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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-11-15 · 22 (15.11.1934) · p. Seite 466

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
22 (15.11.1934)
Date
1934-11-15
Page
Seite 466 (sequence 6)
Language
German
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466 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 hörige oder sonstige nahestehende Personen zur Aufbringung der Kosten herangezogen werden können. Auf dieser Grundlage findet seit einem halben Jahr die Arbeit der Bezirksstellen statt, die — nach einem anfänglich kräftigen Ausbau — in letzter Zeit durch finanzielle Schwierigkeiten außerordentlich gehemmt worden ist. Den Bezirksstellen stehen (abgesehen von der örtlich sehr verschiedenen Unterbringungsmöglichkeit in Einzellehr- und Volontärstellen) etwa je 20 landwirtschaftliche und handwerkliche kollektiv^ Ausbildungsstätten sowie etwa 15 hauswirtschaftliche Ausbildungsgelegenheiten, alle 3 Gruppen mit insgesamt etwa 1250 Plätzen zur Verfügung. Dabei werden natürlich diese Plätze nicht etwa nur von den aus öffentlichen Mitteln unterstützten jungen Leuten, sondern auch zu einem erheblichen Teil von Selbstzahlern in Anspruch genommen. Dieses Nebeneinander zahlender und unterstützter Personen erschwert eine genaue Übersicht über den zahlenmäßigen Umfang der landwirtschaftlich-handwerklich-hauswirtschaftlichen Erstausbildung und Berufsumschichtung. Keine Statistik erfaßt diejenigen zahlreichen jungen Menschen, die ohne Inanspruchnahme öffentlicher Mittel, oft auch ohne jede öffentliche Beratung, bei einem Meister im Inland oder gar im Ausland ein Handwerk erlernen, und selbst die zahlenden Praktikanten z. B. der Frauenschule in Wolfratshausen bei München, entgehen wohl der Statistik über den Stand der weiblichen Berufausbildung. Nur als Mindestzahl ist daher zu werten, wenn der soeben erschienene Jahresbericht des ..Centraiausschusses der deutschen Juden für Hilfe und Aufbau" 6059 Personen im Inland und Ausland (unter Einschluß der vom Hechaluz erfaßten Ausbildungsstellen) als in der Berufsausbildung befindlich bezeichnet (davon 27 Prozent in der Landwirtschaft, 16 Prozent in der Gärtnerei). Eine neuere Statistik nach dem Stande vom 30. Juni 1934 gibt 2644 Personen als in der Ausbildung befindlich an, wobei es rieh allerdings nur um inländische, von den Bezirksstellen bezuschußte Fälle handelt. Von diesen 2644 sind 727 in der Landwirtschaft, 274 in der Gärtnerei, 133 als Tischler. 130 als Schlosser, 325 Mädchen in der Hauswirtschaft. 392 Mädchen in der Schneiderei beschäftigt, der Rest zerfällt auf etwa 23 verschiedene Berufsgruppen. Gemessen an der oben errechneten Zahl der in Betracht kommenden jüngeren Jahrgänge und an den uns allen täglich begegnenden Berufsproblemen der jüdischen Jugend erscheint uns die statistisch erfaßte Zahl außerordentlich gering: die Zahl der dieser Berufsstatistik unbekannt bleibenden Fälle der Berufswahl und -neuwahl muß mithin außerordentlich groß sein. Einen Anhaltspunkt mag die Tatsache .geben, daß allein in Berlin im Jahr 1933 etwa 2000 Jugendliche in Lehrstellen untergebracht worden sind und für 1934 mit etwa 3600 zu beschaffenden Lehrstellen gerechnet wurde, die allerdings wiederum zum Teil in den oben genannten Zahlen des Zentralausschusses enthalten sein dürften (dabei ist zu beachten, daß Berlin zahlenmäßig ein Drittel des deutschen Judentums repräsentiert). Die Aussichten der jetzt in Erstausbildung oder Berufsumschichtung befindlichen jüdischen Jugend in Deutschland sind schwer zu übersehen, sie sind vor allem in der Landwirtschaft außerordentlich gering, aber auch die Zukunft des jüdischen selbständigen Handwerkers und Kaufmanns, wie des unselbständigen Handwerksgesellen, Industriearbeiters und Angestellten sind in Dunkel gehüllt; insbesondere sind Arbeitsfront, Arbeitsdienst, Landhilfe, die Vorzugsstellung der in der „Anordnung über Verteilung der Arbeitskräfte" ausdrücklich genannten Personengruppen Hemmnisse für den jüdischen Arbeitnehmer. Die in den obigen Richtlinien dem Zentralausschuß zugedachte „Planung" bezüglich der „Verteilung der einzelnen Berufsgruppen", sowie