Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-11-15 · 22 (15.11.1934) · p. Seite 464

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
22 (15.11.1934)
Date
1934-11-15
Page
Seite 464 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2727810-2728000-2728022--09776-2743062
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

464 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 22 schon durch die Masse der Gefährten, durcli die ungeheure „Multiplikation seines Ich" allein schon bedeutsam geworden zu sein. Es wird vielmehr darauf ankommen, die Gefahren sowohl eines extremen Individualismus, wie er in unseren Reihen besonders häufig zu finden ist. als auch eines extremen Kollektivismus zu vermeiden. Es wird darauf ankommen, wie es in den Bundesblättern der Werkleute glücklich formuliert wird. .,zu versuchen, in unserem eigenen Leben zu neuem Sinn und neuer Art des Miteinanders vorzustoßen". Aber darüber hinaus stellen wir fest: Eine „kulturelle Autonomie" kann für uns nur dann von einer Beschränkung — als die sie vielleicht gedacht sein mag — zu einem Gewinn werden, wenn es wirklich gelingt, warmes, pulsierendes kulturelles Eigenleben in der ganzen jüdischen Gemeinschaft zu wecken. Wenn die Jugend auch hierbei vorleben will, so fordert sie doch mehr als etwa nur Duldung. Sie fordert Interesse, Unterstützung. Mitarbeit bei ihrem Wollen. Wir sind dankbar dafür, daß man uns eine kulturelle Aiuonomie geben will und wir hoffen einstens sagen zu können: Dies war uns genug gewesen. Probleme der Berufsumscr.icr.tung Von Dr. Georg F 1 a t o w (Berlin). Die Ereignisse des Jahres 1933 haben die deutschen Juden, insbesondere die Jugend, beruflich vor eine vollkommen veränderte Lage gestellt. Um das zu veranschaulichen, sei an die von der übrigen Bevölkerung abweichende wirtschaftliche Gliederung der Juden erinnert mit ihrem überaus hohen Anteil an Handel und Verkehr und dem Zurücktreten von Industrie, Handwerk und Landwirtschaft, sowie (sozial gesehen) an den sehr hohen Anteil der Selbständigen- und Angestellten und Beamten, praktisch der Angestellten und demgegenüber das Zurücktreten der Arbeiter. Auf die wohlbegründeten historischen Ursachen dieser eigenartigen Gliederung einzugehen, ist liier nicht der Ort. Es ist aber ohne weiteres klar, daß die gesetzlichen Maßnahmen bezüglich der öffentlichen Dienste und freien Berufe, der Gleichschaltungsprozeß in der Wirtschaft, sowie die veränderte Einstellung weiter Volksschichten gegenüber dem jüdischen selbständigen wie unselbständigen Handeltreibenden, besonders auch im Bereich des landwirtschaftlichen Marktverkehrs, eine Entwicklung in raschestem Tempo vorwärts getrieben haben, die aufmerksame Beobachter bereits in den vorangehenden Jahren mit Besorgnis hatten heraufziehen sehen. Tausende standen und stehen vor der' bangen Frage, ob sie ihren bisherigen Beruf fortsetzen können, ob sie einen neuen und welchen sie ergreifen sollen, ob sie ihn in Deutschland oder anderswo ausüben werden: besonders die junge, in der Berufsvorbereitung oder vor der Berufswahl befindliche Generation sah und sieht sich in die Notwendigkeit versetzt, die Richtigkeit der begonnenen oder beabsichtigten Berufsausübung noch einmal zu überprüfen und sich gegebenenfalls den veränderten Verhältnissen entsprechend umzustellen. Um welche Größenordnungen es sich bei diesen jüngeren Schichten handelt, zeigt folgende Überlegung. In Preußen, das hier durchaus repräsentativ für das Reich sein dürfte, bildeten 1925 unter der jüdischen Bevölkerung die Altersstufen zwischen 5—25 Jahren 26,8 Prozent, also etwas über ein Viertel der gesamten jüdischen Bevölkerung Preußens. Auf die jüdische Reichsbevölkerung von 564 000 Personen umgerechnet, ergibt der genannte Prozentsatz rund 140 000 Personen in den heutigen Altersstufen von 14—34 Jahren (Differenz 1925—1934). Um sich darüber klar zu werden, was aus diesen 140(100 Menschen seit dem Jahre 1925 geworden ist. muß man berücksichtigen, daß (abgesehen von dem natürlichen Abgang durch Tod und dem gelegentlichen Wegzug) darunter eine erhebliche Zahl ausländischer Juden dieser Jahrgänge steckt, von denen etwa 15 000 Deutschland als Rückwanderer inzwischen verlassen haben mögen. Man muß ferner beachten, daß die Emigration vorzugsweise diese jüngeren Altersschichten