahrhunderts", war ferner der englische und Iwrith-Unterricht nach der auditiven Methode, die Arbeitsgemeinschaft mit der Oberstufe „Probleme des Judentums", eine Religionsstunde zum Thema „Propheten und Führer", war endlich der Gesamt-Unterricht von 7 Klassen im Sinne Berthold Ottos und eine Stunde der Jugendbünde, die sich mit ihren gemeinsamen und verschiedenen Zielen auseinandersetzte. Kunstabende gaben einen Einblick in das jüdische Erleben im deutschen Kulturkreis und zeigten die „Spielschar" des Philanthropins, bekannt durch ihre lebendige und vielversprechende Schauspielkunst, bei der Uraufführung ihres neuesten Stückes „Saul". Der Geist des Philanthropins, gekennzeichnet in dem Losungswort: Heimat, Glaube, Menschheit, Kraft, Zucht und Tiefe, wurde deutlich an dem Referat und der Ausstellung über die Schriften seiner Lehrer von 1804 bis 1934, an der natürlichen Art, mit der Lehrer und Schüler gemeinsam alle Vorbereitungen und Darbietungen der Veranstaltung bestritten. Er war deutlich in der regen Teilnahme der Elternschaft, sowie der Jugendbünde an Ausgestaltung und Ablauf dieser Tagung, in einer von Jugend und Jugendrabbiner veranstalteten schlichten und weihevollen Freitag-Abend-Feier, die als Abschluß der Arbeitswoche noch einmal ihre schöne Geschlossenheit, ihren ernsten Charakter, ihre Verbindung mit der Religion unterstrich. Die „Pädagogische Wo c h e" des Philanthropins war der Ausdruck der von allen jüdischen Kreisen Deutschlands getragenen Arbeit an dem Problem der Jugenderziehung, war Ausdruck eines einheitlichen Zieles, zu dem verschiedene Wege führen. Ihr Verdienst ist es, diese Wege nicht nur gezeigt, sondern auch wesentlich geebnet zu haben. Lieselotte Höxter Jüdisches Schicksal als Schicksal eines Dichters Von Max Brod Das soeben im Verlag E. P. Tal in Leipzig und Wien erscheinende, mit 10 Bildtafeln illustrierte neue Heine- Buch von Max Brod — 500 Seiten stark — kommt bei der Fülle der Heine-Literatur auf den ersten Augenblick überraschend. „ ... Grüß mich nicht unter den Linden", scheint außerdem heute 'die höchst oberflächlidie Heine- Parole der deutschen Juden aller Richtungen. Brods prachtvolles, m'it jeder Seite an geistiger Spannung zunehmendes Werk gibt ein völlig neues, unsere eigene Zeit erhellendes Heine-Bild. Der große jüdische Sucher und Kämpier Heine steht vor uns; wir überprüfen nach dem Studium dieses schönsten und tiefsten Buches der letzten Zeit unser müdes, überlebtes Konventionalurteil über „ausgetretene" und „getaufte" Juden. Wir drucken hier als Leseprobe den Beginn des achten Kapitels ..Volkstümlichkeit, Romantik und romantische Ironie" ab. Es ist unschwer zu merken, daß die Wirkung, die von Heines Lyrik ausging, nur lose mit ihrer wirklichen oder supponierten Volksliedhaftigkeit zusammenhängt. Weit wesentlicher ist die Neuheit, die Besonderheit und scharfindividuelle Umzirktheit seines Gefühls, das doch zugleich etwas Allgemeingültiges ausdrückt. Es war das Gefühl einer sehr einsamen, ja unrettbar an die Wand gepreßten Seele. Auch der das Gefühl verhöhnende Witz in vielen Gedichten Heines ist durchaus nicht Kälte, ist nicht mit der faktischen Nüchternheit, Sachlichkeit moderner „Songs" zu verwechseln, sondern bekräftigt nur mit gegensätzlichen Mitteln das ursprüngliche Empfinden, die tötliche Verletzung einer Seele. Das Lachen und die vielen falschen Gefühlchen, zu denen der Dichter flüchtet, sind eine Funktion der einen