Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 10 (1934)
- Issue
- 23 (1.12.1934)
- Date
- 1934-12-01
- Page
- Seite 496 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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496 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 nicht um ein Spezialgebiet von Fachgelehrten; auch der in diesem Jahr wiederkehrende 700. Todestag von David Kimchi, dessen grammatisches und lexikalisches Hauptwerk in dem ersten großen hebräischen Lehrbuch der hebräischen Sprache in Deutschland „De rudimentis Hebraicis" des berühmten deutschen Humanisten Reuchlin (1506) fast wörtlich wiederkehrt, wäre kein genügender Anlaß, das Thema neu zu behandeln. Es handelt sich indes um eine sehr praktische Sache, um die Vertiefung unserer hebräischen Sprachkenntnisse. Nicht nur der Sprachforscher muß heute wissen, daß die wissenschaftliche Arbeit an der hebräischen Sprache in den letzten Jahrzehnten ein ganz neues Gesicht bekommen hat, namentlich dadurch, daß sie — nach dem Vorgang der indogermanischen Philologie — sich der neuen Methoden der Sprachvergleichung, Sprachgeschichte und einer eindringenden Lautlehre bedient. Die Verbindung mit der grammatischen Forschung der früheren Zeit ist zur Erkenntnis dieser neuen Fragestellungen unbedingt erforderlich. Der folgende Aufsatz dient also der Vertiefung des Hebräischlernens, das bei uns heute manchmal von den neu Hinzukommenden zu mechanisch betrieben wird. Die Redaktion. Das Jahr 5695 steht notwendig im Zeichen Rabbi Moses ben Maimon. Doch sollen andere Gedenktage darüber nicht vergessen werden. Es ist nicht nur 800 Jahre her, daß der große Gesetzeslehrer geboren wurde, sondern es sind auch 700 Jahre vergangen, seit einer der hingehendsten Verfechter seines philosophischen Hauptwerkes gestorben ist: Rabbi David Kimchi. Aber nicht diese Seite seines Wirkens steht für alle Zeiten im Vordergrunde; man wird überhaupt gut tun die Bedeutung der Philosophie für das mittelalterliche Judentum nicht zu überschätzen. Auch Mose Maimuni war ja vor allem Rabbiner und Halachist, war dann der große Arzt, der in diesem Jahre wohl besonders gefeiert werden wird, und erst in letzter Reihe der wichtigste jüdische Vertreter des Aristotelismus. Der Mensch Kimchi wird charakterisiert durch die Reise, die er in hohem Alter unternahm, um die Gegner der Philosophie mit ihren Anhängern auszusöhnen; der Gelehrte Kimchi war vor allem Grammatiker und Bibelexeget. Rabbi David ben Kimchi ist 1235 nach einem an Arbeit und 'Lehre überreichen Leben in Narbonne gestorben, wo er 75 Jahre vorher als jüngster Sohn einer ausgesprochenen Gelehrtenfamilie das Licht der Welt erblickt hatte. Er ist in den Wegen des Vaters gegangen und hat den Namen der Familie für alle Zeiten berühmt gemacht. Man urteilt in letzter Zeit oft nicht günstig über die Tätigkeit der Kimchiden, nachdem Jahrhunderte sie über alles Maß gepriesen und in David Kimchi den Grammatiker schlechthin gesehen hatten. Gewiß waren R. Josef Kimchi und seine Söhne Mose und David nur in wenigen Punkten originell und gerade einer ihrer wichtigsten Gedanken, die konsequente Scheidung der Vokale in kurze und lange, war wissenschaftlich gesehen, namentlich hinsichtlich der E- und O-Laute, ein Fehlgriff, der uns noch heute das Verständnis vieler sprachlicher Erscheinungen sehr erschwert. Aber wenn man ein System der hebräischen Sprache im Kreise der jüdischen Grammatiker sucht, so bieten sich tatsächlich nur zwei große Werke: der Kitab al-Tankich des Abu'l-Walid Merwan (Jona) Ibn Dschanach (ca. 990—1050) und der Sefer Michlol des David Kimchi. Daran vermag auch die scharfe Kritik nichts zu ändern, denen diese Werke durch Josef Ibn Kaspi (ca. 1280—1340) und Profiat Duran Efodi (um 1400) unterzogen wurden, zumal bei letzterem, dem logischstem, das Lexikalische zu kurz kam, ersterer aber seinen Plan, ein grammatisches Werk zu schreiben, offenbar nicht ausgeführt hat und durch seine ganze philosophische Einstellung als Muster des hebräischen Grammatikers nicht in Frage kommt. Ibn Dschanachs Werk ist im Laufe der Zeit aus mehreren Gründen hinter Kimchi zurückgetreten. Einmal bildete die arabische Sprache, in der ja ein großer Teil der wissenschaftlichen jüdischen Literatur des Mittelalters verfaßt ist, auch nach der recht guten Übersetzung durch Jehuda Ibn Tibbon (1120—1190) ein beträchtliches Hindernis. Kimchis Art, Ausdrucksweise -und