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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-12-01 · 23 (1.12.1934) · p. Seite 497

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
23 (1.12.1934)
Date
1934-12-01
Page
Seite 497 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 23 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 497 Die forschende Wissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts baut bewußt auf der mittelalterlichen Sprachwissenschaft auf, ist aber durch die Arbeiten jüdischer und vor allem christlicher Theologen und Philologen in vielen Punkten über sie hinausgekommen. Gerade am Ende des vorigen Jahrhunderts ist zudem in aller Sprachwissenschaft ein grundsätzlicher Wandel eingetreten. Immer mehr ist die Sprache des Volkes neben das klassische Werk der höheren Literatur in den Kreis der Forschung einbezogen worden. Die Semitistik, die aus der Beobachtung der heutigen arabischen Dialekte so viel gelernt hat. beginnt sich darum mit der Umgestaltung des Hebräischen zur modernen Sprache zu befassen. Vorläufig liegen natürlich nur einzelne Ansätze dazu vor, aber es ist heute ja noch alles im Fluß. Es fehlt freilich auch noch an zusammenfassenden Untersuchungen über die hebräische Sprache des Mittelalters, namentlich der Tibbonidischen Übersetzungen, die den Stil der modernen wissenschaftlichen und journalistischen Prosa tief beeinflußt haben. Die Entwicklung der hebräischen Sprache in den letzten Jahrzehnten findet übrigens ihre Entsprechung im Türkisch der Gegenwart, wo freilich noch der besondere Kampf um die Reinigung des Sprachgutes von der Überzahl arabischer und persischer Fremdwörter geführt werden muß. Hier wie dort geht es darum, den Sprachcharakter zu wahren und gleichzeitig den Wortschatz und die Ausdrucksmöglichkeiten europäischem Gegenwartsdenken anzupassen. Hingegen geht die natürlich gleichfalls stark von Europa beeindruckte arabische Schriftsprache von heute bezeichnenderweise etwas andere Wege. Die praktische Spracherlernung wird durch den Wandel der Forschung kaum berührt. Hier steht ja schon seit vielen Jahren die gesprochene Sprache gegenüber der Literatur im Vordergrund. Die Anpassung an die Bedürfnisse des Alltags wird überall sehr schnell erreicht, wo eine Sprache wirklich alle Tage gesprochen wird. Daß dazu die Erlernung eines Wortschatzes von gewissem Umfange nötig ist, versteht sich von selbst; an Methoden ihn zu übermitteln herrscht kein Mangel. Die Gefahr besteht vielmehr, beim Hebräischen weit mehr als beim Türkischen, in einer übertriebenen Anpassung und Europäisierung. Denn in diesem Ergebnis trifft sich die allgemeine Umgestaltung der Sprache und die in entgegengesetzten Richtung verlaufende Umstellung des einzelnen. Auch die Erlernung der Sprache Iwrit be-iwrit vermag nicht zu verhindern, daß ein fremdartiger Satzbau mit hebräischen Wörtern angefüllt wird. Es ist dazu gar nicht einmal nötig, daß in der Umgangssprache des Heimatlandes gedachte Sätze Wort für Wort übertragen werden. Auch wenn man hebräisch denkt und sogar träumt, braucht das noch nicht aus dem Geiste der Sprache heraus zu geschehen. So vermögen alle bloßen Sprachlehrbücher nicht zu genügen, die nicht von der Literatur ausgehen und an sie heranführen. Die Erlernung einer nichtindogermanischen Sprache stellt eben ganz andere Anforderungen als das bloße Einprägen von Wörtern und Redensarten. Es gilt dies übrigens nicht nur von der Erlernung des Hebräischen in fremsprachiger Umgebung. Während in jedem anderen Lande die Masse der Menschen ein untrügliches Sprachgefühl besitzt, an dem sich jeder Fremde bald unbedenklich zu orientieren vermag, fehlt es daran im heutigen Palästina noch. Es ist auch fraglich, ob es zu seiner Ausbildung kommen wird, solange die Einwanderung im jetzigen Ausmaße anhält. Vorerst ist ja der größere Teil der dort lebenden Juden nicht im Lande geboren; so ist ihr Hebräisch im Stil noch nicht frei von Anklängen an ihre frühere Umgangssprache, ja, nicht einmal von direkten Fehlern. Man kann das Menschen nicht verdenken, die den ganzen Tag angestrengt körperlich arbeiten und abends nur schwer die Energie zu intensiver geistiger Arbeit aufbringen. Ein Wandel wird aber vermutlich eintreten, sobald der größere Teil der Juden schon im Lande geboren ist. Denn das Sprachgefühl der Kinder wird durch den Sprachunterricht