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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-11-15 · 22 (15.11.1934) · p. Seite 467

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
22 (15.11.1934)
Date
1934-11-15
Page
Seite 467 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 22 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 467 d. h. unter Berücksichtigung der allgemeingeschichtlichen und geographischen Verhältnisse, wobei der Blick immer auch auf die Religionsgeschichte gerichtet sein müsse. Am Nachmittag des gleichen Tages befaßte sich Hugo Rosenthal, der. Leiter des Landesschulheimes Herrlingen, in einer Arbeitsgemeinschaft mit der „Psychologie des j ü - dischen Kinde s". Den Gegenstand behandelte Hugo Rosenthal am Abend nochmals in einem weit ausholenden Vortrag, der gemeinsam mit dem Jüdischen Kulturbund für e;ne breitere Öffentlichkeit veranstaltet wurde. Hugo Rosenthal ging von der bekannten Typenlehre Kretschmers und C. G. Jungs aus und entwarf in Anwendung dieser Lehren ein Bild der psychischen Eigenart des jüdischen Kindes, dessen besonders geartete Seinsbedingungen besondere Gefahren mit sich bringen. Der Redner erläuterte an Beispielen aus der Praxis seine theoretischen Ausführungen. Vor allem wandte er sich an die jüdischen Eltern und warnte vor Verzärtelung, die das jüdische Kind gemeinschafts- und lebensunfähig mache. Der zweite Tag des Kurses (Freitag) brachte die auch methodisch fesselnde historische Arbeitsgemeinschaft von Dr. Ernst Simon über den jüdischen „Fürsprech" Jossei von R o s h e i m aus dem Zeitalter der Reformation. Simon verstand es, unter Benützung der Quellen und der vorhandenen Darstellungen die Teilnehmer seines Kurses zur regsten Mitarbeit heranzuziehen. Den Nachmittag füllte ein besonders gelungener Singkurs unter Leitung von Musikdirektor Karl Adler, Stuttgart, der in ungemein lebendiger Art Lust zum gemeinschaftlichen Singen und zum Verständnis für Musik erweckte und deutsche und hebräische Lieder und Kanons singen ließ. Der Abend versammelte die Teilnehmer des Schulungskurses zu einer Freitag-Abend-Feier, zu der die Gemeinde in den Räumen der Restauration Weiß geladen hatte. Ansprachen von Oberstlandesgerichtrat Neumeyer und Dr. Ernst Simon sowie die musikalische Ausgestaltung durch Oberkantor Prof. Kirsch ner gaben dem Abend festliche Gestalt. Eine alle Teilnehmer packende, überaus belebte Aussprache über Jugend und Tradition mit Ernst Simon beschloß den zweiten Tag des Kurses. Simon schilderte den Typ der jüdischen Vergangenheit, den „Talmid chacham" und stellte ihm den der Gegenwart gegenüber: den Chaluz, den jungen jüdischen, handarbeitenden Pronier. In der Synthese beider Typen: dem traditionsverbundenen Chaluz sieht Simon den anzustrebenden Typ der Zukunft. Der Sabbat wurde durch einen Festgottesdienst in der Ha uptsynagoge mit einer großangelegten Predigt von Rabbiner Dr. Baerwald eingeleitet, der am Beispiel Jizchaks die Bereitschaft zum „Opfern" und „Lernen" als jüdische Verpflichtung hinstellte. Den Vormittag füllte eine Arbeitsgemeinschaft von Ernst Simon über das Buch Jeremia. mit hebräischer Lektüre ausgewählter Texte. Musikdirektor Karl Adler behandelte am Sabbat-Nachmittag in Fortsetzung seines Singkurses das hebräische Lied. Der anschließende Oneg Schabbath unter Leitung von Ernst Simon war dem Gedenken an unseren größten hebräirchen Dichter der Gegenwart, Chaijm NachmanBia- 1 i k gewidmet. Nach einem vom Jüdischen Frauenbund den Kursteilnehmern gespendeten Abendessen setzte Dr. Simon seinen Kurs über Jossei von Rosheim fort und versammelte die hebräisch sprechenden Teilnehmer anschließend zu einer Sichah in hebräischer Sprache über J. L. Perez. Der Vormittag des Sonntag galt der Klärung pädagogischer Fragen der Schul- und Bundespraxis unter der sachkundigen Leitung von Prof. Bondy, Frankfurt a. M. Am Nachmittage sprach Prof. Dr. Ernst Kantorowicz, Frankfurt a. M., über „Aufgaben einer Gegen wartskund e". Der Referent legte das größte Gewicht auf scharfe, saubere, kritische Methoden des Denkens bei einer leiden- , schaftslosen Betrachtung unseres gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens: diese Betrachtungsweise, die Verstehensmöglichkeit der uns begleitenden ökonomischen, sozialen und politischen Vorgänge sei gerade für den jüdischen jungen Menschen unerläßlich. Herr Dr. Ludwig Feucht wanger, München, ergänzte das Referat durch Skizzierung eines Planes einer jüdischen Gegenwartskunde an Hand einer ausgearbeiteten Disposition mit reichhaltiger Bibliographie. Eine knappe Zusammenfassung von Prof. Kantorowicz und Ansprachen von Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer und den Jugendführern Ernst C r a m e r , Augsburg und Fritz Harburger, München, die der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung, dem Landesverband und der Gemeinde, sowie den Referenten und Hans Lamm ihren Dank namens aller Teilnehmer der Lernzeit aussprachen, beschlossen die arbeitsreichen Tage. Am Sonntag abend lud der Münchener Künstler Alfons R o - s e n b e r g die Kursteilnehmer in den Museums-Saal zur Aufführung seines Marionetten-Legendenspieles vom Golem. In technisch bereits recht vollkommener Weise brachte Rosenberg mit seinen hölzernen Künstlern seine selbstverfaßte Dramatisierung der alten Prager Golemsage zu voller Geltung. Es ist zu wünschen, daß das Spiel — vielleicht in gekürzter, konzentrierterer Form — bald vor ein größeres Publikum gebracht wird. Während des Schulungskurses hatte die Münchener Ewer- Buchhandlung gemeinsam mit der Malerin M a r i a L u i k o eine lehrreiche Ausstellung jüdischer Bücher und bibliophiler Handbände jüdischer Künstler sowie kunstgewerblicher Arbeiten jüdischer Schüler veranstaltet. Die ereignisreichen Tage des Schulungskurses vermittelten allen Teilnehmern wertvollste Kenntnisse und Anregungen: von allen Seiten wurde die Erwartung ausgesprochen, daß bald wieder eine ähnliche Veranstaltung die .Jugendführer des Landes zu gemeinsamem Lernen zusammenführt. 850 Jahre jüdische Gemeinde zu Speyer In dieser Zeit, wo Heimatverbundenheit und Heimatrecht der deutschen Juden in Frage gestellt wird, ein paar Monate nach der 900-Jahrfeier der Synagoge zu Worms, am 13. September 1934 bestand die jüdische Gemeinde zu Speyer 850 Jahre. — Am gleichen Tag im Jahr 1084 n. Chr. erklärte der Bischof Rüdiger Huosmann in einer Urkunde wörtlich, er glaube den Ruhm der Stadt Speyer tausendfach zu mehren, wenn er (zugleich mit der Eingemeindung des Dorfes Altspeyer die dort wohnenden) Juden aufnehme. Das ist die Geburtsurkunde der Jüdischen Gemeinde zu Speyer. Erwiesen aber ist, daß Juden schon lange vorher, nämlich seit dem 8. Jahrhundert, sich in Alt-Speyer, das an den großen Handelsstraßen Köln-Mailand und Köln-Narboime gelegen war, angesiedelt hatten. Luther behauptet, daß schon in der frühesten Zeit des fränkischen Reiches hier Juden lebten, wenngleich die Geschichte der Kultur von den Juden der damaligen Zeit ebensowenig, wie von den Deutschen zu berichten weiß. Ja, eine Ansiedlung schon zu römischer Zeit ist wahrscheinlich. So zählt Speyer mit den anderen rheinischen Gemeinden Köln, Mainz und Worms zu den ältesten jüdischen Niederlassungen in Deutschland. Die Erinnerung, die in die Zeit vor 1084 zurückgeht, trifft in der Speyerer Altstadt etwa um das Jahr 1000 Sprosse aus der berühmten italienischen Rabbinerfamilie Kalonymos in einer schon damals bestehenden Judengemeiude an. in deren Talmudschule auch Raschi gelernt hat.— Bis in diese Zeit wohnten die Juden in der Altstadt, angesehen und ungestört unter den christlichen Bürgern. Seit etwa 1050 aber mußten sie vor Ausschreitungen des Pöbels geschützt werden. So zog Bischof Rüdiger nach jener Urkunde von 1084 seine jüdischen Untertanen auf einem besonderen Gelände zusammen, das er zu ihrem Schutz mit Mauern umgeben ließ. Hier ist zum erstenmal in Deutschland das Ghetto erwähnt, das aber nicht zu Hohn und Schande, sondern nur zum Schutz der Juden errichtet wurde. Im gleichen Jahr nahm der Bischof viele Juden aus Mainz auf, wodurch erst die Gemeinde so rasch emporblühen konnte. In dem Privileg aber gewährte er ihnen Freiheiten und Rechte, wie sie die Juden in Deutschland damals

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