Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 23 (1.12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 498 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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498 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 Alle Artikel des täglichen Bedarfs gut und billig Heinrich Eduard Jacob Sage und Siegeszug des Kaffees. — Treibhaus Südamerika. Zu zwei neuen Büchern H. E. Jacobs Das wichtigere von beiden ist in einem deutschen Verlage (Ernst Rowohlt. Berlin) erschienen und führt den Titel „S a - ge und Siegeszug des Kaffee s". Es ist eines der merkwürdigsten Bücher, die jemals geschrieben worden sind, es gibt keines, das man mit dieser „Biographie eines weltwirtschaftlichen Stoffes" vergleichen könnte. Es ehrt den deutschen Verleger, daß er auf ein Werk dieses Ranges in seiner Produktion nicht verzichten wollte. Und es gent die jüdische Öffentlichkeit mehr an als manches Werk eines jüdischen Schaffenden, das ein jüdisches Thema behandelt. Dem jüdischen Schrifttum in Deutschland droht die Gefahr, daß an die Stelle der früheren allzu großen Weltoffenheit eine Übertreibung nach der anderen Seite, ein Hundert Prozent Juda um jeden Preis, tritt. Die religiöse Besinnung darf nicht zu einer Ghetto-Gesinnung führen. Heinrich Eduard Jacob, der freilich schon vor der deutschen Umwälzung seinen Wohnsitz im Ausland hatte, durchbricht das Ghetto — durch eine Leistung. Nicht jedem jüdischen Schriftsteller wird ein gleicher Erfolg beschieden sein. Aber es ist der heutige Weg jüdischer Bewährung — die ethische Haltung vorausgesetzt —, nur solche Werke zu schaffen, die, nähme man im außerjüdischen Raum von ihnen vorurteilslos Kenntnis, auch die Umwelt zur Anerkennung zwingen müßten. Heinrich Eduard Jacob hat, als Epiker zumal, das zeitgenössische Schrifttum schon um einige wertvolle Bücher bereichert. (Ich durfte an dieser Stelle über sein Gesamtwerk am 1. März 1931 berichten.) Aber dies neue ist wohl sein bestes — und daß es in unseren Tagen erschienen äst, möge von guter Vorbedeutung sein. Mehrere Umstände kamen zusammen, die ein glückhaftes Werden dieses Werkes verhießen: Heinrich Eduard Jacob ist ein gelehrter Dichter, einer der gelehrtesten, den die Gegenwart besitzt; sein Fleiß, das große Material aus der tausendjährigen Geschichte dieses „Rohstoffes" zusammenzubringen, konnte wahre Orgien feiern. Nun ist „Orgie" für H. E. Jacob nicht ganz das rechte Wort, er ist ein Künstler — und Künder —der apollinischen Art, nicht der rauschhaften, dionysischen, und damit kommen wir zur zweiten Ursache, warum unser Autor — von diesem Thema gewählt wurde (so muß man hier sagen statt: dieses Thema M. KJLKKKTH41 <& CO« KAUFINGERSTRASSE lO Das Haus für hübsche Geschenke in Uhren Schmuck Silberwaren wählte). Der Kaffee erhöht die apollinischen Kräfte des Menschen, der Wein die dionysischen, der Kaffee steigert die ratio, der Wein die Leidenschaften. Allerdings — einen Rausch kennt und bejaht der Dichter: den Rausch der Vernunft, die er als ein mythisches Wesen ansieht, als eine göttliche Lenkerin des Weltgeschehens. Und diese geschichtsphilosophische Einstellung gab ihm die große Vision für sein Werk ein, als er die Kunde von der Vernichtung des Kaffees in Brasilien erhielt. Ist das noch Vernunft: daß in Brasilien Vorräte vernichtet werden, während anderswo Menschen Lorke trinken müssen und oft nicht einmal für diese Nahrungsmittelfälschung — denn hat der Kaffee auch keinen Nährwert, so stärkt er doch die Arbeitskraft — das Nötigste haben? Aber so