der Schule und die Lektüre guter Literaturwerke außerordentlich geschärft. Vorläufig müssen wir in allen Ländern versuchen, den Mangel durch eigene Arbeit auszugleichen, schon damit nicht inzwischen der Charakter der Sprache völlig verdorben ist. Der Monat Kislev ist in vielen Ländern zum Monat der hebräischen Sprache erklärt worden. Sprechübungen können nicht auf einen Monat beschränkt werden. Die beste Ehrung des Andenkens des vor 700 Jahren gestorbenen R. David Kimchi ist Arbeit in seinem Sinne von diesem Monat an. Denn er verfolgte mit seinen Sprachstudien einen doppelten Zweck, wie er selbst in der Einleitung zum Michlol ausspricht: das Verständnis der klassischen Werke der Literatur zu heben und gleichzeitig die Schönheit der gesprochenen und geschriebenen Sprache zu wahren und zu pflegen. So können auch wir unsere hebräischen Kenntnisse nur durch das vertiefen, was sie auch bei der nächsten Generation des Landes allein in ihrer Reinheit zu gewährleisten vermag: durch Beschäftigung mit den Gesetzen der Sprache und mit guter echt hebräischer Literatur. Weniger noch als bei anderen Sprachen darf nach der Bekanntschaft mit den Grundtatsachen der Sprache auf die Erlernung der Grammatik einschließlich der Syntax verzichtet werden. Darum hat auch erst kürzlich ein erfahrener Schulmann aus der palästinensischen Praxis heraus eingehende Kenntnis der Grammatik gefordert. Dazu muß ergänzend die eigene Lektüre treten. Zeitungsartikel und Übersetzungen aus anderen Sprachen vermögen allerdings nicht zu genügen. Nicht umsonst gehen ja alle Bearbeiter der hebräischen Sprache auf die Literatur zurück, die unzweifelhaft echtes Hebräisch ist. Für Kimchi und die meisten Grammatiker des Mittelalters war das die Bibel. Auch bei uns dürfte kein Tag ohne die Bibel vergehen, die Quelle reiner Sprache und unverfälscht jüdischen Geistes. Vom Standpunkt der Sprache aus brauchen wir jedoch nicht engherzig zu sein. Schon im 13. Jahrhundert, ein Menschenalter nach Kimchi, hat Tanchum aus Jerusalem die Sprache der Literaturwerke seiner Zeit in den Kreis der Betrachtung gezogen. Sein Lexikon bietet außer dem Wortschatz der Mischna den von Maimunis Mischne Tora. In geringerem Umfange finden wir das Zurückgreifen auf den nachbiblischen Sprachgebrauch bei mehreren seiner Zeitgenossen. Die Berechtigung dazu leiten sie aus der berühmten Erklärung Maimunis zur 1. Mischna des Traktates Teruma ab. Man hatte in philologischen Kreisen die Verwendung des Zeitwortes taram in der Mischna beanstandet, da nach der klassischen Sprache der Tora das Hifil von rum gebraucht werden müßte. Demgegenüber betont Maimuni, daß entscheidend in sprachlichen Fragen einzig der begründete Sprachgebrauch ist. Es kann aber kein Zweifel bestehen, daß die Sprache der (im Heiligen Lande lebenden!) Mischnalehrer noch echtes gesprochenes Hebräisch darstellte und daß es deshalb nicht angeht, ihre Sprache als fehlerhaft zu bezeichnen. Hat man einmal eingesehen, wie sehr die Ausdrucksmöglichkeit der hebräischen Aufklärer um 1S00 unter der Mißachtung dieser alten Erkenntnis littT so wird man um so mehr die Genialität des 23jährigen Maimuni bewundern, der auf einem Gebiete, das nicht sein eigentliches Fach war, diese außerordentlich treffende Bemerkung machte und klarer sah als die Fachgelehrten, wie er auch später im More Nevuchim durch viele Einzeluntersuchungen das Verständnis des Hebräischen außerordentlich gefördert hat. Wenn man mit Kaspi erkannt hat, einen wie geringen Bruchteil des alten hebräischen Sprachgutes uns die Bibel nur vermittelt, so muß dieser Grundsatz für Sprachwissenschaft und gesprochene Sprache in gleicher Weise fruchtbar werden. Nur auf dieser Grundlage konnte im letzten Teile des vorigen Jahrhunderts das neue Hebräisch als gesprochene Sprache wachsen. Noch ist aber in unseren Sprachlehrbüchern und Grammatiken, in Klatzkins philosophischem Fachwörterbuch und Ben Jehudas leider noch unvollendetem Millon nur der kleinere Teil dessen verarbeitet, was das jüdische Mittelalter für die Reinerhaltung und den Ausbau des Hebräischen geleistet hat, das es als Umgangssprache kaum kannte. Zur völligen Aneignung dieses reichen Schatzes können wir nur durch eigene Lektüre der Werke jüdischer Vergangenheit gelangen. MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII

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