die „Erforschung und Schaffung späterer Berufseinordnungsmöglichkeiten" stellt die verantwortlichen jüdischen Stellen vor die schwierige Aufgabe, den Arbeitsmarkt und die Niederlassungsmöglichkeiten des In- und Auslandes in rechtlicher, tatsächlicher und wirtschaftlicher Hinsicht fortlaufend zu studieren. Eine normalere Berufs^erteilung, als sie dem deutschen Judentum der Vergangenheit eigen war, ist unter allen Umständen zu erstreben, die Ausbildung in der Landwirtschaft und im Handwerk — wenn auch ohne Übertreibung, was die Bewertung der kaufmännischen Betätigung betrifft — nach Kräften zu fördern. Für die, die auswandern wollen oder müssen, kommt als Auswanderungsland, da die übrige Welt sich gegen die Zuwanderung ausländischer Arbeitnehmer immer mehr absperrt, voa allem Palästina — im Rahmen der Zertifikatrmöglichkeiten — in Betracht. Es ist das einzige Land, in dem (wenn man von dem Araberproblem absieht) Juden als Zuwanderer willkommen geheißen werden, es stellt die Jugend vor eine eigene große Aufgabe und nötigt sie nicht, die ihr unter Schmerzen verloren gegangene deutsche Kultur gegen eine andere, fremde Kultur einzutauschen, sondern lädt sie im Gegenteil ein, an der Schaffung einer eigenen jüdischen Kultur auf der Grundlage eines normal gegliederten Volkslebens mitzuarbeiten. Sache einer verantwortungsbewußten jüdischen Politik in Palästina wird es sein, den Ausgleich gegenüber den Arabern zu finden und den Gedanken einer Machtpolitik abzuwehren, die dem Judentum nach seiner Vergangenheit fremd ist und dem Aufbauwerk nur zum Unheil ausschlagen würde. So verschlingt sich heute Berufsberatung, Berufsausbildung und Berufsumschichtung in Deutschland mit dem jüdischen Schicksal auf der ganzen Welt: es gebührt dabei Palästina die ihm in den Richtlinien oben mit Recht zugedachte Vorzugsstellung für die Aufnahme jüdischer Jugend aus Deutschland. Schulungskurs für Jugendführer Die Münchener Tagung für jüdische Erwachsenenbildung Zu den erfreulichsten und von allen jüdischen Kreisen dankbar mit tätiger Anteilnahme aufgenommenen Einrichtungen der Reichsvertretung der deutschen Juden gehört die Mittelstelle für j ü d i s c h e Erwachsenenbildung. Sie will in einer Zeit, die uns auf uns selbst verweist und von uns die größtmögliche Zurückhaltung aus dem Kreis der Umwelt gebieterisch fordert, jüdisches Bildungsgut außerhalb von Synagoge und Schule im weitesten Sinn vermitteln. Wie und was vermittelt werden soll, davon geben die zahlreichen über das ganze Reich hin verteilten Schulungskurse und Lernzeiten einen Begriff. Vom 1. bis 4. November veranstalteten die Münchener Kultusgemeinde und der Verband bayerischer israelitischer Gemeinden gemeinsam mit der „Mittelstelle" einen solchen Schulungskurs für mehr als 100 Jugendführer aus allen Bünden, hauptsächlich aus Bayern. Die Tagung gehörte zu den gelungensten Veranstaltungen in unserem Kreis; eine große Anzahl junger Menschen hat in dieier Lernzeit bleibende Förderung und belebenden Anstoß erfahren. Um die Anregung und Durchführung des Kurses hat sich insbesondere Herr Hans Lamm, München, verdient gemacht. Die musikalische Eröffnung bestand aus zwei Sätzen aus einem Vivaldi-Konzert, vorgetragen von den Damen Marianne Lißmann und Lieselotte Weiß. Nach dem musikalischen Vorspiel eröffnete namens der Gemeinde und des Landesverbandes, Herr Oberstlandesgerichtsrat Dr. N e u m e y e r die Tagung. Er erklärte es für eine der vornehmsten und dringendsten Aufgaben von Verband und Gemeinde an der Erhaltung der religiösen und geistigen Kraft der deutschen Juden auch außerhalb von Schule und Gotteshaus durch die Mittel der Erwachsenen-Bildung mitzuwirken; er rief der schwer ringenden Jugend ermunternde Worte zu und dankte den Veranstaltern und Dozenten für ihre Breitschaft. Nach Begrüßungsworten durch den Vertreter des Ortsringes der jüdischen Jugend trat Herr Rabbiner Dr. Leo Baerwald in die Behandlung des ersten Themas ein: Biblische Geschichte für Jugendliche. Dr. Baerwald zeigte, wie man für die dem Kindesalter entwachsenen, zur Kritik neigenden Jugendlichen biblische Geschichte zu behandeln hat,

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