Terminologie hingegen war bekannt und beliebt von seinen Erklärungen zur Bibel her. Überdies konnte Kimchi auf Ibn Dschanach fußend sein Werk in vielen Punkten erweitern und berichtigen; so war es ihm auch möglich — und darin liegt sein größter Verdienst — das System der hebräischen Sprache klar und übersichtlich zu gestalten. Es ist unbestreitbar, daß Elia Levita (1469—1549) seinen christlichen Schülern keine übersichtlicheren und genauer gearbeiteten Bücher hätte in die Hand geben können als die Werke David Kimchis, zumal nachdem er sie selbst mit seinen Glossen versehen hatte. Wenn man einmal gelesen hat, wie mühselig und ertraglos die hebräischen Versuche der ersten Humanisten waren, wie unbeholfen etwa Zwingiis Freund Pellikan sich die Elemente dieser Sprache erarbeitete, dann versteht man, daß Kimchis Schriften trotz der vielen kleinen Fehler — vor allem Druckfehler! —, über die Reuchlin und Elia Levita klagen, als Erlösung empfunden wurden — und, z. B. von dem berühmten Reuchlin selbst, eifrig ausgeschrieben wurden. So kam es auch zu der höchst merkwürdigen Übersetzung großer Teile des grammatischen Werkes durch Agathius Guidacerius, die der Pariser Ausgabe von 1540 mit ihrem noch merkwürdigeren Titelblatt im unbeholfensten Hebräisch beigegeben ist. Wenn man von dem kurzen Sefer Mehallech Schevile had-Daat von David Kimchis Bruder Mose absieht, ist kaum ein jüdisches Werk über die hebräische Sprache so übersichtlich wie die beiden Teile des Michlol. Auf den Arbeiten seiner Vorgänger aufbauend konnte Kimchi auf lange den Zusammenhang störende Exkurse über schon gesicherte Ergebnisse der Wissenschaft in der Regel verzichten und so sein Werk durchaus nach einheitlichem Plan gestalten. So bietet es für den Benützer keine Schwierigkeit sich darin zu orientieren und man kann sich daraus mühelos über jede Frage der Sprache Rat erholen. Die von Kimchi aufgestellten sprachlichen Regeln gelten für jedes hebräische Wort, nicht nur soweit es zufällig im biblischen Schrifttum belegt ist; deshalb steht bei den Juden der lexikalische Teil an zweiter Stelle im Gesamtwerk, im Gegensatz zu den Schriften der Inder, wo etwa für Panini „Wort" nahezu gleichbedeutend mit den Vokabeln des vorangeschickten Wörterbuches ist. Im Wörterbuch zeigt Kimchi sich ganz besonders als systematisierender Gestalter; wohl benützt er auch hier die Arbeiten seiner Vorgänger, aber er verwertet sie selbständig und fügt aus Eigenem Vergleichungen und Erklärungen in der Sprache seines Landes, dem Provengalischen hinzu. Dieses nach Stämmen geordnete Wurzelwörterbuch zeichnet dieselbe Vollständigkeit aus, wie den' grammatischen Teil; umfaßt es doch anhangsweise auch die aramäischen Bestandteile der Bibel. Die Neubelebung der hebräischen Studien in der Gegenwart erweckt aufs neue unser Interesse dafür, wie in vergangenen Zeiten Hebräisch gelernt worden ist. Die Werke unserer mittelalterlichen Grammatiker waren nie für den Anfängerunterricht bestimmt. Alle für Juden geschriebenen grammatischen Werke setzten bis ins vorige Jahrhundert hinein eine gewisse Kenntnis der Grundtatsachen der hebräischen Sprache voraus, in der sie ja zum größeren Teil abgefaßt waren. Man darf sich das Maß der Bildung, über das unsere Vorfahren durchschnittlich verfügten, zwar nicht allzu groß vorstellen, sie waren keineswegs sämtlich Rabbiner und Gelehrte. Seit den Tagen Josuas ben Gamala, also seit über 2000 Jahren besuchte jedoch jedes jüdische Kind eine Schule. So konnte jeder Jude lesen, er verstand die Gebete und es war eine Ausnahme, wenn das Wissen nicht zur Beherrschung der Tora im Urtext ausreichte. Wer mit diesen Vorkenntnissen an die Propheten und die Psalmen heranging, der fand in Kimchis Kommentar — er hat übrigens auch das 1. Buch Mose und die Chronik erklärt — alles, was eine Erläuterung bieten kann, die sich an den Text hält und nur aus ihm herausliest, ohne in ihn hineinzulesen, fand so alles, was der gläubige Jude in seiner Heiligen Schrift finden sollte. Das entsprang nicht einem Mangel an Gestaltungsfähigkeit, sondern bewußter Beschränkung. Einzelne außerhalb des Kommentars gebliebene Stellen zeigen, daß Kimchi sehr wohl imstande war, eine philosophische Deutung der Bibelverse zu geben. Und wer mit ähnlichen Vorkenntnissen Kimchis Grammatik und Wörterbuch benützte, der war imstande, seine Sprache von Grund auf zu verstehen und sie demgemäß auch richtig zu beherrschen.