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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-11-15 · 22 (15.11.1934) · p. Seite 468

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
22 (15.11.1934)
Date
1934-11-15
Page
Seite 468 (sequence 8)
Language
German
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468 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 SCHUHHAUS M. FLEISCHMANN MÜNCHEN, THEATINERSTRASSE 17 Spezialität: BALLY-SCHUHE_ nirgends besaßen: Handelsfreiheit, eigene Gerichtsbarkeit unter einem sogenannten Archisynagogus, das Recht Grundbesitz zu erwerben, christliche Dienstboten und Sklaven zu halten usw. Dafür sollten ihm die Juden jährlich 3,5 Pfund Speyerer Geldes zahlen. Als sechs Jahre später, im Jahr 1090, Kaiser Heinrich IV. nach Speyer kam — der Bischof war inzwischen alt geworden und Sorge für die Erhaltung ihrer Rechte mag der Anlaß gewesen sein — ließen sich die Speyerer Juden durch Vermittlung des ihnen wohlgesinnten Bischofs auch unter seinen Schutz nehmen. Er bestätigte ihnen ihr Privileg und vermehrte ihre Freiheiten und ihren Rechtsschutz noch ganz bedeutend: Sie konnten im ganzen Deutschen Reich bei Zollfreiheit Handel treiben, in Prozessen mit Christen durften sie nach jüdischem Recht Beweis führen, germanische Gottesurteile sollten gegen sie nicht angewendet, Verbrechen gegen sie streng bestraft werden. Dieses Privileg unterzeichnete der Kaiser eigenhändig, nachdem er sich vorher mit dem Rabbi Kalonymus über den Speyerer Dom, der damals erst einige Zeit fertig gestellt war. unterhalten hatte. Auf des* Kaisers Frage, ob der Dom dem salomonischen Tempel an Schönheit nicht überlegen sei. suchte der Rabbi aus der Bibel die höhere Würde des Tempels nachzuweisen. Daß der Kaiser die freimütige Antwort nicht ungnädig aufnahm, zeigt das Privileg, das er erteilte. Obwohl nun die Juden dem Kaiser direkt unterstanden, ließ er dem Speyerer Bischof die ihm als Stadtherrn zustehenden Rechte, so daß Bischof und Juden in dauernder Verbindung blieben. Von ihm war der Vorsteher der Synagoge abhängig, an seine Kammer flössen die für Verletzung der Judenrechte erhobenen Bußgelder. Seit 1090 so unter doppeltem Schutz — von einer finanziellen Ausbeutung konnte damals noch keine Rede sein — brach für die Speyerer Juden eine gute Zeit an. Unterbrochen nur von einem Schreckenstag im Jahr 1090, wo die Kreuzfahrer einige Speyerer Juden ermordeten. Doch bot der Bischof gleich Bewaffnete zu ihrem Schutz auf, die weitere Gefahr abwendeten. Jetzt begann die 100jährige Blütezeit der Gemeinde. — Man trieb nach Belieben Handel und Geldgeschäfte. Der Wohlstand muß beträchtlich gewesen sein. Damals entstanden die Bauten der Gemeinde in der Gegend, die heute noch die Judengasse heißt: Eine Synagoge, als deren Baujahr schon 1084 bezeichnet wird, ein Gemeinde-, ein „Dantz oder Brutehaus" (Tanz oder Brauthaus), ein Lehrhaus und eine Mikwe aus der Wende des Jahrhunderts, ein paar Jahre später noch eine zweite Synagoge. Von all dem ist heute nur noch die Mikwe. das „Judenbad" erhalten, das mehr als 400 Jahre seiner Bestimmung diente, heute seiner Renovierung harrend. Eine unterirdische Anlage in romanischem Baustil, wie sie monumentaler in Deutschland heute nirgends zu sehen ist. Das Speyerer .Judenbad mit seinem alten Gemäuer zwischen winkligen Gäßchen verdient nicht nur als ein verträumter Zeuge jüdischer Geschichte, sondern auch als deutsches Kunstdenkmal aus der großen Zeit der salischen Kaiser ernstliche Beachtung. — Von der romanischen Synagoge aber sind allein kümmerliche Mauerreste übrig. Sonst künden nur noch ein paar verwitterte Grabsteine von den jüdischen Menschen des alten Speyer. Deren Namen aber besaßen in der damaligen jüdischen Welt einen guten Klang. War doch die Gemeinde, solange Juden in größeren Massen hier lebten, ein geistiges Zentrum. ..Die Weisen von Speyer" werden mit derselben Ehrerbietung genannt, wie die Meister von Worms und Mainz. Und daß diese drei Gemeinden eine gewisse Einheit bildeten, SCHUM (Speyer — Worms — Mainz) ist aus ihren Verordnungen, den Tekanoth SCHUM allgemein bekannt. Von diesen schreibt ein jüdischer Autor, Isaac aus Wien: .,Von unseren Lehrern in Mainz. Worms und Speyer ist die Lehre ausgegangen für ganz Israel, und seitdem Gemeinden in Deutschland und in dem (slawischen) Königreiche sind, hat man sich daselbst an diese Vorschriften gehalten." Wiederholt tagten auch die Rabbinerversammlungen und der Gemeindeverband während dieser Blütezeit in Speyer, ehe beim zweiten Kreuzzug von 1195 große Verfolgungen über die Gemeinde hereinbrachen. Wenn auch der Kaiser die Mörder zwang den Juden Busse zu zahlen, es war der Anfang des Niedergangs. 