flächighumanitär beantwortet Jacob die Frage nicht — auf dieser Ebene behandelt in seinen Anfängen das Schauspiel „Der Tulpenfrevel" das Problem in einer ähnlichen Situation der Wirtschaftsgeschichte —, er bezieht auch das Irrationale, die Naturkräfte in sein Weltbild ein und stößt bis zu den sagenhaften Anfängen des Kaffees vor. Um den Reichtum des Inhalts anzudeuten, der uns in dem Buch „Sage und Siegeszug des Kaffees" begegnet, müßte man zum mindesten das Namensregister abschreiben. Dazu fehlt hier nicht nur der Platz, man möchte auch dem Leser die Freude nicht nehmen, die er hat, wenn er erfährt, welche weltgeschichtlichen Ereignisse die Geschichte des Kaffees bestimmten und wie der Kaffee selbst Weltgeschichte machte. Nur soviel sei verraten, daß das hübsche illustrierte Buch mythologisch anfängt, mit der legendenhaften Entdeckung der Kaffeepflanze und der religiösen Stellungnahme des Islam zu ihr, sich ins Kulturgeschichtliche verbreitet, wenn wir von der Entstehung der Wiener und Pariser Kaffeehäuser hören und von dem Kampf des Kaffees mit den drei anderen •— Elementen (möchte man sagen): Wein, Bier und Tee, und wirtschaftsgeschichtlich endet. Im Mikrokosmos des Kaffees finden wir so die drei Schichtungen wieder, die der Geschichte der Menschheit eigentümlich sind. Einmal erwähnt Jacob angesichts der Maßnahmen, welche die Regierung Brasiliens gegen die Kaffeekrise trifft, daß sie aus der biblischen Geschichte von Joseph und Pharao gelernt habe — so schließt sich in der Gegenwart der Kreis von Wirtschaft und Mythos. Auf seiner Wanderung durch die Jahrhunderte führt uns Jacob durch die Türkenkriege und durch die Kolonialgeschichte, durch die Geburt des Kapitalismus und die Strukturänderung Europas infolge von Napoleons Kontinentalsperre, er läßt uns einen Blick in völkerpsychologische und soziologische Hintergründe tun, warum die Völker Kaffee, Tee, Wein oder Bier vorziehen oder warum gerade in Deutschland sich etwas Weibliches an den Begriff Kaffee heftete, und je näher wir der Gegenwart kommen, desto mehr läßt uns Jacob erkennen, wie statt der Politik die Wirtschaft das Schicksal wird, ja die Wirtschaft die Politik vorbestimmt — und weder in den Voraussetzungen der französischen Revolution wie des Eintritts Brasiliens in den Weltkrieg fehlt der Kaffee. Dem jüdischen Schriftsteller wird oft vorgeworfen, er huldige einer materialistischen Geschichtsauffassung: Heinrich Eduard Jacob beweist am „Leben einer Materie", daß es „gar keine Materie" gibt! Als Brasilien der Schauplatz seines Buches vom Kaffee wird, erzählt uns H. E. Jacob auch von Schicksalen zweier brasilianischer Menschen: von der Tragik des deutschstämmigen Außenministers Lauro Müller, der gerade während des Weltkrieges diesen Gipfel seiner Macht erstiegen hatte, und von Kaiser Pedro, der wegen des edelsten Grundes stürzte, aus dem ein Monarch den Thron aufgeben mußte, wegen der Aufhebung der Sklaverei in Brasilien. Die unsichtbare Macht, welche die beiden Schicksale sich vollenden läßt, war aber der Kaffee. Seinen Studien, die er an Ort und Stelle machte, verdanken wir noch ein zweites Buch „Treibhaus Südamer i k a", das in der Bibliothek zeitgenössischer Werke, Zürich, erschienen ist. Die beiden Pole von Heinricht Eduard Jacobs Schaffen sind Rationalismus und Humanität. Ihm, dem die Vernunft nicht im Gegensatz zur Mystik steht, mußte der Raum Südamerika als Hintergrund von Geschehnissen, in denen er den Wundern der Vernunft nachgeht, besonders gemäß sein. Südamerika, oder richtiger die Landschaft Brasiliens, auf die