erfaßt hat. So mag die zur Zeit noch in Deutschland befindliche Zahl der Angehörigen der Altersstufen von 14—34 Jahren bereits erheblich unter 100 000 liegen und mit 70 000—80 000 nicht zu hoch veranschlagt sein. Von diesen ist ein gewisser Teil wohl auch heute noch in der Schule, ein anderer Teil als Angestellte, namentlich bei jüdischen Arbeitgebern, beschäftigt, die weiblichen Angehörigen dieser Jahrgänge, die nach den Mitteilungen guter Beobachter anscheinend verhältnismäßig weniger ausgewandert sind als die Männer, vielfach noch im Elternhaus als Hilfe der Mutter, so daß sich .damit die Zahl derjenigen, die vor der akuten Frage der Berufswahl oder -neuwahl stehen, um eine weitere unbekannte Zahl vermindert. Die bevölkerungspolitisch ungünstige Zusammensetzung des Judentums mit seiuen dürftig besetzten jüngeren und seinen übermäßig besetzten älteren Jahrgängen erleichtert wenigstens die gegenwärtige schwierige Lage. Zu allen den äußeren Antrieben eines veränderten Berufszieles tritt als ideelles Moment der zionistische Gedanke, dessen Anziehungskraft auf die Jugend sich immer stärker bemerkbar macht. Die jüdische Berufsberatung, wie sie durch die Beratungsstellen, durch die Presse, durch die Schulen, durch die Organisationen, besonders die Jugendbünde erfolgt, steht vor der unendlich schwierigen Aufgabe, in einer Zeit schärfster weltwirtschaftlicher Krise und Unübersehbarkeit der innerdeutschen Gestaltung jüdischen Schicksals tausenden auf die Frage ihrer beruflichen Zukunft eine Antwort geben zu sollen. Nur das eine konnte und kann mit einiger Sicherheit gesagt werden: diejenigen Berufe, denen sich die jüdirche Jugend in den letzten Jahrzehnten vorzugsweise zuwandte (siehe oben die Gliederung), werden ihr in Deutschland bis auf weiteres, sei es rechtlich, sei es tatsächlich nicht oder nur sehr erheblich gemindert offenstehen, sie sind in Palästina, das einen normal gegliederten Volkskörper braucht, nahezu wertlos und sind auch in der übrigen Welt, soweit sie überhaupt zugänglich ist. nur ausnahmsweise zu verwerten. So lenkte sich von selbst die Aufmerksamkeit den vom deutschen Judentum bisher vernachlässigten Berufen der Landwirtschaft einschließl. der Gärtnerei, des Handwerks und — für Mädchen — der Hauswirtschaft zu. Auch ohne formelle Leitsätze, die erst den Ereignissen nachhinkten, änderte sich das Berufsziel: die so oft als „intellektuell" verschrienen Jugend drängten plötzlich zu den Urberufen und zum Handwerk, zu einem erheblichen Teil mit dem Blick auf Palästina, im übrigen vielfach zunächst ohne konkrete Vorstellung bezüglich des künftigen Aufenthaltslandes. Die Ausbildung in Deutschland stieß und stößt bekanntlich vielfach auf mehr tatsächliche als gesetzliche Schwierigkeiten, besonders außerhalb der Großstädte. Bald lehnen die Handwerkskreise, bald die landwirtschaftlichen Arbeitgeber und Organisationen die Einstellung jüdischer Lehrlinge und Volontäre ab. Die aus der Umorganisation der Arbeitnehmerschaft zur Deutschen Arbeitsfront sich ergebenden Schwierigkeiten im Betrieb, zu denen gegenwärtig noch die neue Anordnung über die Verteilung der Arbeitskräfte kommt, erleichterten den Umstellungsprozeß ebenfalls nicht. Viele bemühten sich daher, im Ausland reibständig mit Hilfe von Freunden oder Verwandten oder durch Hilfskomitee im alten Beruf unterzukommen oder einen neuen handwerklichen oder landwirtschaftlichen Beruf zu erlernen. Der „Hechaluz" organisierte neben seiner Inlandstätigkeit im Ausland eine größere Anzahl kollektiver wie individueller Ausbildungsmöglichkeiten für jüdische junge Menschen aus Deutschland. Es dauerte eine geraume Zeit, bis die Aufgabe einer sinnvollen Berufspolitik allen Beteiligten klar erkennbar wurde. Anfänglich, angesichts der sich überstürzenden Ereignisse, hatten viele, auch amtliche jüdische Stellen, geglaubt, daß eine kurzfristige Ausbildung eine neue Existenzgrundlage im Inland oder Ausland geben könne. Die körperlich-psychologischen Voraussetzungen einer so tiefeingreifenden Wandlung, wie es die Abwendung von den bisherigen typischen und die Zuwendung zu neuen Berufen für den jüdischen Menschen darstellt, waren vielfach nicht genügend berücksichtigt worden. Daß niemandem mit einer unvollständigen raschen Ausbildung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.