50 Jahre später schon verloren sie ihre Handelsfreiheit: Außer mit Geld, sollten sie nur mit Wein, Kräutern und Arzneien Handel treiben. Und einige Jahrzehnte nach dieser Beschränkung begann ihre finanzielle Ausbeutung durch die Kaiser, die die Speyerer Juden von nun an wechselnd an Städte, Bischöfe und Herren verpfändeten und wiederholt sämtliche Forderungen, die die Juden besaßen, für null und nichtig erklärten. Gegen Ende dieses 13. Jahrhunderts aber setzte die lange Leidenszeit der Speyerer Juden eigentlich ein. während sie bald vertrieben oder ermordet, bald wieder zurückgerufen wurden. So ereilte sie 1282 und 1343 das Verderben. Und als 1343 der ..Schwarze Tod" durch Europa rast, leuchtet im Speyerer Judeughetto die Brandfackel der sich selbst verbrennenden Juden durch ein blutiges Morden. — Das Geschehen dieses Jahres hat vor ein Jahrzehnt der damalige deutsche Gesandte in Wien Dr. Maximilian Pfeiffer in seinem Buch „Kyrie eleison", ein Roman von Juden und Christen im alten Speyer" gestaltet. — Dieser Schlag hatte die Gemeinde ins Mark getroffen. Die Steine ihrer Häuser, Grabsteine und Friedhofsmauern wurden von der Stadt zu neuen Türmen und zur Ausbesserung der Stadtmauern benützt. Zwar durften die 1349 Entkommenen, die in Heidelberg Zuflucht gefunden hatten, wieder zurückkehren, aber es gab nur neue Schwierigkeiten: Reibereien mit den Zünften, ein Verbot der Errichtung neuer Schulen, eine demütigende Kleiderordnung. Benützung der Synagoge als städtisches Haus usw. Aber auch die dazwischen liegende Folge von Vertreibungen und Wiederzulassung, konnte die Heimatliebe der Speyerer Juden nicht ersticken, bis mit dem großen Brand der Stadt Speyer im Jahre 1689 Synagoge und Judengemeinde ihr Ende fanden. Als die Stadt wieder aufgebaut war, erhielten die Juden nur ..temporarische" Aufenthaltserlaubnis, so daß sie sich, wie ehemals in den umliegenden Dörfern, wieder ansiedelten. Nach der französischen Revolution aber kamen die Juden aus diesen Dörrern wieder in die Stadt, und als 1808 Napoleon den Juden deutsche Namen geben ließ, wurden schon wieder 80 jüdische Einwohner festgestellt. Seit dieser Namensgebung tragen viele deutsche Juden den Namen Speyer, das auch in Spier. Spiro, Spira zu finden ist. — Die Gemeinde erlebte jetzt einen, wenn auch mit ihrer klassischen Zeit nicht vergleichbaren Wiederaufstieg. 1836 wurden eine neue Synagoge und eine jüdische Schule eingerichtet, die bis heute bestehen. 1900 zählte die Gemeinde wieder 500 Seelen, die aber heute auf 269 zurückgegangen sind. Ein einziger Lehrer ist der Verwalter einer großen Tradition. Von der Not unserer Zeit sind die Speyerer Juden hart getroffen. Ein großer Teil der Jugend ist im letzten Jahr abgewandert. Aber wenn die Jüdische Gemeinde zu Speyer auf ihre Geschichte zurückblickt, dann weiß sie, daß dies nicht die erste Notzeit ist, die sie bestehen mußte und überstanden hat. R. W. Herz, früher Speyer, jetzt Berlin. Aus der Gemeinde München Chanukkah Das Chanukkah-Fest fällt dieses Jahr nach den bekannten Eigentümlichkeiten des jüdischen Kalenders sehr früh, nämlich in die Zeit vom 2. bis 9. Dezember und beginnt Samstag abend, den 1. Dezember. Die Synagogen-Zeiten gehen aus dem Kalender in dieser Nummer hervor. Über die historischen und religiösen Grundlagen des Festes, namentlich über den Bedeutungswandel, den die Gedenktage erfahren haben, war vor einem Jahr in diesen Blättern (Nr. 23 v. 15. Dezember) eine ausführliche Abhandlung veröffentlicht. Die Tage der „Reinigung und Wiedereinweihung des Tempels" sind zum Lichtfest geworden. Im Kreis der Familie und in den Synagogen erschallt mächtiger als je das „Moos zur "ns ". Wir verweisen auf die Chanukkah-Beilage in dieser Nummer.

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