großen, echten, zurückgestoßenen Liebe. Ironie erscheint oft nur als der letzte Ausweg einer Seele, im Negativen. Zynischen eine Balance zu gewinnen, die auf der Ebene des Ernstes ja doch schon verloren war. Nur auf Elephantenhäuter unter den Lesern kann das als „Frivolität" wirken; es ist in Wahrheit furchtbare Not. grausamer Zwang. Freilich hat Heine diesen einmal entdeckten Ausweg später wohl auch ohne dringendste Not gelegentlich benützt; dem gespielten Verderb mag dann hie und da der echte gefolgt sein, wozu sein Temperament, seine Launenhaftigkeit und Selbstüberschätzung, schließlich seine kraftvolle, rasche, stets bereite vis comica manche Verführung boten. — im Einzelnen feststellen läßt sich das nicht und ist auch gar nicht nötig, da das Licht des Ausgangspunktes, die ursprünglich blumenhaft reine Natur des zutiefst leidenden Dichters, noch die verschlungensten Endwege versöhnend überleuchtet. Sein Leiden nun, sein Erlebnis steht sehr dicht, unmittelbar nahe hinter seinen Versen. Das ist das Neue, das Besondere. Es fehlt jene Plastik, Besonnenheit, jenes ruhige Aufnehmendes Wirklichen, das Heine an Goethe bewunderte; so etwa wenn er sehr richtig erkannte, daß Goethe „mit seinem klaren Griechenauge" „nirgends die Dinge mit seiner Gemütsstimmung kaloriert, und uns Land und Meere schildert in den wahren Umrissen und wahren Farben, womit sie Gott umkleidet. Das ist ein Verdienst Goethes, das erst spätere Zeiten erkennen werden." Genau das Gegenteil ist für Heine charakteristisch: ein überreizter Subjektivismus. Wie ein dünnes aufgeschabtes vibrierendes Plättchen bietet sich der Dichter der Welt dar. Er hat nichts als sich selbst und auch sich kaum. Dennoch gibt er sich ohne Rückhalt hira, — sehr wahrheitsgemäß überdies, denn es sind ja wirklich keine Reserven da. Man vergleiche etwa, wie in Brentanos Erzählung „Vom braven Kasperl und dem schönen Annerl" ein qualvoll dumpfes, blindes Geschehen nur durch den Rückhalt an einem gläubigen Volkstum, an einer mitten aus dem Volk entstiegenen, halb unbewußten Altfrauengestalt, einem leibhaftig wandelnden Wunderhorn-Lied, eben noch knapp erträglich wird — und hierdurch freilich auch in einem verhängnisvollen Sinne inkurabel; denn an sich wäre dieses Geschehen vielleicht nicht so ausweglos, wie der Autor uns glauben machen will. Nun, Heine kann sich keinesfalls aut ähnliche Tiefen stützen, er ist nur Individuum, — aber gerade hier findet er eine neue, seine Tiefe, die der grenzenlosen Einsamkeit. Verlassenheit. So gibt die besondere jüdische Isoliertheits-Situation seinen Liebesleiden, die er ansonsten mit anderen, mit Nicht-Juden gemeinsam hätte, einen neuen Akzent, eine vorher unbekannte Schärfe. Die anderen können, von solchen befallen, immerhin noch in eine Gemeinschaft, in die Norm einer Gemeinschaft und in deren allgemeine Schwermut flüchten (wie Brentanos Erzählung zeigt). Heine steht allein1, ohne Hintergrund. Das Judentum in seinem damaligen Entwickluncsstadium bot keine Eingliederungsmöglichke'it, keinen Trost. Die jüdische Situation verschlimmerte vielmehr noch den Einsamkeitsaffekt, den die verschmähte Liebe hervorrief: daher die grellen deutlichen Farben, das Nahe des Erlebten knapp unter der Oberfläche der Verse, durchleuchtend überall. — So kann man in voller Wortbedeutung sagen, hier sei jüdisches Schicksal, in der speziellen raumzeitlichem Konfiguration des damaligen Judentums, zum Schicksal eines Dichters geworden.